Warum wir Sundance lieben

28. Januar 2021

Das Filmfestival in Park City, Utah, ist die Wiegenstätte des amerikanischen Independent Kinos. Dieses Jahr findet es leider nur online statt, vom 28. Januar bis 3. Februar. Für uns vom Zurich Film Festival markiert es den Auftakt unserer Programmarbeit. Eine Ode an das Sundance Film Festival, das für die ZFF-Gründer ein Vorbild war.

Eine schöne Ansicht des stets verschneiten Sundance Film Festivals mit dem berühmten Egyptian Theatre (rechts)

Sundance hat mich fasziniert, seit ich Anfang der neunziger Jahre zum Cinéphilen wurde. Denn das von Robert Redford gegründete Filmfestival im Mormonenstaat Utah ist die Wiegenstätte des amerikanischen Independent-Kinos. Dort wurden Steven Soderbergh, Quentin Tarantino und die Coen-Brüder entdeckt. Schon als Student der Filmwissenschaften habe ich Bücher wie «Dawn and Dirty Pictures: Miramax, Sundance and the Rise of Independent Film» von Peter Biskind oder «Party in a Box» von Lory Smith über die legendären Gründerjahre verschlungen.

Für alle, die sich fragen, warum das hinter Cannes zweitwichtigste Filmfestival der Welt ausgerechnet in einem amerikanischen Skiort stattfindet, hier die Antwort: wegen der schwierigen Jugend von Robert Redford. Er wuchs in Los Angeles auf, lungerte auf der Strasse herum und glitt in die Kleinkriminalität ab. Da verliebte er sich in eine Mormonin, mit der er in ihre Heimat Utah zog. Zur Ertüchtigung und um die Probleme hinter sich zu lassen, baute er sich selber ein Haus bei Park City. Und blieb der Region, die ihn laut eigenen Angaben «gerettet» hat, bis heute verbunden. 1981 gründete er das Sundance Institut, das junge Filmschaffende unterstützt und das Filmfestival ausrichtet.

Ein Grund für den steilen Aufstieg von Sundance ist, dass die Branchentiere aus Hollywood sehr gern zum Skifahren in die Rocky Mountains fliegen, viele besitzen ein Haus im Deer Valley. Längst ist Park City so etwas wie das St. Moritz der USA. Hier, wo es nicht nur in den Bergen, sondern auch an den Partys viel Schnee gibt, feiert sich die Branche selber, gern auch zu Live-Musik von Arcade Fire oder Taylor Swift.

Das typische Schneegestöber in Park City, Utah wo das Sundance Film Festival stattfindet

Als ich noch Filmkritiker war, habe ich immer davon geträumt, einmal das Festival zu besuchen. Die Sehnsucht verstärkt hat ZFF-Gründer Karl Spoerri, der das Zurich Film Festival was die Programmarchitektur betrifft, nach dem Vorbild von Sundance gestaltete. Ich traf Karl und Viviana Vezzani, damals Programmerin beim ZFF, jeweils auf der Berlinale, wo sie, soeben aus Sundance zurück, von Entdeckungen wie FRUITVALE STATION oder WHIPLASH und euphorischen Publikumsreaktionen schwärmten.

2015 war es dann auch für mich endlich so weit: Ich besuchte das Festival zum ersten Mal und schrieb einen täglichen Blog auf der Website unserer Filmzeitschrift FRAME. Zu meiner Überraschung waren die Zugriffsraten viel höher als bei den Blogs zu anderen Festivals. Offenbar sind viele europäische Cinéphile vom Festival fasziniert. Sundance war für mich Liebe auf den ersten Blick. Ich liebe das Anstehen im Schneegestöber, wobei man fast von allen Punkten aus auf die Skipisten sieht, auf denen während der Olympischen Spiele 2002 von Salt Lake City um Medaillen gefahren wurde. Während Sundance merkt man, ob jemand ein Vollblut-Cinéphiler ist oder einfach nur ein «normaler» Filmfan. Der Vollblut-Cinéphile geht trotz verlockender Bergkulisse lieber ins Kino als auf die Piste. In fünf Jahren Sundance bin ich noch kein einziges Mal auf den Skiern gestanden, obwohl ich Skifahren liebe. Zu gut sind die Filme, zu gross die Angst, eine Perle zu verpassen.

Seit dem ersten Tag hat mich das Aufeinanderprallen der Kulturen fasziniert. Hipster von den beiden Küsten treffen auf Rednecks, mit denen sie oft nur den Bart und das Holzfällerhemd gemein haben.

