Frame Cover-Story: «Macht den Schweizer Film wieder gross!»

03. August 2017

Der Schweizer Film gehörte einst zur Weltspitze, gewann Preise in Cannes und bei den Oscars in Hollywood. Doch heute steht er im internationalen Vergleich schlecht da. Wir zeigen, was es braucht, damit er wieder erfolgreich wird. Von Denise Bucher & Christian Jungen

(Illustration: Emiliano Ponzi)

Und wieder hat in Cannes ein kleines europäisches Land die Goldene Palme gewonnen. Der Hauptpreis des wichtigsten Filmfestivals der Welt ging dieses Jahr an den Schweden Ruben Östlund (*1974) für «The Square». Das Drama, realisiert mit einem Budget von 5,3 Millionen Franken, mokiert sich über die Intellektuellen im Kunstbetrieb. Es ist ein Film, wie er auch in der Schweiz hätte entstehen können. Was die Schweden schaffen, bringen wir auch zustande, nicht wahr?

Leider trifft, was im Fussball und im Skialpin gilt, auf das Filmschaffen nicht zu. Unser Land war 1998 bis 2017 kein einziges Mal mit einer mehrheitlich schweizerischen Produktion im Wettbewerb von Cannes vertreten. Stattdessen haben dort Meisterwerke aus Ländern reüssiert, die in Bezug auf Grösse, Wohlstand und Einzigartigkeit der Sprache mit der Schweiz vergleichbar sind: Dänemark, Belgien und Österreich etwa.

AUF AUGENHÖHE MIT FELLINI

«Frame» hat die Wettbewerbsteilnahmen der drei wichtigsten europäischen A-Festivals Cannes, Venedig und Berlin der letzten 20 Jahre sowie die Oscar-Nominationen in der Kategorie «bester fremdsprachiger Film» der letzten 25 Jahre ausgewertet. Resultat: Im europäischen Festival-Ranking figuriert die Schweiz nur auf Platz 22 von 25 Ländern, hinter Bosnien, Serbien und Finnland, die weniger Einwohner haben.

Nur gerade vier Titel erhielten eine Einladung für den Wettbewerb von Berlin oder Venedig: «Sister» (2012) von Ursula Meier, «Tout un hiver sans feu» (2004) von Greg Zglinski, «Emporte-moi» (1999) von Léa Pool und «La guerre dans le Haut Pays» (1999) von Francis Reusser.

Schweizer Team von «Ma vie de Courgette» in Hollywood: Regisseur Claude Barras (2. v. l.) mit Produzenten Max Karli (l.), Pauline Gygax und Michel Merkt.

Bei den Oscars erhielt zuletzt zwar «Ma vie de Courgette» des Wallisers Claude Barras eine Nomination als bester Animationsfilm, und «La femme et le TGV» des Zürchers Timo von Gunten wurde als bester Kurzspielfilm nominiert. Aber jene Filme, die das Bundesamt für Kultur (BAK) Jahr für Jahr als offizielle Beiträge ins Oscar-Rennen schickt, blieben auf der Strecke. Kein einziger erhielt in der Kategorie «bester fremdsprachiger Film» eine Nomination. Trist ist auch die Bilanz bei den Kinoeintritten. Der Heimmarktanteil des Schweizer Films verharrte in den letzten zehn Jahren bei 5 Prozent. Das tschechische Kino erreichte im selben Zeitraum 28 Prozent, das dänische 26 und das schwedische 22.

Es ist also höchste Zeit, den Schweizer Film wieder gross zu machen – mit Betonung auf «wieder». Denn die einheimische Produktion gehörte in den siebziger und achtziger Jahren zur Weltspitze. Die Autoren des neuen Schweizer Films massen sich auf Augenhöhe mit Grössen wie Bergman, Fellini und Antonioni. Der Genfer Alain Tanner war viermal im Wettbewerb von Berlin vertreten, dreimal im Wettbewerb von Venedig, und in Cannes gewann er 1981 mit «Les années lumière» den Grossen Jurypreis. Claude Goretta gewann 1973 mit «L’invitation» in Cannes den Jurypreis.

Markus Imhoof erhielt 1981 für «Das Boot ist voll» in Berlin einen Silbernen Bären und später eine Oscar-Nomination. Einen Academy Award nach Hause gebracht hat 1991 Xavier Koller mit «Reise der Hoffnung» als bestem fremdsprachigem Film. Diese Erfolge stammen aus einer Zeit, als die Schweiz nur 22 (1970) bis 43 (1990) Filme pro Jahr produzierte, zuletzt waren es zwischen 83 (2016) und 100 (2000).

Welterfolg: MORE THAN HONEY von Markus Imhoof (2012)

Warum riss diese Erfolgsserie ab? In den neunziger Jahren beging die neue Generation in der Filmförderung einen kapitalen Fehler: den Vatermord an den 68ern. Man schwächte den Autorenfilm zugunsten von Unterhaltungsfilmen ab, die Publikumserfolge hätten bringen sollen. International renommierte Autoren wie Rolf Lyssy («Die Schweizermacher») und Daniel Schmid («Schatten der Engel») bekamen plötzlich kein Geld mehr, weil man nicht mehr nur die Besten förderte, sondern einfach alle. Markus Imhoof zum Beispiel erhielt von 1997 bis 2010 keinen einzigen Förderfranken zum Drehen. Als er 2012 «More Than Honey» realisieren konnte, avancierte der Dokumentarfilm zu einem Welterfolg.

