«Ich erwarte nichts von den Regisseuren» - Juliette Binoche

18. November 2020

Juliette Binoche ist die wohl grösste lebende französische Schauspielerin. Aktuell ist ihr neuer Film LA BONNE ÉPOUSE im Kino zu sehen. Ein Gespräch mit der Frau, die am ZFF für ihr Lebenswerk geehrt wurde.

Juliette Binoche (Foto: Jean-François Robert, modds)

Juliette Binoche (Foto: Jean-François Robert, modds)

In Frankreich machte sich Juliette Binoche mit ihrem lodernden Spiel in André Téchinés «Rendez-vous» 1985 einen Namen. Der internationale Durchbruch folgte 1988 mit der Verfilmung des Kundera-Romans «The Unbearable Lightness of Being». Seither ist sie dank ihrer sicheren Hand bei der Rollenwahl zu einem der profiliertesten Stars des Weltkinos geworden: An den Festivals von Cannes, Venedig und Berlin gewann sie die jeweiligen Schauspielerinnen-Preise, Hollywood verlieh ihr für die Darstellung der Krankenschwester in «The English Patient» einen Oscar.

FRAME: Frau Binoche, Sie haben mit einigen der wichtigsten Regisseure des französischen Films gearbeitet und sich auch in internationalen Produktionen einen Namen gemacht. War und ist es schwierig, diese beiden Karrieren parallel zu führen?

JULIETTE BINOCHE: Eine Karriere wird in erster Linie vom Leben bestimmt. Es stimmt, dass ich im richtigen Augenblick stets auch am richtigen Ort sein konnte. Eine Laufbahn ist allerdings immer auch vom Schicksal geprägt. Als mir vorgeschlagen wurde, am Casting von «The Unbearable Lightness of Being» teilzunehmen, wollte mich Philip Kaufman zunächst nicht im Film. Im letzten Augenblick wollte er mich dann doch und liess mich Probeaufnahmen machen, bevor er sich eine Woche vor Drehbeginn für mich entschied. All dies hängt auch vom Schicksal ab. Natürlich entscheide ich mich für die Produktionen, die ich drehe. Ab einem gewissen Zeitpunkt wird man jedoch von den Ereignissen auch schlicht überrollt. Ich würde es so sagen: Manchmal stehen die Sterne günstig, und die Dinge ereignen sich zum richtigen Zeitpunkt . . . Wichtig ist: Ich habe stets Vertrauen in die jeweiligen Projekte, ob diese nun zustande kommen oder scheitern. Auch wenn es manchmal schmerzhaft war, dass gewisse Produktionen nicht gedreht wurden, sei dies aus Geldmangel, sei’s, weil ich nicht gewählt wurde. Was mir als Leitlinie dient, ist, dass man Vertrauen haben sollte in das, was einem das Schicksal zuteilt. Und die Gewissheit, dass man an sich arbeiten muss, um zum richtigen Zeitpunkt bereit zu sein. Dies ist die Verantwortung der Künstler im Allgemeinen und der Schauspieler im Besonderen.

Sie waren Anfang zwanzig und hatten schon mit Jean-Luc Godard, André Téchiné und Leos Carax gedreht. Waren Sie sich damals bewusst, dass Sie in einigen der wichtigsten Produktionen des neueren französischen Films mitgewirkt hatten?

So ganz klar war mir dies damals noch nicht. Ich war natürlich sehr beeindruckt, mit Godard zu drehen, doch zugleich auch enttäuscht. Er war nicht einfach; auch wenn er sich sehr grosszügig zeigte, auch im Finanziellen, was wichtig war für mich, da ich damals als junge Schauspielerin kaum leben konnte von meinem Beruf. Auf dem Set fürchtete ich ihn allerdings. Es war wie der Wind, der plötzlich dreht. Seine Stimmung konnte jeden Augenblick kippen.Das hatte mich beeindruckt, denn ich dachte nicht, dass so etwas geschehen könnte. Ich erwartete einen Vater, realisierte aber rasch, dass dies nicht der Fall sein würde. Der Vorteil war, dass ich sehr schnell lernte, nichts von den Regisseuren zu erwarten. Ich realisierte, dass sich die Dinge in mir ereignen müssen und von der Arbeit abhängen, die ich vorher und für mich selbst absolvieren muss.

