Grenzerfahrung im Dschungel

07. November 2019

Der Schweizer Film «Bruno Manser – die Stimme des Regenwaldes» von Niklaus Hilber, der das 15. Zurich Film Festival eröffnete, erzählt vom Kampf des Basler Umweltaktivisten gegen die Rodung des Regenwaldes. Die Dreharbeiten waren abenteuerlich. Was aus ihnen entstanden ist, kann das Schweizer Publikum ab heute im Kino sehen.

BRUNO MANSER - DIE STIMME DES REGENWALDES  von Niklaus Hilber

Filmstill aus BRUNO MANSER – DIE STIMME DES REGENWALDES

«Umweltschutz kannst du im Kino nicht bringen, das ist weder emotional noch sexy», sagten sich Regisseur Niklaus Hilber und Produzent Valentin Greutert, als sie vor neun Jahren über das Projekt «Bruno Manser – die Stimme des Regenwaldes» diskutierten. Der Film über den Basler Umweltaktivisten feierte am 26. September am Zurich Film Festival (ZFF) seine Weltpremiere in einer Grosswetterlage, die kaum günstiger hätte sein können: Seit Monaten demonstriert die Klimajugend für mehr Umweltschutz, viele Menschen sind besorgt, weil im Amazonas der Regenwald brennt und die Einsicht, dass der Klimawandel schädlich für Mensch und Natur ist, setzt sich in breiten Teilen der Bevölkerung durch. 

«Gute Kunst zeichnet sich dadurch aus, dass sie wichtige Themen antizipiert und dann präsentiert, wenn sie den Leuten unter den Nägeln brennen. Dieses Jahr laufen am ZFF gleich mehrere Filme, die auf die Notwendigkeit des Umweltschutzes verweisen», erklärte ZFF-Co-Direktor Karl Spoerri im Vorfeld des ZFF.

Bruno Manser hatte sich schon in den achtziger Jahren für Umweltschutz eingesetzt. Der Basler zog 1984 auf die südostasiatische Insel Borneo, wo er an der Seite des Eingeborenen-Stammes der Penan gegen die Holzindustrie kämpfte, die jedes Jahr 113 000 Quadratkilometer Regenwald rodete. Damit wurde er in Malaysia zum Staatsfeind und gilt seit dem Jahr 2000 als verschollen. Vermutlich wurde er umgebracht, weil er störte.

Cast & Crew und ZFF-Festivalleitung an der Weltpremiere von BRUNO MANSER - DIE STIMME DES REGENWALDES

Der Basler Produzent Valentin Greutert wachte vor 12 Jahren aus einem Traum auf und wusste: Ich muss einen Film über Manser machen. Er hat sich 2007 die Rechte an dem Stoff gesichert, an dem auch mehrere ausländische Filmgesellschaften interessiert waren. Die Nachlassverwalter des Bruno-Manser-Fonds gaben schliesslich Greutert den Zuschlag.

Dieser fragte Regisseur Niklaus Hilber an, ob er den Film inszenieren wolle. «Ich lebte in den neunziger Jahren in den USA, wo ich Film studierte, und wusste darum gar nicht genau, was Bruno Manser alles geleistet hatte. Mir war nur bekannt, dass er ein Umweltschützer war, der in einen Hungerstreik getreten war», erzählt Hilber. «Aber ich wusste nicht, dass er mit Tausenden Penan einen Blockadestreik organisierte, worauf der malaysische Geheimdienst ein Kopfgeld auf ihn aussetzte, dass er von einem Journalisten in einen Hinterhalt gelockt und von den Behörden festgenommen wurde oder dass auf Manser geschossen wurde, als er aus dem Polizeijeep flüchtete.»

«Er war ein Gutmensch, sanftmütig und friedliebend, und trotzdem gab es kein Happyend.»

Das ist natürlich Stoff für grosses Kino. Trotzdem hatte Hilber nach der Lektüre von Ruedi Suters Biografie über Manser noch Zweifel. Wie sollte er das alles dramatisieren? «Eine Schwierigkeit bestand darin, dass Manser keine Abgründe hatte. Er war nicht depressiv und drogensüchtig wie die Hauptfigur in ‹Homeland›. Er war ein Gutmensch, sanftmütig und friedliebend, und trotzdem gab es kein Happyend.»