MEHR FILME, WENIGER ERFOLG

Die neuen Generationen, etwa die aus der Jugendbewegung der 1980er stammenden Regisseure wie Samir, Christoph Schaub oder Sabine Boss, erreichten nie die Flughöhe der 68er. Bis heute hat keiner der drei eine Einladung für die Hauptwettbewerbe von Cannes, Venedig oder Berlin erhalten. Immerhin gewann Samir 2002 den SRG-Preis der Kritikerwoche in Locarno mit «Forget Baghdad» und Schaub 2009 mit «Giulias Verschwinden» den Publikumspreis.

Und die Vertreter der um 1970 Geborenen feierten zwar mit populären Stoffen wie «Mein Name ist Eugen» und «Grounding» (Michael Steiner) oder «Die Herbstzeitlosen» (Bettina Oberli) erfrischende Publikumserfolge in der Schweiz, welche der Branche ein paar Jahre lang Selbstvertrauen gaben. Der internationale Durchbruch blieb ihnen aber versagt. Als einzige Vertreterin dieser Generation schuf sich die Genferin Ursula Meier in der Szene der grossen A-Festivals einen Namen.

Erfolgreich waren die Nachfolgegenerationen der 68er hingegen beim Ausbau der Förderung. Seit 1963 ist das nationale Förderbudget von 1 Million auf 31,7 Millionen Franken im Jahr 2017 gestiegen. Stadt und Kanton Zürich haben im gleichen Zeitraum von einigen zehntausend auf 13 Millionen Franken aufgestockt. In ihrem Kulturleitbild weist die Stadt Zürich stolz darauf hin, dass «die Zahl der Beschäftigten im audiovisuellen Bereich von 2005 bis 2011 um 19 Prozent zugenommen hat, diejenige der Filmbetriebe um 15 Prozent». Rund 3450 Personen arbeiten im Kanton Zürich im Bereich Film, das sind 34 Prozent aller Beschäftigten des Sektors in der ganzen Schweiz.

Institutionen wie die Zürcher Filmstiftung oder Cinéforom, die überregionale Förderstelle der Romandie, wurden politisch erstritten. Als Folge davon produziert die Schweiz heute in absoluten Zahlen am achtmeisten Filme in Europa, etwa 83 pro Jahr. Im Verhältnis zur Grösse des Landes ist die Schweiz der mit Abstand grösste Filmproduzent auf dem Kontinent. Nur der Erfolg ist ausgeblieben. Es ist paradox: In den siebziger und achtziger Jahren, als es viel weniger Geld und Produktionen gab, war der Schweizer Film viel erfolgreicher als heute.

Woran liegt das? Nadia Dresti, Vizedirektorin des Festivals Locarno, sagt: «Wenn die Schweizer Filme nicht an die Wettbewerbe von Cannes, Venedig und Berlin eingeladen werden, bedeutet dies, dass die anderen Länder bessere Filme machen. Bei den grossen Festivals zählt in erster Linie die künstlerische Qualität, manchmal auch das kommerzielle Potenzial, vor allem wenn sie eine Verkaufsfirma im Rücken haben.» Dresti ist seit 1988 im Filmgeschäft und mag nicht mehr gute Miene zum bösen Spiel machen. Sie hat zusammen mit dem Zurich Film Festival und dem Genfer Festival Tous Ecrans den Think-Tank "Connect to Reality" ins Leben gerufen, der die Ursachen der Stagnation zusammen mit der Branche analysieren soll.

Das Postulat, dass man sich der Realität stellen solle, rührt daher, dass viele in der Branche sie ignorieren oder schönreden. Die staatliche Promotionsagentur Swiss Films etwa leitete mit folgenden Worten in ihren Jahresbericht 2016 ein: «Ausgezeichnete internationale Box-Office-Zahlen, hochkarätige Auszeichnungen und exzellente Festivalerfolge belegen die internationale Attraktivität des Schweizer Films.»

Warum diese Superlative? Hat ein Schweizer Film die US-Charts gestürmt? Uns ist nichts bekannt. Und in der Schweiz fiel der Marktanteil sogar um ein sattes Prozent auf schwache 4,5. Unter «exzellenten Festivalerfolgen» stellt man sich eine Goldene Palme oder einen Goldenen Löwen vor. Aber solche gab es nicht – das müssten die Leute der Agentur wissen. Sie reisten dieses Jahr zu acht nach Cannes, wo sie auch ihr neues Logo promoteten. Verbreiten die Jubelperser auch deshalb so viel Optimismus, weil sie ihr aus Steuergeldern alimentiertes Budget von 2,8 Millionen Franken pro Jahr rechtfertigen wollen?

