«Putin hat uns alle betrogen» – Vitaly Mansky

15. Oktober 2018

Als Dokumentarfilmchef eines staatlichen Senders hatte Regisseur Vitaly Mansky Anfang der 2000er Jahre praktisch uneingeschränkten Zugang zu Putin und den inneren Zirkeln der russischen Führung. 20 Jahre später greift er in sein Videoarchiv und liefert in PUTIN'S WITNESSES einmalige, nie gesehene, persönliche Einblicke in die Geschehnisse rund um Putins Machtübernahme. Mansky besuchte das ZFF anlässlich der Filmpremiere.

Vitaly Mansky

Herr Mansky, erinnern Sie sich an Ihr erstes Treffen mit Wladimir Putin?

Vitaly Mansky: Es war im Januar oder Februar 2000. Er lud mich ein, wir trafen uns im Kreml.

Wie war Ihr erster Eindruck?

(Zuckt mit den Schultern.)

Positiv? Negativ?

Weder noch. Es war ein ganz informelles Treffen. Ich war Dokumentarfilmchef eines staatlichen Fernsehsenders und Putin wollte mich kennenlernen. Er war sehr neugierig, wollte wissen, über welche bekannten Persönlichkeiten ich schon Filme gedreht hatte.

Er hatte die Idee, dass Sie ihn mit der Kamera begleiten könnten?

Es gab eine Vorgeschichte: Als Putin plötzlich auf der politischen Landkarte auftauchte, gab ich beim TV-Sender eine Dokumentation über ihn in Auftrag. Wir wollten unseren Zuschauern erklären, wer dieser Mann ist. Ich habe viel Material über Putin gesichtet und bin auf ein Interview mit einer früheren Lehrerin von ihm gestossen. Das Interview berührte mich sehr und ich dachte: Das würde Putin bestimmt selber gerne sehen. Also habe ich ihm das Video geschickt, einfach so. Daraufhin hat er mich eingeladen.

Filmstill PUTIN'S WITNESSES

Und dann haben Sie beim Treffen über die Lehrerin geredet?

Ich habe ihm vorgeschlagen, noch einmal zu ihr zu fahren und das Interview zu wiederholen. Er meinte, wir könnten das gerne machen und anschliessend sollte ich einen Film über ihn drehen für die anstehenden Präsidentschaftswahlen.

Wie haben Sie sein Vertrauen gewonnen?

Wir hatten von Anfang an einen natürlichen, entspannten Umgang. Inzwischen sind achtzehn Jahre vergangen.

Wieso haben Sie das Filmmaterial von damals hervorgeholt?

Seit 2012 war mir klar, dass ich falsch gelegen hatte.

Wie, falsch gelegen?

2008 hatte Putin nach zwei Amtsperioden nicht erneut antreten dürfen. Als er es 2012 dennoch tat, wurde mir klar, dass er alle betrogen hatte und sich für immer an dieses Amt klammern würde. In diesem Moment wusste ich, dass mein Material von 2000 unter einem neuen Licht betrachtet werden musste.

Wie viel Material hatten Sie?

Rund 100 Stunden…

Filmstill PUTIN'S WITNESSES

Als Sie sich die alten Aufnahmen anschauten: Was hat am meisten überrascht?

Dass wir das Offensichtliche nicht gesehen hatten. Man hatte geglaubt, Putin würde Russland öffnen. Wohin hatten wir geschaut? Wir waren alle blind gewesen.

Hat er sich nicht erst über die Zeit zum Autokraten entwickelt?

Natürlich hat er sich auch verändert. Macht verändert den Menschen. Manche von Putins früheren Mitstreitern sind nicht mehr am Leben, andere sind in der Opposition und werden drangsaliert.

Fühlen Sie sich bedroht?

Darüber denke ich nicht nach. Ich beschäftige keinen Sicherheitsdienst.

Filmstill PUTIN'S WITNESSES

Der russische Geheimdienst scheint auch in der Schweiz aktiv zu sein, kürzlich flog eine Mission auf, die das Labor Spiez zum Ziel hatte. Glauben Sie, dass Sie beobachtet werden?

Es wird jeder beobachtet, den Putin beobachten will, das ist klar. Ich muss mit der Situation umgehen und ich versuche, ganz normal per Handy zu kommunizieren. Aber ich glaube eigentlich nicht, dass ich für die Geheimdienste interessant bin. Ich äussere meine Ansichten ja in aller Öffentlichkeit und verhehle nichts.

Da Sie Putin viel mit der Kamera begleitet haben: Was glauben Sie, hat er inkriminierendes Material gegen Trump?

Das kann ich nicht sagen. Selbstverständlich hat Putin Material gesammelt über wichtige Leute, die in Russland waren. Und Trump war in Russland, es ist daher naheliegend anzunehmen, dass es etwas gibt. Aber ich möchte mich nicht an Spekulationen der Boulevardpresse beteiligen.

Der Film ist eine Schweizer Koproduktion. Weshalb?

Ohne die Unterstützung der Schweiz wäre es nicht möglich gewesen, diesen Film zu realisieren. Wir mussten das Archivmaterial aufbereiten, das kostete viel Geld. Die Produzentin Gabriela Bussmann und Jean Perret, der lange die HEAD in Genf leitete, halfen uns ausserdem dabei, den Film für ein nicht-russisches Publikum verständlich zu machen.

PUTIN'S WITNESSES

Kinostart D-CH: 11. Oktober 2018.


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