Der echte Bruno Manser (Mitte) mit Bewohnern von Borneo

Gegen die Holzindustrie

Je intensiver sich Hilber mit dem Leben des Querdenkers beschäftigte, desto klarer wurde ihm, dass der Film kein Biopic werden durfte, der Mansers Leben von der Wiege bis ins Grab nacherzählt. Er wollte sich auf die Jahre des Kampfes gegen die Holzindustrie konzentrieren. «Im Kern geht es um den Menschen, der sich von der Natur entfremdet» erklärt Hilber. «Die Penan waren eine der letzten Volksgruppen, die noch so leben, wie auch unsere Vorfahren lebten. Es geht darum, dass man als Nomade nur so viel besitzt, wie man selber tragen kann. Es geht um ein anderes Wirtschaftssystem – und das geht uns alle etwas an».

Für Hilber und Greutert, die zusammen schon «Amateur Teens» realisierten, der 2015 am Zurich Film Festival den Publikumspreis gewann, war schnell klar, dass sie den Film auf Borneo drehen wollten. Für die Hauptrolle sahen sie Sven Schelker vor. Aber wer sollte die Penan spielen? «Viele Leute aus der Filmindustrie rieten uns, auf den Philippinen zu drehen, wo es eine Filmindustrie gibt – mit Filipinos, weil die ähnlich aussähen und Englisch könnten», erzählt Hilber. «Doch für uns war bald klar, dass wir die Penan nicht ihrer Identität berauben durften.» Also flogen er und Greutert nach Malaysia, um eine Machbarkeitsstudie durchzuführen. Sie gingen in die Dörfer, sprachen mit den Ältesten und machten Castings. Schliesslich entschieden sie sich, mit Laien zu drehen – und zwar im indonesischen Teil im Süden der Insel, weil im Norden Manser für viele Malaysier noch immer ein rotes Tuch war.

Hauptdarsteller Sven Schelker und Regisseur Niklaus Hilber am 15. ZFF

Eine weitere Herausforderung war die Suche nach einer Holzfirma, welche die Schweizer auf «ihrem» Gelände filmen liess. «Wir brauchten Zugang zum Land sowie Bulldozer und Arbeiter, um die Rodungsmaschinerie zu zeigen», erklärt Hilber. «Ein Scout fuhr auf einem Motorrad rund 6000 Kilometer Weg im Urwald ab und schliesslich fanden wir eine Firma, der unser Projekt egal war. Die Holzindustrie ist ein Milliardenbusiness, schon heute ist jeder Baum durch GPS markiert, der 2024 gefällt wird. Die Manager der Firma fürchten sich nicht vor einem kritischen Schweizer Film.» 

Fünf Monate lang bereitete die Crew ihren Einsatz vor, drei weitere Monate dauerten dann die Dreharbeiten mit einem Team von 120 Leuten. Sie lebten teilweise in einem selbstgebauten Camp, wo es weder fliessendes Wasser noch Elektrizität gab. Um sich gegen Blutegel zu schützen, trugen die Crewmitglieder Fussballsocken.

Sound von Oscarpreisträger

Entstanden ist unter schwierigsten Bedingungen ein epischer Abenteuerfilm mit atemberaubenden Landschaftsbildern – grosses Kino untermalt von einem Soundtrack, den der libanesische Starkomponist Gabriel Yared, der für «The English Patient» einen Oscar gewann, mit einem Orchester in London einspielte. Sven Schelker verkörpert den Titelhelden mit Haut und Haaren, nie sieht man den Schauspieler, immer nur die Figur.

Man könnte denken, es handle sich um eine amerikanische Grossproduktion. Doch «Bruno Manser – die Stimme des Regenwaldes» wurde mit einem Budget von «nur» sechs Millionen Franken realisiert. Die Hälfte davon stammt von privaten Investoren und Gönnern, welche überwiegend Koproduzent Philip Delaquis akquirierte. Der Verein zur Filmförderung in der Schweiz zeichnete das Projekt 2017 am ZFF mit dem mit 100 000 Franken dotierten IWC Filmmaker Award aus.

Die Entstehungsgeschichte, im Verlauf derer die Schweizer Crew das Unmögliche möglich machte, erinnert an Klassiker wie «Fitzcarraldo» von Werner Herzog oder «Apocalypse Now» von Francis Ford Coppola. «Der Film war für mich eine psychische und physische Grenzerfahrung und nicht vergleichbar mit anderen Projekten, wo man einfach eine fiktive Geschichte erzählt», bilanziert Niklaus Hilber, «aber ich würde das Abenteuer nochmals eingehen, weil es mir Einblick in eine neue Kultur gab und meinen Lebenshorizont erweiterte.» Und nichts weniger als das leistet der Film auch für die Zuschauer im Kino.

«Bruno Manser – die Stimme des Regenwaldes» ist ab heute in den Schweizer Kinos zu sehen.

 


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