UNKRITISCHE FILMKRITIK

Auch jene Instanz, die von Berufes wegen objektiv sein sollte, befeuert oft den Hype: die Filmkritik. So behauptete die «Aargauer Zeitung» im Januar, man habe an den Solothurner Filmtagen den «vielleicht besten Jahrgang des Schweizer Films aller Zeiten» gesehen. Von «magischen Momenten» war die Rede, von «kollektiver Ekstase» und Filmen, die «so erfolgreich sind wie nie zuvor».

MARIE-LOUISE (1944) von Leopold Lindtberg brachte Drehbuchautor Richard Schweizer einen Oscar

Man rieb sich bei der Lektüre ungläubig die Augen. Weiss man im Aargau nicht, dass es Zeiten gab, wo Schweizer die grossen Preise aus Hollywood und Cannes nach Hause brachten? 1946 gewann Drehbuchautor Richard Schweizer einen Oscar für «Marie-Louise», und Leopold Lindtberg gewann in Cannes mit «Die letzte Chance» den Grand Prix und später einen Golden Globe. Alain Tanners «La salamandre» (1971) lockte in Paris 250 000 und in den USA 1 Million Zuschauer in die Kinos, 1981 liefen allein in Berlin drei Schweizer Filme im Wettbewerb. Feierte das Aargauer Blatt die Werke deshalb ab, weil es Medienpartner der Filmtage ist, über die es nie kritisch berichtet? Gewiss, «Ma vie de Courgette» war ein toller Erfolg, und «Die göttliche Ordnung» mobilisierte in der Deutschschweiz. Aber deswegen den besten Jahrgang aller Zeiten auszurufen, ist übertrieben.

Den Bezug zur Realität stellt man am besten mit Fakten her. Vergleichen wir einmal die Schweiz mit Schweden. Das skandinavische Land produzierte in den letzten zehn Jahren im Schnitt 47 Filme pro Jahr (die Schweiz 83). Es gewann mit diesen viermal so viele Festivalpreise wie die Schweiz, 2014 etwa den Goldenen Löwen in Venedig für Roy Anderssons «A Pigeon Sat on a Branch» und dieses Jahr die Goldene Palme für Östlund. Der Heimmarktanteil lag mit 22 Prozent über viermal so hoch wie in der Schweiz.


Der Vergleich zeigt, wie ineffizient das schweizerische Fördersystem «Giesskanne» ist, welches der Bund pflegt. Sein Filmchef Ivo Kummer spricht zwar selber nicht von Giesskanne, bemüht aber ein ähnliches Bild: Er vergleicht den Schweizer Film mit einem Biotop, bei dem man nie wisse, wo etwas spriesse, und betont die Wichtigkeit der Vielfalt (Interview auf Seite 22 im Magazin). Giesskanne oder Biotop: Tatsache ist, dass zu wenig Pflanzen in den Himmel wachsen.

Dies gestehen mittlerweile auch viele Filmemacher ein und fordern eine neue Förderpolitik. «Es braucht einen Systemwechsel. Was haben wir schon zu verlieren?», meint Timo von Gunten. Und auch Rolf Lyssy sagt: «Es gibt zu viele Filme, zu viel Mittelmass. Dem sollte man mit einem Intendantenmodell Abhilfe schaffe. Aber das wird schwer durchzusetzen sein, weil wir Schweizer demokratisch programmiert sind.» Auch die Schweizer Regisseurin Ivana Lalovic (*1982, «Sitting Next to Zoe»), die in Stockholm lebt, findet, die Schweiz müsse ihr Fördersystem überdenken. «In Schweden gibt es sowohl auf regionaler wie auch auf nationaler Ebene keine Kommissionen mehr, sondern nur noch Intendanten. Eine Person entscheidet also, welche Projekte finanziell unterstützt werden. Dadurch haben radikale und visionäre Filme, für die es in einer Fünferkommission keine Mehrheit gäbe, grössere Chancen.»

Das Intendantensystem – bei Theaterund Opernhäusern der Normalfall – hat Vorteile: Wenn nur eine oder zwei Personen entscheiden, beschleunigt das den Arbeitsprozess, und es gibt klare Verantwortlichkeiten. Als Ivo Kummers filmpolitischer Widersacher und Amtsvorgänger Nicolas Bideau (Filmchef 2005 bis 2010) das Intendantenmodell einführen wollte und mit Marco Müller, dem ehemaligen Festivaldirektor von Locarno und Venedig, einen erfahrenen Experten im Auge hatte, warfen ihm viele Regisseure und Produzenten vor, demokratiefeindlich zu sein. Sie wollten lieber selber Experten stellen, als sich von einem unabhängigen Ausländer beurteilen zu lassen. Bideau wurde des Amtes enthoben und auf Vorschlag der Branche durch Kummer, zuvor Leiter der Solothurner Filmtage, ersetzt. Dieser weist nach sechs Jahren einen mageren Leistungsausweis auf. Der Marktanteil des Schweizer Films ist gegenüber der Ära Bideau noch weiter zurückgegangen.