Park City liegt in Utah, einem der konservativsten Gliedstaaten der USA. 2016 war gerade Wahljahr, Hillary Clinton machte in Utah keine 28 Prozent der Stimmen, Donald Trump wurde mit überwältigendem Mehr gewählt (auch 2020 wieder). Am Festival formierten sich die liberalen Industry Folks aus L.A., New York, San Francisco und Chicago zu einem Protestmarsch. Mein Motel lag etwas ausserhalb und morgens fuhren wir jeweils mit einem Shuttle-Bus nach Park City, wobei man zuweilen Elche sah, die am Strassenrand Gras frassen. Einmal echauffierte sich eine afroamerikanische LGBTQ-Vertreterin aus New York aufs Energischste über Trump, weil dieser die Waffenlobby NRA unterstütze. Wer denn heutzutage noch eine Waffe brauche?, fragte sie die Mitfahrenden. Darauf meinte der Fahrer staubtrocken, er sei Hobbyjäger, habe 17 Gewehre und eines davon befinde sich im Kofferraum.

Susanne Regina Meures (l.) in Sundance annlässlich des Screenings ihres Films SAUDI RUNAWAY im Jahr 2020.

Was mir an Sundance gefällt, sind die vielen Begegnungen, die sich ungezwungen ergeben. Oft man muss man lange anstehen, um in einen Film zu kommen. Weil die Amerikaner sehr offen und kommunikativ sind, kommt man mit vielen ins Gespräch. So habe ich schon viele Industry-Leute und Journalisten kennengelernt.

Für uns vom ZFF ist es wichtig, Sundance zu besuchen, weil es eines der wenigen echten Premierenfestivals ist. Fast alle Filme laufen als Uraufführungen und sind danach oft lange nicht mehr zu sehen. Letztes Jahr habe ich zum Beispiel den Spionagethriller THE COURIER mit Benedict Cumberbatch und den Dokumentarfilm THE DISSIDENT von Oscarpreisträger Bryan Fogel in Sundance entdeckt, die wir im Herbst als Europapremieren am ZFF präsentieren konnten.

Sundance ist auch sehr effizient: Die ersten Screenings beginnen um 8:30 Uhr (und da man in den ersten Tagen wegen des Jetlags ohnehin schon morgens um 4 Uhr erwacht, schafft man es auch problemlos ins Kino), die letzten um 23:30 Uhr. Oft habe ich in Park City sechs Filme am Tag geschaut. Und zur Feier des Tages sind wir dann manchmal ins Adolph’s Restaurant gegangen und haben ein Käsefondue gegessen. Und mit dem unverwüstlichen Chef Adolph Imboden gesprochen, der vor einem halben Jahrhundert vom Berner Oberland nach Utah auswanderte und in amerikanisch gefärbtem Schweizerdeutsch zu erzählen weiss, dass bei ihm schon alle Skiasse und Stars gegessen haben: Von Bernhard Russi über Pirmin Zurbriggen bis Dustin Hoffman und Meryl Streep.

Erstmals haben wir letztes Jahr an einer vom Schweizer Konsulat in San Francisco, Swissnex Network und Swiss Films organisierten Reception (zu Ehren des Schweizer Films SAUDI RUNAWAY) teilgenommen und das ZFF einem internationalen Branchenpublikum vorgestellt.

Dieses Jahr ist leider alles etwas anders: Wegen der Pandemie findet das Festival nur online statt. Für die Screenings konnten ZFF-Programmerin Anja Fröhner und ich vorab Tickets reservieren. Die Vorstellungen finden zur lokalen Zeit, also der Mountain Time, statt – acht Stunden nach der mitteleuropäischen Zeit. Deshalb werden wir in den nächsten sieben Tagen nachtaktiv sein und von abends 18 bis morgens um 5 Uhr Filme schauen und jeweils am Vormittag schlafen. Das Programm umfasst deutlich weniger Titel als in den Vorjahren und scheint unter der neuen Direktorin Tabitha Jackson noch diverser als es ohnehin schon war. Wir sind zuversichtlich, dass wir wieder einige Perlen entdecken können, die wir dann im Herbst auch am ZFF zeigen können. Im Kino, versteht sich.

Text: Christian Jungen

 

> Hier geht's zum Erlebnisbericht zum Sundance Film Festival 2020


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