«Es ist ein Traum, einmal einen Oscar zu gewinnen» – Michael Steiner

15. August 2019

Michael Steiner hat drei der zehn erfolgreichsten Schweizer Filme der letzten 25 Jahre gedreht. Nun steigt der bald 50-jährige Regisseur mit WOLKENBRUCH zum ersten Mal ins Oscarrennen. Er hofft, dass sein angelsächsischer Regiestil in den USA ankomme und dass ihn die Schweizer Community in Los Angeles unterstützt.

Michael Steiner bei der Weltpremiere von WOLKENBRUCH am ZFF 2018

Michael Steiner bei der Weltpremiere von WOLKENBRUCH am ZFF 2018

Herr Steiner, Bundesrat Alain Berset hat bekanntgegeben, dass die Schweiz Ihre Komödie WOLKENBRUCH ins Oscarrennen schickt. Hat Sie diese Ehre überrascht?

Aufgrund meiner Erfahrungen mit früheren Filmen war ich schon überrascht. Ich hatte mir schon Hoffnungen mit SENNENTUNTSCHI gemacht, das hat damals nicht geklappt. Dass ich nun mit WOLKENBRUCH auch einmal ins Oscarrennen darf, freut mich sehr. Es ist das erste Mal, dass einer meiner Filme als Oscarbeitrag ausgewählt wurde.

Warum klappte es früher nicht?

Es ist eine Jury, die beurteilt, welcher Film in den USA die grössten Chancen hat – ihre Wahl entsprach oft nicht meinem Geschmack. Ich bin eher ein angelsächsischer Filmemacher, deshalb habe ich mir ein paar Mal Hoffnungen gemacht. Vergeblich. Wenn man in der Schweiz einen Preis gewinnen will, sollte man ein Drama drehen, wo es ständig regnet. Mit einer Komödie oder Tragikomödie hast du fast keine Chance. Ich habe zwar 2006 mit MEIN NAME IST EUGEN den Schweizer Filmpreis gewonnen – das hatte ich aber dem Stichentscheid von Jurypräsident Pietro Scalia zu verdanken, dem Cutter von Oliver Stone, der auch angelsächsisches Kino mag.

Wie zeigt sich denn das Angelsächsische?

Ich mache Filme, die dem Anspruch des Publikums genügen, und orientiere mich bei Schnitt und Bildsprache am Hollywoodkino, im Unterschied zu den klassischen europäischen Autorenfilmern oder Vertretern der deutschen Schule.

Szene aus WOLKENBRUCH

Szene aus WOLKENBRUCH mit Motti (Joel Basman) und Laura (Noémie Schmidt)

Wer sind Ihre Vorbilder?

Die ganz grossen Vorbilder sind natürlich James Cameron, Steven Spielberg und Martin Scorsese – je nach Genre. Ich wechsle ja immer die Genres. Und ich glaube, dass zum Beispiel ein Sergio Leone auch ein sehr angelsächsisches elegisches Kino realisierte, obwohl er in Italien arbeitete.

Alle Genannten sind Oscarpreisträger. Haben die Academy Awards für Sie eine grosse Bedeutung?

Es ist ein Traum, einmal oscarnominiert zu werden oder einen Oscar zu gewinnen. Es ist die höchste Auszeichnung im Filmschaffen.

Schauen Sie die Verleihung jeweils live?

Nein, ich schaue am nächsten Tag die Zusammenfassung. Früher habe ich die Verleihung live verfolgt, doch dann haben sie die Show in die Länge gezogen.

Wie schätzen Sie Ihre Chance ein, mit WOLKENBRUCH die Nomination zu schaffen?

Zuerst muss man den Sprung auf die Shortlist schaffen, die neun Titel umfasst – eingereicht werden etwa 90 Filme für den besten fremdsprachigen Film. Fünf werden dann nominiert. Die Chance ist also klein. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

Haben Sie schon eine Kampagne aufgegleist?