HIVER NOMADE (2012) von Manuel von Stürler

Nicht unterschlagen darf man, dass die Schweiz viele Dokumentarfilme produziert und damit Erfolge feierte. 2009 gewann Peter Liechti mit «The Sound of Insects» den europäischen Filmpreis, 2012 ebenso Manuel von Stürler mit «Hiver nomade». Aber an der Festival-Front wartet man auch unter Kummer noch immer auf den grossen Durchbruch.

Kunst ist eben nicht demokratisch. Im Ausschuss Spielfilm des BAK sitzen jeweils fünf Personen, wobei die Zusammensetzung von Sitzung zu Sitzung wechselt. Antragsteller sind gezwungen, deren Wünsche umzusetzen. So wird Radikales und Innovatives, das Schweizer Filme so dringend brauchen würden, oft im Keim erstickt. Das Resultat ist das seit Jahren grassierende Mittelmass – mutlose Filme, die weder ein breites Publikum ansprechen noch Chancen bei den kunstsinnigen Festivals haben.

BETTINA OBERLI PACKT AUS

Bettina Oberli äussert sich im neuen Buch «Kultur, Geld und Interessen» von Thomas Schärer aufgrund von eigenen Erfahrungen als Begutachterin gegen Kommissionen: Man arbeite dort wegen des Rotationsprinzips in immer anderer Zusammensetzung, wodurch bei den viertägigen Sitzungen nie das Gefühl entstehe, gemeinsam einen Entscheid zu fällen. Brisant: Sie empfand das Niveau der Diskussionen als zu tief. Deutschschweizer Mitglieder, die Eingaben aus der Romandie beurteilten, hätten wegen mangelnder Sprachkenntnisse nur die Hälfte der Drehbücher verstanden. So wird über die Vergabe von Millionen von Steuergeldern entschieden.

(Sieg für Schweden: Ruben Östlund, 43, gewann in Cannes mit der Palme den wichtigsten Preis des Autorenkinos.)

In Schweden hingegen entstehen unter Intendanten gewagtere Filme. Jene von Ruben Östlund erreichen, was hiesige kaum mehr vermögen: Sie verstören. Wie der in Cannes ausgezeichnete «The Square» und auch sein Vorgänger, «Turist», der von einer Familie erzählt, die in den Skiferien von einer Lawine erfasst wird. Beide kreisen um die Frage, ob man seinem Nächsten vertraut, ob man sich getraut, um Hilfe zu bitten, oder selber hilft. «The Square» liess gegensätzliche Interpretationen zu. Die Zeitung «Le Figaro» feierte ihn als Erfolg eines «rechten Filmes», «Le Monde» als einen sozialkritischen Abgesang auf Reiche.

Schweizer Werken hingegen fehlt die Ambivalenz oft. An einem Konsensfilm wie «Die göttliche Ordnung», der den Zuschauer bei der Hand nimmt und sicher zur Moral hinführt, kann man sich nicht verschlucken. Deshalb schaffte er es auch nicht an die Berlinale, gewann aber immerhin am New Yorker Filmfestival Tribeca drei Preise.

Wie fast alle anderen kleinen Filmländer, die erfolgreich sind, setzt auch Schweden stark auf den Nachwuchs. «Die Förderer unterstützen junge Talente früh, damit diese sich sukzessive an grössere Projekte heranwagen können», erklärt Ivana Lalovic. Es gab mehrere Förderinitiativen zwischen dem schwedischen Fernsehen und dem Filminstitut, speziell für den Nachwuchs.

Das schwedische Fördersystem ist nicht nur Debütanten gegenüber offen, es verteilt die Gelder geschlechterspezifisch. Das zahlt sich aus. Die erfolgreichsten Erstlinge gingen in den letzten Jahren aufs Konto von Frauen. In der Schweiz kämpfen die Frauen weiterhin für Gleichberechtigung im Förderwesen; sie erhalten nur 22 Prozent der gesamten Fördersumme. Und junge Cineasten scheinen es schwer zu haben, überhaupt in den Kreislauf der Begünstigten hineinzukommen. Dies belegt der Subventions-Report, den «Frame» vor einem Jahr veröffentlichte: Die fünf bestgeförderten Regisseure, unter ihnen Sabine Boss, Markus Imboden und Urs Egger, sind alle über 50 Jahre alt.

Ein weiterer Unterschied ist, dass in Schweden wie auch in Dänemark, Frankreich oder Österreich Talente nach einem Erfolg kontinuierlich weiterarbeiten können, weil ihnen die Förderer Vertrauen schenken. Östlund hat in den letzten 17 Jahren 10 Filme gedreht. Markus Imhoof, Michael Steiner und Ursula Meier hingegen haben seit 2012 keinen neuen Film mehr vorgelegt. Das hat teilweise persönliche Gründe, teilweise blitzten sie mit ihren Folgeprojekten bei den Förderern ab. Die fehlende Kontinuität unserer Besten ist ein grossen Problem. Denn A-Festivals funktionieren als Wettbewerbe der Autoren und leben von Namen wie Woody Allen und Ken Loach, die fast jedes Jahr ein neues Werk vorstellen. Alain Tanner hat eine Karriere lang im Zweijahresrhythmus produzieren und an Festivals teilnehmen können. Wenn unsere Aushängeschilder nicht in kürzeren Intervallen drehen, werden sie es schwer haben, an Klassentreffen der grossen Meister eingeladen zu werden.

