Julie Delpy - Sie setzt auf neue Frauenbilder

14. November 2019

Julie Delpy ist nicht nur eine grossartige Schauspielerin, sondern auch eine begnadete Regisseurin. In ihrem sechsten Spielfilm «My Zoe» verkörpert sie gleich selbst eine Mutter, die um das Leben ihrer Tochter kämpft.

Julie Delpy

© Sabine Liewald

Was unterscheidet Julie Delpy von ihren Landsfrauen Brigitte Bardot, Catherine Deneuve und Sophie Marceau? Sie hat sich auch in Hollywood durchsetzen können. Seit 1990 lebt die Französin in den USA und hat dort grosse Erfolge feiern können, in Blockbustern wie «Avengers: Age of Ultron» oder «The Three Musketeers» genauso wie in Autorenfilmen wie «Broken Flowers» von Jim Jarmusch oder im Film «Before Sunrise» (1995) von Richard Linklater. Darin verkörperte sie eine Französin, die sich im Zug in einen Amerikaner (Ethan Hawke) verliebt und mit ihm eine Nacht in Wien verbringt. Das romantische Befindlichkeitsporträt der Generation X markierte den Auftakt zur «Before»-Trilogie, deren Geschichten wie aus dem Leben gegriffen wirken – was massgeblich Delpys Verdienst ist. Sie schrieb an den Szenarien mit und erhielt für die Fortsetzungen «Before Sunset» und «Before Midnight» je eine Oscarnomination als beste Drehbuchautorin. 

Still aus MY ZOE von Julie Delpy

Filmstills aus MY ZOE

Die Liebe zum Kino ist Julie Delpy (*1969) in die Wiege gelegt worden. Sie ist die Tochter des Schauspielerpaares Marie Pillet und Albert Delpy. Schon mit 14 wurde sie von Jean-Luc Godard entdeckt, der ihr einen Part in «Détective» gab. Ihre ersten grossen Rollen spielte sie in «Mauvais sang» von Leos Carax und in «La passion Béatrice» von Bertrand Tavernier, für die sie je eine César-Nomination erhielt. Delpy träumte schon damals davon, selber Regisseurin zu werden. 1990 siedelte sie nach New York über, wo sie an der renommierten Tisch School of the Arts Regie studierte, die bereits Meister wie Martin Scorsese, Oliver Stone oder Ang Lee hervorgebracht hatte.  

Liebende Mutter 

Die Idee für ihr sechste Regiearbeit «My Zoe» hatte sie 1994, als sie mit Krzysztof Kieslowski in Warschau «Trois couleurs: Blanc» drehte. «Ich diskutierte mit Kieslowski übers Elternsein, die Liebe und das Schicksal. Mir schwebte ein Film über die bedingungslose Liebe von Eltern für ihr Kind vor», erzählt Delpy. Als sie 2009 selber einen Sohn gebar und drei Wochen später ihre Mutter verstarb, habe sie begriffen, woher die Ängste ihrer eigenen Mutter gekommen seien. Autobiografisch sei ihr Film aber nicht. «Wenn ich ein Drehbuch schreibe, dann unterdrücke ich das Bewusstsein ein bisschen und lasse das Unterbewusstsein ein wenig übernehmen, weil man sonst alles erklärt und sich innerhalb der üblichen Denkmuster bewegt.»

Poster MY ZOE von Julie Delpy


Im Film «My Zoe» verkörpert Julie Delpy die französische Genetikerin Isabelle, die in Berlin lebt und sich das Sorgerecht für ihre Tochter Zoe mit ihrem Ex teilt. Gerade als Isabelle zwischen Arbeit und Familie aufgerieben zu werden droht, wirft sie ein Schicksalsschlag aus der Bahn: Ihre Tochter Zoe wacht eines morgens nicht mehr auf. Im Spital stellt sich heraus, dass sie innere Hirnblutungen erlitten hat. Während das Kind im Koma liegt, streiten sich ihre Eltern im Warteraum. Isabelle wirft ihrem Ex (Richard Armitage) vor, er habe nach der Geburt nicht mehr mit ihr schlafen wollen, weil sie zugenommen hatte; er entgegnet, das sei nicht wahr, sie sei einfach verbittert gewesen. 

MY ZOE von Julie Delpy

Julie Delpy mit Produzent Malte Grunert und Schauspieler Daniel Brühl am ZFF 2019

Das Wortgefecht ist der Höhepunkt der ersten Filmhälfte,
die keinen fühlenden Menschen kalt lässt, weil sich jeder und jede in die Figuren hineinfühlen kann. Delpy, die sich 2013 vom Vater ihres Kindes trennte, hat beim Schreiben auf eigene Erfahrungen zurückgreifen können. Nachdem der Arzt die Eltern mit einer Hiobsbotschaft konfrontiert hat, schickt sich Isabelle mit eiskalter Bestimmtheit an, einen Plan zu vollstrecken: Sie will mithilfe eines Arztes (Daniel Brühl) in Moskau ihre Tochter klonen. Julie Delpy sagt, sie habe ihre Figur bewusst anders angelegt, als Frauen im Kino üblicherweise gezeichnet werden. «Sie ist eine Frau, die getrieben ist. Normalerweise sind es ja Männer, die etwas Unmögliches machen. Der Mann will einen Schritt weiter gehen, die Frau aber steht hinter ihm und nörgelt: ‹Warum tust du das?›» Delpy möchte Frauen eine Stimme geben, welche Grenzen überwinden.

Von Komödie zu Drama 

Über ihre Erfahrungen hatte sie auch am 6. Symposium «Women of Impact» gesprochen, das im Rahmen des ZFF stattfand. Mit «My Zoe» ist Julie Delpy, die als Regisseurin bisher für überdrehte Komödien wie «2 Days in New York» oder «Lol» bürgte, der Schritt ins dramatische Fach gelungen. 

«My Zoe» ist ab heute in den Schweizer Kinos zu sehen.


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