Sie haben bisher drei Filme mit Michael Haneke gedreht, ebenfalls drei mit Olivier Assayas und zwei mit Claire Denis. Man hat manchmal den Eindruck, Ihnen sei die Kontinuität der Zusammenarbeit mit einzelnen Regisseuren wichtiger als das jeweilige Drehbuch. Stimmt das?

Ja, vor drei Monaten sagte mir Claire Denis, sie schreibe an einem Buch, das sie mit Vincent Lindon und mir verfilmen wolle, und sie fragte mich, ob ich erneut mit ihr drehen wolle. Ich antwortete: «Ja, natürlich» – ohne das Projekt zu kennen.

Erlaubt Ihnen das Vertrauensverhältnis, das sich mit dem Regisseur oder der Regisseurin einstellt, grössere Wagnisse einzugehen?

Grössere Wagnisse vermutlich nicht. Das Vertrauensverhältnis erinnert allerdings bisweilen an eine familiäre Beziehung, die die grossen Erklärungen überflüssig macht. Allerdings muss man auch aufpassen, sich nicht zu bequem einzurichten. Ein Künstler muss sich immer an einem Ort zwischen Gleich- und Ungleichgewicht befinden, man sollte nie finden, aber immer suchen. Den richtigen Punkt findet man nur in sich, er hat jedoch etwas Unfassbares, mit einer Willensanstrengung kann man ihn nicht erreichen. Idealerweise kann dieser Zustand das Verlangen auslösen, ein Gefühl, das in einem ist und das man durch das Empfinden entdeckt, zu erkunden und zum Ausdruck zu bringen. Allerdings hilft einem das Vertrauensverhältnis dabei. Ich empfinde es als ein Glück, mit Claire Denis zu arbeiten, sie bei der Arbeit zu beobachten und zu sehen, wie sie eine Einstellung oder eine Szene vorbereitet. Mit Olivier Assayas ist es dasselbe. Ich liebe es, zu sehen, wie er sich in sich selbst zurückzieht beim Drehen und wie er, über den Kontrollmonitor gekrümmt auf dem Boden sitzend, förmlich aufgeht in der Begeisterung über den unmittelbaren Moment. Was Haneke anbelangt, so liegt unsere Zusammenarbeit bereits weit zurück, ich bewundere ihn jedoch sehr und warte ungeduldig auf seinen nächsten Film. Auch, weil ich denke, dass wir solch weitsichtige und feinhörige Regisseure brauchen.

Golden Icon Award - Juliette Binoche (©Andreas Rentz/Getty Images for Zurich Film Festival)

Am 16. ZFF wurde Juliette Binoche mit dem Golden Icon Award geehrt (©Andreas Rentz/Getty Images for ZFF)

Martin Provost, der Regisseur von «La bonne épouse», hatte unter anderem der «naiven» Künstlerin Séraphine Louis und der Schriftstellerin Violette Leduc einen Film gewidmet. Haben diese Frauenporträts Sie dazu bewogen, das Drehbuch anzunehmen?

Wichtig war für mich die Begegnung mit Martin. Als ich ihn kennenlernte, hatte ich seine Filme noch nicht gesehen. Wir hatten durch einen gemeinsamen Freund Bekanntschaft geschlossen und fanden uns schnell auf derselben Wellenlänge wieder. Wir lachten über dieselben Dinge und stellten fest, dass wir denselben Fragen gegenüber offen sind. «Séraphine»habe ich erst nach den Dreharbeiten von «La bonne épouse» gesehen, dabei aber realisiert, dass Martin auch seine weibliche Seite zum Ausdruck bringen und sich durch Frauenporträts gut ausdrücken kann.

Um auf Assayas zurückzukommen: Mit ihm drehten Sie «Sils Maria», Ihren Schweizer Film, gewissermassen. Was haben Sie für Erinnerungen an die Drehzeit?

Die überwältigende Schönheit der Seen, in denen sich der Himmel spiegelt, und auch die Berge. Was mich besonders beeindruckte, als wir in den Bergen drehten, waren die plötzlichen Wetterwechsel: Auf den Schneefall und die eiskalten Brisen konnte innerhalb einer halben Stunde ein tiefblauer Himmel folgen, in dem eine leuchtende Sonne thronte. In Bezug auf den Klimawandel und die diesbezüglich dringend notwendige Sensibilisierung der Öffentlichkeit könnte der Wetterumschwung in den Alpen übrigens gutes Illustrationsmaterial bieten und uns Wege zum Überleben aufzeigen.