VIELE QUEREINSTEIGER

Besonders schwierig haben es Cineasten, die nur Regie führen, aber das Drehbuch nicht selber schreiben wollen. Denn hierzulande versteht man den Autorenfilmer als einen, der auch das Szenarium selber verfasst. Ein Missverständnis: Alfred Hitchcock, an dessen Beispiel die «Cahiers du Cinéma» in den fünfziger Jahren die Autorentheorie aufstellten, hat kein einziges Drehbuch allein geschrieben. Clint Eastwood schreibt gar keine Drehbücher, und Loach überlässt das Schreiben fast immer seinem Partner Paul Laverty. Dadurch können sie schneller und kontinuierlich arbeiten.

Aber zurück nach Schweden: Dort tragen Filmförderer keine Scheuklappen. Sie sind offen für Quereinsteiger aus anderen Kunstsparten. Es gibt immer mehr Cineasten, die aus Kunstschulen kommen und keine klassische Filmausbildung gemacht haben. «Die Kunstund Filmszene beeinflussen einander auf sehr fruchtbare Art und Weise», erklärt Ivana Lalovic.

Cannes-Gewinner Ruben Östlund ist so ein Beispiel. Er hat zwar an der Filmschule Göteborg studiert, betätigt sich aber auch als bildender Künstler: Nachdem er «Turist» (2014) gedreht hatte, beschäftigte er sich weiter mit der Frage, was Vertrauen bedeutet. Zusammen mit seinem Produzenten Kalle Bomann liess er mitten in Stockholm ein Quadrat aus Steinen in den Boden ein, um mit dieser Kunstinstallation einen symbolischen Raum zu schaffen, der Mitmenschen an die Verantwortung erinnern soll, die sie füreinander haben. Wer das Quadrat (engl. square) betritt, darf von den Passanten Hilfe erwarten. Mit dieser Installation wurde Östlund an eine Gruppenausstellung in Värnamo eingeladen. Dort kam ihm die Idee für «The Square».

In der Schweiz hingegen beissen Quereinsteiger bei den Förderern oft auf Granit. Diese Erfahrung musste der Zürcher Werber Tobias Weber (*1977) machen, als er mit «Late Shift» den ersten interaktiven Film der Welt schuf. Der Zuschauer bestimmt via Smartphone mit, wie die Handlung verläuft, und zwar mittels der eigens für den Film entwickelten App «Ctrl-Movie». Je nachdem, wie die Zuschauer darüber entscheiden, was mit einem in ein Verbrechen involvierten Studenten geschehen soll, dauert der Film 70 bis 90 Minuten.

LATE SHIFT von Tobias Weber

Die englische Zeitung «The Guardian» würdigte «Late Shift» ebenso wie «The Times». Die «Los Angeles Times» fragte: «Ist das die Zukunft des Filmemachens?», und nannte Weber im gleichen Atemzug mit Steven Soderbergh, bei dessen nächstem Film, «Mosaic», ebenfalls der Zuschauer über den Handlungsverlauf mitbestimmen soll. «Late Shift» wurde in App-Stores bereits rund 100 000-mal heruntergeladen und läuft in England, Deutschland, Russland und Australien noch im Kino. Von einer solchen Karriere können die meisten Schweizer Spielfilme nur träumen. Weber führt seit Anfang Jahr mit fünf der sechs grossen Hollywoodstudios Verhandlungen für weitere Filme im «Ctrl-Movie»-Format, die er zusammen mit diesen produzieren würde. Er hat darum in Los Angeles die Dachfirma Kino Industries gegründet.

«In der Schweiz muss ein Umdenken stattfinden», fordert Weber. «Damit das möglich wird, müsste im Gesetz festgeschrieben werden, dass neben dem traditionellen Kino auch innovative Formen des Storytelling gefördert werden.»

VON SPIELBERG ENTDECKT

Wie so oft im Schweizer Film stammen die spannendsten Projekte von Aussenseitern. Doch weil sich «Late Shift» in keine herkömmliche Förderkategorie einordnen liess – ist es ein Game, ein Film? –, fiel das innovative Projekt beim Bund und bei der Zürcher Filmstiftung durch. Darum musste Weber seinen Film-Game-Zwitter mit privaten Geldern sowie einem Beitrag der SRG realisieren. «Wir wollten einen in London spielenden, englischsprachigen Thriller machen, der eher dem amerikanischen Kino als dem Schweizer Heimatfilm entspricht. Ausserdem war es ein digitales Projekt, das man auch Videogame nennen könnte», sagt er. Weil das Projekt in Bern und Zürich am Standard des klassischen Arthouse-Films gemessen worden sei, dem es aber nur begrenzt entspricht, lehnten es die Kommissionen mit vier zu einer Stimme ab. «Ohne dass das Skript richtig durchgelesen worden wäre», wie Tobias Weber erzählt.