Den Schlachtplan erstellen die Produzenten in den nächsten Wochen, das ist ihre Arbeit. Wichtig ist es, in LA ein paar gut besuchte Screenings zu organisieren, so dass der Film weiterempfohlen wird.

Michael Steiner mit Cast und Crew von WOLKENBRUCH

Vorne: Michael Steiner, Joel Basman, Michael Steiger (v.l.n.r.). Hinten: Thomas Meyer, Anita Wasser, Hans Syz (v.l.n.r.) beim Fotoshooting am ZFF

Etwa die Hälfte der Academy-Mitglieder sind jüdisch. Was glauben Sie, wie werden diese den Film aufnehmen?

Die meisten amerikanischen Juden leben in einer ganz anderen Welt, als die, in der unser Film spielt, der ja im orthodoxen Milieu angesiedelt ist. Darum: Keine Ahnung.

Ein starkes Argument für WOLKENBRUCH ist ja auch der Kassenerfolg in der Schweiz.

Der Film hat hierzulande über 300 000 Zuschauer in die Kinos gelockt und figuriert nun auf Platz 10 der erfolgreichsten Schweizer Filme der letzten 25 Jahre, zu denen auch «Mein Name ist Eugen» auf Platz 2 und «Grounding» auf Platz 7 gehören. Damit bin ich sehr zufrieden, denn der Publikumspreis ist für mich der höchste Preis. Vor dem Kinostart von WOLKENBRUCH lagen die Prognosen bei 60000, maximal 100000 Zuschauern. Nun zeigte sich wieder einmal, dass das Kinogeschäft unberechenbar ist, auch wenn ich an jeder Sitzung dauernd Prognosen zum Zuschauerpotenzial der Filme höre. Vorgetragen mit grosser Sicherheit – und ich frage mich jeweils: Woher wollt ihr das wissen? Es gibt viele Propheten in diesem Land und ich bin immer froh, wenn sie tiefe Schätzungen abgeben, dann ist es einfacher, die Erwartungen zu übertreffen.

Kämpfen Sie noch gegen die Bedenkenträger?

Nein, ich bin filmpolitisch nicht aktiv. Ich konzentriere mich auf meine Projekte und hoffe, dass die Produzenten meine Filme finanzieren können. Ich ignoriere die Nebenschauplätze links und rechts und kann so meine beste Arbeit abrufen. Mir hat man ja vorgeworfen, ich mache nur Mainstreamkino. Dabei braucht es gerade heute, wo immer mehr Leute nicht mehr ins Kino gehen, einheimische Blockbuster. Sonst wird das Kino zum Museum, ehe es dann ganz verschwindet.

Sie haben ja mit WOLKENBRUCH Weltpremiere am ZFF gefeiert. Half das dem Film?

Ja, die Premiere hat eine erste Aufmerksamkeit generiert und einen guten Anschub gegeben für den Kinostart. Mein Film lief am Samstagabend, ich hätte natürlich lieber die Opening-Night gehabt, dort hätte WOLKENBRUCH noch viel mehr eingeschlagen, weil ich von Zürich bin und der Film in Zürich spielt. Mit SENNENTUNTSCHI durfte ich ja das Festival eröffnen und das war eine super Erfahrung.

Cast und Crew von WOLKENBRUCH

Cast und Crew von WOLKENBRUCH mit den Festivalgründern Karl Spoerri und Nadja Schildknech

Nach dem Erfolg von MEIN NAME IST EUGEN und GROUNDING hatten Sie die Möglichkeit, in die USA zu gehen, lehnten aber entsprechende Angebote ab. Bereuen Sie das mittlerweile?