Auf die Frage, wie Sie Ihr Spiel umschreiben würden, haben Sie einst in einem Gespräch geantwortet, es sei wie «die Glut, die Feuer fängt». Das Bild ist stark, allerdings klingt hier auch etwas sehr Opferhaftes an.

Wenn man die Situation akzeptiert, ist es kein Opfer mehr, dann ist es eine Gabe. Geben ist für mich der Moment, in dem unser Leben einen Sinn erhält. Hier liegt auch eine Freiheit, da man sich hierbei von seinen Ängsten und seinem Ego befreien kann. Oder anders gesagt: Unser Ego steht im Dienst einer grösseren Sache. Das Feuer muss im Zentrum all unserer Tätigkeiten und Wünsche stehen, ohne Feuer sind wir wie ruhendes Wasser. Das Feuer steht hinter dem Verlangen, zu überzeugen, zu teilen und zu verwandeln.

Sowohl «The English Patient», für den Sie den Oscar als beste Nebendarstellerin gewonnen haben, als auch «Chocolat», für den Sie als beste Darstellerin nominiert waren, wurden von Harvey Weinstein produziert. Welchen Blick werfen Sie auf die Bewegung, die durch die Enthüllungen und den darauffolgenden Prozess gegen den Produzenten ausgelöst wurde?

Ich denke, es ist wichtig, dass sich die Frauen äussern und dass die Wahrheit ausgesprochen wird. Dies ist eine Notwendigkeit, sowohl für die kommenden Generationen als auch für das Allgemeinwohl. Es ist wie die «Truth and Reconciliation Commission» in Südafrika. In manchen Ländern geht es um den Rassismus, doch der Sexismus, der eine Form von Rassismus ist, muss gleichermassen bekämpft werden.

Vor einigen Monaten haben Sie einen Appell lanciert, der im Zusammenhang mit der aktuellen Covid-19-Pandemie zu einem «tiefen Lebenswandel» aufruft und von Wissenschaftern, aber auch von Stars wie Robert De Niro, Cate Blanchett und Madonna unterzeichnet wurde.

Wenn die französische Regierung, wenn alle Regierungen im Rahmen eines weltweiten Konsenses handeln würden, brauchten sich die Künstler gar nicht erst zu engagieren. Es wäre natürlich besser, wenn die Regierungen verstehen würden, was auf dem Spiel steht, und auf die Wissenschafter und die Revolten, die weltweit ausbrechen, hören würden. Da jedoch wenig gehandelt wird angesichts der Notsituation, muss man, denke ich, als Künstler handeln. Dies ist eine Pflicht.

Gehen Sie hierbei nicht auch ein Risiko ein? Oft provoziert das politische Engagement von bekannten Namen ein geradezu irrationales Echo.

Ja, das ist für mich eine Notwendigkeit. Und die Welt ist ja bekanntlich nicht rational, sondern verrückt. Die Industrien, die Raubbau betreiben, handeln auch nicht rational, sondern egoistisch und völlig irrational.

Sie sind vermutlich die einzige Schauspielerin, die Steven Spielberg dreimal eine Absage erteilt hat – für «Jurassic Park II», den dritten «Indiana Jones» und «Schindler’s List». Interessant war dabei Ihre Erklärung. Sie sagten ihm, er filme eigentlich nie Frauen. Was war Spielbergs Reaktion?

Ich sagte ihm dies einmal, worauf er antwortete, das sei nicht wahr, er habe in den 1960er Jahren einen Film gedreht, in dem ausschliesslich Frauen spielten.

Von dem allerdings nie jemand gehört hat . . .

Er hatte mir damals einen Titel angegeben . . . Sicher, ich würde nicht unbedingt nein sagen, wenn er mir heute ein Drehbuch anbieten würde, aber ich finde, wir Frauen müssen verantwortlich handeln und die Projekte bezüglich der Gewalt und dem Profil der Frauenrollen überprüfen. Was man gibt in einem Film, ist wichtig. Deshalb muss man sich vorher gut überlegen, ob man einem Projekt auch wirklich alles geben will.

Interview: Patrick Straumann, Paris (FRAME Ausgabe 25, September 2020)


LA BONNE ÉPOUSE läuft aktuell im Kino.


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