«Late Shift» sorgte im März auch am texanischen Festival South by Southwest (SXSW) für Furore, der wichtigsten Veranstaltung für technologische Innovation. An Konferenzen wird dort seit 1994 über Film und interaktive Technologien diskutiert. Die Schweiz war dieses Jahr gut vertreten, unter anderem durch das Game Technology Center der ETH Zürich, mit Disney Research, und Startups wie Apelab und Artanim.

Die von der 35-jährigen Genferin Caecilia Charbonnier gegründete Firma Artanim schaffte es auch nach Cannes und zweimal ans Sundance-Festival. Dort wurde Hollywood auf ihr Startup Dreamscape Immersive aufmerksam, das mit Virtual-Reality-Technologie eine neue Unterhaltungsform entwickelt hat. Durch die Virtual-Reality-Brille sieht der Zuschauer filmische Bilder und bewegt sich dazu frei in einem Raum. Im September soll in Los Angeles ein damit ausgestattetes Virtual-Reality-Multiplexkino eröffnet werden. Investoren sind die Studios Fox, MGM und Warner Bros., mit an Bord ist Steven Spielberg.

Die Schweiz ist zwar führend im Entwickeln von Virtualund Augmented Reality-Technologien, aber weil es hier keinen Markt gibt für ihre Produkte, besonders nicht in Kombination mit Film, wandern die innovativen Köpfe in die USA ab. Dementsprechend fehlten an den Diskussionen am SXSW die Vertreter der kreativen Szene der Schweiz.

«In Texas wurde evident, dass die Schweizer Kreativszene dringenden Nachholbedarf hat in Sachen ‹screen art›», sagt Filmemacher Mirko Bischofberger (*1980). Für ihn ist klar, dass die neuen digitalen Technologien das klassische Filmbusiness von Herstellung bis Distribution völlig umkrempeln werden. Der Begriff «Film» sei veraltet und müsse überdacht werden, ist er überzeugt. Das Wort könne das Spektrum von digitalen Erzählformen, das bereits von Games über Serien bis zu Virtual Reality reiche, nicht mehr fassen.

Mirko Bischofberger, der mit dem «Swiss Fiction Movement» erreichen will, dass Bund und Kantone mehr LowBudget-Filme von Nachwuchstalenten statt wenige und teure Produktionen fördert, hatte im Vorfeld des SXSW eine Studienreise für die Vertreter der hiesigen Filmbranche organisiert. Das Ziel war, mit diesen über die digitale Zukunft des Schweizer Filmschaffens zu diskutieren. Ausgerechnet vom wichtigsten Förderer bekam er eine Absage: «Das BAK ist an den Ergebnissen einer solchen Reise interessiert. Aus Ressourcengründen kann aber leider niemand vom BAK an der Reise teilnehmen. Wir wünschen gutes Gelingen und danken Ihnen für Ihre Initiative», stand im Brief aus Bern.

Bischofberger reiste mit der Unterstützung der SRG und der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) trotzdem nach Texas und erarbeitete danach für die Schweizer Szene einen ausführlichen Bericht zum Thema. Interessierte können ihn auf der Website des Swiss Fiction Movement nachlesen.

Anders als Ivo Kummer ist Bischofberger alarmiert von der Tatsache, dass Firmen wie Google und Facebook in die Unterhaltungsindustrie einsteigen, und Amazon und Netflix bereits zu wichtigen Film- und Serienproduzenten aufgestiegen sind. Er fordert darum «eine nationale Diskussion über die digitale Zukunft des Schweizer Films, besonders im Hinblick auf die ‹Kulturbotschaft 2021›. Die Schweiz riskiert sonst, den Anschluss zu verlieren», fürchtet er.

Der Regisseur Hans Peter Riegel, bekannt als Autor einer bahnbrechenden Biografie über Joseph Beuys, bekam die fehlende Offenheit der Förderstellen jüngst zu spüren. Die Zürcher Filmstiftung lehnte seinen Förderantrag für einen Low-Budget-Film, der nicht fürs Kino, sondern für Video-on-Demand vorgesehen ist, ab. Die Begründung lautete, die Fachkommission sei für solche Projektvorhaben nicht zuständig. Sein Film soll in nur fünf Tagen gedreht werden – mit dem Smartphone. Kameramann ist Peter Tischhauser, der bei zwei für den Oscar nominierten Dokumentarfilmen mitwirkte. Die Filmstiftung arbeitet daran, in Kürze auch eine Förderung von «innovativen Formaten» anbieten zu können. Bis dahin, so meint Riegel, sei sein Film längst fertig und habe Preise gewonnen.

(Sabine Boss wird Leiterin der Abteilung Film an der ZHdK. Die Regisseurin soll die Avantgarde von morgen ausbilden.)