Nein, ich bereue es nicht. Aber im Nachhinein muss ich sagen, dass ich unterschätzte, wie hart einen der Gegenwind hier in der Schweiz ins Gesicht blasen kann, wenn es mal nicht rund läuft. Als es bei SENNENTUNTSCHI finanzielle Probleme gab und mir DAS MISSEN MASSAKER kommerziell nicht glückte, wurde ich mit viel Häme übergossen. Ich brauchte dann ein paar Jahre, um das zu verdauen und habe dann WOLKENBRUCH gemacht.

Kennen Sie Los Angeles schon ein wenig?

Ja, ich war schon ein paar Mal drüben für Gespräche mit Produzenten und dann habe ich eine kleine Tour mit SENNENTUNTSCHI gemacht, der sehr gute Resonanz erhielt. Da kamen schon Produzenten auf mich zu, aber sie boten mir halt gleich wieder Genrekino an und so wie ich nach EUGEN keine Lust hatte, gleich wieder einen Kinderfilm zu machen, wollte ich nach SENNENTUNTSCHI nicht gleich einen Horrorfilm drehen. Ich bin ein Eigenbrötler bei der Stoffauswahl. Wenn mich ein Stoff nicht interessiert, lasse ich es bleiben. Kommt hinzu, dass du in Hollywood die Chance für genau einen Schuss bekommst – und der muss ins Schwarze treffen. Sonst bist du schnell wieder zu Hause.

Kennen Sie die Schweizer Szene in Hollywood?

Ja, Ueli Steiger, Xavier Koller & Co. kenne ich alle. Das ist eine tolle Community. Und ich glaube, dass ihnen mein Filmschaffen gefällt – mir gefallen ja auch ihre Filme.

Warum hat WOLKENBRUCH eigentlich in der Romandie nicht funktioniert?

Keine Ahnung, es ist der einzige Ort, wo der Film nicht gut ankam. Ich war mit WOLKENBRUCH in Chile – dort ist er begeistert aufgenommen worden und die Leute fanden, es sei eine universelle Geschichte. Auch in Chicago und München, wo er lief, bevor ihn Netflix gekauft hat, waren die Reaktionen positiv. Nur in der Romandie floppte er.

Finden Sie es gut, dass WOLKENBRUCH nun weltweit via Netflix ausgestrahlt wird oder hätten Sie lieber einen internationalen Kino-Release gehabt?

Ich frage mich natürlich schon, wie er wohl in Deutschland im Kino angekommen wäre – oder in Wien. Zumal Jiddisch und Altwienerisch sehr ähnlich sind. Ich glaube, in vielen deutschen Städten hätte er gute Chancen gehabt. Auf der anderen Seite ist Netflix natürlich ein Brand, der mir heutzutage hilft. Zurzeit wird gerade darüber diskutiert, ob man Netflix zwingen solle, Schweizer Filme zu kaufen und meinen Film haben sie freiwillig gekauft, was mich stolz macht.

Was ist Ihr nächstes Projekt?

Ich arbeite mit den Produzenten von Zodiac Pictures am Geiseldrama UND MORGEN SEID IHR TOT über die beiden Schweizer, die von den Taliban entführt wurden und entkommen konnten. Ich war schon mal an dem Projekt dran, es konnte aber nicht ausfinanziert werden. Jetzt fehlt noch der Entscheid der Zürcher Filmstiftung und wenn der positiv ausfällt, kann ich diese unglaubliche Geschichte drehen.

Es gibt doch schon einen ähnlichen Film von Michael Winterbottom.

Genau, A MIGHTY HEART mit Angelina Jolie, die noch nie so gut war wie in diesem Film. Sie spielt Mariane Pearl, die in Pakistan ihren Mann, einen Journalisten, sucht, der entführt wurde. Wir nehmen eine andere Perspektive ein: In meinem Film ist der Zuschauer quasi mit den Entführten zusammen und erlebt ihren Ausbruch mit. Ich möchte zeigen, wie unglaublich viel die beiden erdulden mussten, um diese Situation zu meistern.

Interview: Christian Jungen
  


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