Der künftige Erfolg des Schweizer Films hängt aber nicht nur von den Förderstellen ab. Auch die Hochschulen sind gefordert. Die Schweden machen es vor: Cannes-Gewinner Ruben Östlund ist Professor an der Akademie Valand in Göteborg und Roy Andersson ist dort Ehrendoktor. Im Bereich Film der ZHdK hingegen fehlt international bekanntes Lehrpersonal. Der Cutter Bernhard Lehner ist Leiter auf Bachelorstufe, Regisseur Markus Imboden («Der Verdingbub») auf Masterstufe. Ab 1. August 2017 steht Sabine Boss, die bis jetzt Dozentin für Inszenierung und Schauspiel war, dem gesamten Departement Film vor – in einem Teilzeitpensum.

Boss, die meistsubventionierte Regisseurin der Schweiz, blickt auf eine beachtliche Karriere beim Schweizer Fernsehen zurück, aber ihre Kinofilme wie «Ernstfall in Havanna» und «Dr Goalie bin ig» fanden vor allem beim heimischen Publikum Anklang, einen internationalen Erfolg hat sie nicht vorzuweisen.

Die Schweiz leistet sich mit der ZHdK eine der am besten ausgerüsteten und teuersten Hochschulen des Landes. Sie gehört mit 2700 Studenten zu den grössten Kunsthochschulen Europas. Warum hat man kein Interesse daran, Lehrpersonen von internationaler Strahlkraft einzustellen? Warum unterrichten in Zürich nicht Cineasten wie Michael Haneke oder Tom Tykwer wie an vergleichbaren Schulen in Deutschland und Österreich? Hartmut Wickert, Direktor Departement Darstellende Künste und Film, sagt: «Wir haben die Stelle für die Leitung Film international ausgeschrieben und entschieden, dass Sabine Boss von allen Bewerbern dem Profil der Ausbildung am besten entspricht. Sie wird die Tradition der Ausbildung fortführen.» Lehner ergänzt: «Komplexes und langes Erzählen ist ein Grundelement des Filmstudiums. Sabine Boss beherrscht das sehr gut und ist in der Lage, dies auch zu vermitteln.»

Das sehen an der Schule nicht alle so. Martin Zimper, Professor für den Bereich Cast / Audiovisuelle Medien an der ZHdK (Design), äusserte im Anschluss an die hochschulöffentliche Anhörung zur Besetzung der Stelle als einziger Lehrbeauftragter Kritik am Auftritt der Kandidatin. Auf Facebook beklagte er, dass die Bewerberin weder die bestehende Lehre noch die Gesamtaufstellung des Bereichs Film kritisiert und auch «keine innovativen Ansätze für ihr Departement» präsentiert habe. «Das Publikum, vor allem bestehend aus Mittelbau und Dozierenden, jubelte. So muss niemand um seinen Job fürchten oder seine Lehre überdenken», schrieb er.

Zimper ärgert sich auch darüber, dass die Findungskommission bei der Anhörung nur eine Kandidatin präsentiert hat. «Mit dieser Personalentscheidung feiert der klassische Deutschschweizer Filmemacher sich selbst.» Entsprechend habe die Kandidatin für ihren Bereich mehr Geld verlangt. Sie übersehe aber, dass der Studienbereich Film an der ZHdK am meisten Geld pro Student erhält. «Statt Geld brauchen wir Visionen», sagt Zimper. Universitäten sollten Vordenker und Think-Tanks sein. Was die ETH weltweit für die Wissenschaft bedeutet, sollte die ZHdK für die Kunst sein. «Man glaubt immer, Innovation komme nur aus der Technologiebranche», sagt Zimper. «Aber Steve Jobs war ein Designer! Innovation geschieht im Zusammenspiel beider Branchen.»

Ein weiteres Ziel der Hochschulen sollte sein, dass man die Kurzfilme der vielversprechendsten Talente an internationalen Top-Festivals zeigen kann, findet Michel Merkt (*1972). Der Genfer Starproduzent hat nicht nur bei «Ma vie de Courgette» mitgewirkt, sondern Autorenfilme produziert wie «Elle», «Juste la fin du monde» oder «Toni Erdmann», die in Cannes im Wettbewerb liefen. Statt eine möglichst grosse Zahl an Studienabgängern anzustreben, müssen gezielt Talente gefördert werden, findet Merkt. «Die Ausbildner sollten nach erfolgreichen Kurzfilmen auch die Verantwortung für erste Spielfilme ihrer Studenten übernehmen und ihnen helfen, einen guten Drehstab zusammenzubekommen.»

Erfolgreicher Produzent aus Genf: Michel Merkt

WIE IN DER WISSENSCHAFT

Merkt, der unschweizerisch zugibt, dass er einen Oscar-Gewinn anstrebt, hat mit seinem finanziellen Engagement viel zum Erfolg von «Ma vie de Courgette» beigetragen. Jetzt will er die Schweizer Filmszene aufmischen und kämpft für eine grössere Professionalisierung der Branche. Er spricht sich für eine Exzellenzförderung aus und verlangt, dass Produzenten ohne Erfolg nicht einfach weiter gefördert werden.

Im Film sollte praktiziert werden, was in der Forschung der Normalfall ist. Hiesige Hochschulen und der Schweizerische Nationalfonds haben 2015 in einem Positionspapier die Massnahmen präsentiert, die sie für nötig halten, um die gute wissenschaftliche und wirtschaftliche Positionierung des Landes aufrechtzuerhalten. Zuoberst steht das Ziel, die Exzellenz in Bildung, Forschung und Innovation auszubauen, damit man international mit den Besten konkurrieren kann. Dazu seien internationale Vernetzung und die Rekrutierung der weltweit besten Köpfe nötig.

Dieses Denken täte auch der Filmindustrie gut. Nur wenn man ans Kino von morgen denke, würden die Filme von heute gut genug, glaubt Michel Merkt. Damit sich schlummernde Talente überhaupt entfalten können, müsste die Schweiz dringend viel mehr Geld in die Drehbuchförderung investieren. Micha Lewinsky wies kürzlich im «Cinébulletin» auf den Missstand hin. In Hollywood gehe man davon aus, dass aus 100 Drehbüchern 10 Filme entstehen, von denen einer ein Hit wird. «Hier ist es andersrum: 2015 wurden vom BAK gut doppelt so viele Herstellungsbeiträge gesprochen wie Drehbuchförderungen.» Übersetzt in die Hollywood-Formel, heisse das: Aus 100 Drehbüchern wurden 200 Filme, schrieb Lewinsky. Entsprechend fordern Cineasten wie der Nachwuchsregisseur Timo von Gunten, dass «Förderstellen lieber drei Spielfilme weniger und dafür zwanzig Drehbücher mehr fördern. Es gehen zu viele hochbudgetierte Projekte in die Produktion, die weder beim Publikum noch an Festivals gut ankommen.»

Auch in der Hinsicht sollte sich die Schweiz an Skandinavien orientieren. Dänemark wurde erst zum Film-Wunderland, als das Filmzentrum Ende der achtziger Jahre drastische Massnahmen ergriff: Die Produktionsbudgets wurden halbiert, die Gelder für die Drehbuchförderung verdreifacht. Erst als man sah, dass das radikale Durchgreifen die Filmindustrie tatsächlich belebt hatte, stockte der Staat die Fördermittel wieder auf, und zwar gleich ums Dreifache.

In der Schweiz sind solche Massnahmen undenkbar, weil es keine zentrale Förderstelle gibt, die so etwas erzwingen könnte. Obwohl es den an Föderalismus gewöhnten Eidgenossen zuwider ist: Die Schweiz braucht ein nationales Filminstitut, das sich um alle Projekte – vom Kinospielfilm über die Video-on-Demand-Serie und Games bis hin zu Virtual-Reality-Installationen – kümmert. Es wäre ein Ort des Austauschs für Deutschschweizer, Romands und Tessiner.

Das täte vor allem den Deutschschweizern gut. Der welsche Regisseur Jean-Stéphane Bron («L’opéra») glaubt, dass diese zu lokal denken, weil ihr Markt genug gross sei. «Die Romandie allein hat einen Markt von 1,5 Millionen potenziellen Zuschauern, damit sind wir kleiner als die Stadt Lyon. Entsprechend sind wir gezwungen, uns international auszurichten.» Ein Filminstitut könnte im Kleinen helfen, globaler zu denken.

Ein wichtiger Schritt für die Zukunft der Branche könnte die Volksinitiative für ein Film- und Mediengesetz im Kanton Zürich sein. Der Verein Zürich für den Film hat den Gesetzesentwurf zusammen mit der Swiss Game Developers Association erarbeitet. Sie streben eine Film- und Medienstiftung an, die «die Bedürfnisse der gesamten audiovisuellen (Kultur-)Branche abdeckt». Die Initianten vergleichen die heutigen Förderangebote mit einem Flickenteppich und hoffen, dank der zentralisierenden Kraft einer Stiftung international konkurrenzfähiger zu werden.

Wenn ein nationales Filminstitut entstehen würde, dürfte dieses aber nicht «den Schweizer Film» produzieren wollen, sagt Michel Merkt. «Man sollte vielmehr versuchen, einfach gute Filme zu machen, und erst später sagen, dass sie schweizerisch sind.» Merkt wie auch Petra Volpe betonen, wie wichtig eine gemeinsame Vision ist. Filme zu machen, bedeutet eine grosse gemeinsame Anstrengung, von Autoren über Förderer bis hin zu Produzenten. «In der Schweiz wird oft zu lokal und zu klein gedacht, und nicht einmal da spüre ich die Absicht, dass man sich gründlich überlegen wollte, für wen man seinen Film überhaupt macht», sagt Volpe.

Der Schweizer Film braucht nach Jahren des Mittelmasses und der Stagnation im Heimmarkt etwas Grosses, das einen Aufbruch ermöglicht. Weiterwursteln wie bisher ist keine Lösung. Mit einem nationalen Filminstitut sowie einer Förderung mit Intendanten, die Verantwortung übernehmen und für eine Vision stehen, könnte der Traum wahr werden, den alle träumen: dass der Schweizer Film zu der Grösse zurückfindet, die er vor langer Zeit hatte.

 

Dieser Artikel erschien in der 14. Ausgabe des Filmmagazins «Frame».


> Weiterlesen: Die Lösung – Manifest für das Kino von morgen


zurück
EDIT