Die Sektion Now/Future verbindet am Zurich Film Festival die drängenden Herausforderungen der Gegenwart mit der Frage nach Zukunftsstrategien. Mit TIME AND WATER zeigt die Sektion den neuen Film der oscarnominierten Regisseurin Sara Dosa über das Verschwinden der Gletscher. Im Interview spricht Dosa über ihre Motivation dahinter.
1. Nach Ihrem oscarnominierten Dokumentarfilm FIRE OF LOVE, der sich mit einer vom Feuer geprägten Geschichte befasste, widmet sich TIME AND WATER einer anderen Elementarkraft: Eis und Wasser. Was hat Sie an dieser Geschichte gereizt?
Ähnlich wie die Vulkane in FIRE OF LOVE bot die gewaltige Urkraft der Gletscher eine Möglichkeit, über unsere vergängliche Menschlichkeit im Verhältnis zur Weite der geologischen Zeit nachzudenken: über die Kürze unseres eigenen Lebens und darüber, was es bedeutet, wenn das, was wir erschaffen, erben, zerstören und verlieren, einem so gewaltigen Massstab gegenübersteht. Bei TIME AND WATER hat mich jedoch besonders die Vorstellung bewegt, dass Gletscher auch eine Art Archiv der Erdgeschichte sind, das die Prozesse unseres Planeten über Jahrmillionen hinweg im Eis einfriert. Diese Idee mit den Familienarchiven des gefeierten isländischen Schriftstellers Andri Snær Magnason zu verknüpfen, empfand ich als kreativ spannend, zumal er darüber nachgedacht hat, was es bedeutet, sich von Gletschern zu verabschieden, die er und die Generationen vor ihm als ewig beständig empfunden hatten.
Ich war zudem erschüttert und zutiefst neugierig auf die Frage: Was ist Island ohne Eis? Welche kulturellen, politischen und ökologischen Zusammenhänge und Wissensformen, die so zentral mit Identität und Geschichte verbunden sind, gehen verloren, während die Verbrennung fossiler Brennstoffe den Planeten erwärmt? Der Film wurde zu einer Möglichkeit, diese Trauer zu verarbeiten, ebenso wie die Liebe zur Familie und zur Heimat. Gleichzeitig wird hinterfragt, was es bedeutet, sich zu erinnern und Zeuge zu sein sowie zu handeln, bevor sich das, was einst dauerhaft schien, nun radikal wandelt.
2. Eine der auffälligsten Eigenschaften des Films ist die Art und Weise, wie er sich der Klimakrise anhand einer persönlichen Geschichte, anhand von Erinnerungen, Familie und menschlicher Erfahrung nähert. Was hat Sie zu diesem Ansatz bewogen?
Einer unserer Berater für den Film, Thorvardur Arnason, sprach darüber, wie wichtig es ist, persönlich über globale Themen zu sprechen – insbesondere über solche, die so gewaltig erscheinen, dass sie schwer zu begreifen sind, oder die, wie im Fall der Klimakrise, durch den politischen Diskurs so verschleiert und vereinnahmt werden, dass die wissenschaftlichen Fakten allein nicht mehr durchdringen können. Aus dem Herzen zu sprechen, kann andere dazu bewegen, es einem gleichzutun, und so angesichts einer globalen Tragödie Verbundenheit und Verständnis schaffen. Für mich bot Andris Familie einen zutiefst bewegenden Zugang zu dieser grösseren Geschichte: Seine Grosseltern kannten und liebten die Gletscher als lebendige, beständige Präsenz, und nur zwei Generationen später muss sich Andri durch die Grabrede für den Okjökull Gletscher, die er schreiben soll, von ihnen verabschieden. Das ist eine zutiefst persönliche Trauer, die sich aber auch zu etwas Universellem weitet. Je intimer die Geschichte wird, desto mehr kann sie uns helfen, die Tragweite dessen zu spüren, was wir verlieren, und vielleicht ein Gefühl der Gemeinschaft und Handlungsfähigkeit darin zu finden, wie wir auf diese unzähligen und existenziellen Krisen reagieren.
Ausserdem finde ich, dass viel Freude in Andris persönlicher Familiengeschichte steckt. Liebe durchströmt das Archivmaterial, von den Dahlien-Dias seines Grossvaters bis hin zu Andris eigenen Heimvideos seiner Kinder. Das Leben, das in den Geschichten und Aufzeichnungen seiner Familie festgehalten ist, explodiert im gesamten Film wie ein Feuerwerk an einem isländischen Silvesterabend. In jeder Geschichte über Verlust, insbesondere in einer, die sich auf das Verschwinden eines Gletschers konzentriert, muss ein tiefgehendes Verständnis für das Leben vorhanden sein. Für mich ist es entscheidend, dass wir die Tragweite der Krise spüren, indem wir alles, was wir lieben, mit dem in Verbindung bringen, was verschwindet: die Menschen, Orte, Erinnerungen und Wissensformen, die in Beziehung zu den Landschaften stehen, die wir unser Zuhause nennen.
3. TIME AND WATER wird im Rahmen der Sektion NOW/FUTURE des Zurich Film Festival gezeigt, die sich mit drängenden Themen der Gegenwart befasst und gleichzeitig die Frage stellt, wie wir eine bessere Zukunft gestalten können. Inwiefern greift der Film diese beiden Dimensionen auf: die Realität, mit der wir heute konfrontiert sind, und die Möglichkeiten, die noch vor uns liegen?
Es war unsere Absicht, den Film mit einem Gefühl von «agierender Ungewissheit» ausklingen zu lassen; um die Idee zu betonen, dass die Zukunft zwar bedrohlich erscheint, aber noch nicht geschrieben ist – und dass es daher darauf ankommt, was wir jetzt tun. Gletscher sind tatsächlich noch am Leben, also können wir sie immer noch lieben und für das kämpfen, was noch übrig ist. Wir dachten, dieser Ansatz ist wirkungsvoll, da zu viel Hoffnung uns in Selbstzufriedenheit wiegen kann, während zu viel Furcht uns in in unserem Nihilismus lähmt und die Möglichkeit von Klimagerechtigkeit zunichte macht. Ungewissheit hingegen lädt zum Handeln ein: Sie erinnert uns daran, dass unsere Handlungen in dieser instabilen Gegenwart die Welt prägen, die wir unseren Liebsten hinterlassen.
Im Film spricht Andri auf wunderschöne Weise über die Idee des «Handschlags der Generationen» als eine Möglichkeit, das scheinbar abstrakte Konzept der Zukunft zu begreifen, und vermittelt uns das Gefühl, dass unser Handeln in der Gegenwart wirklich von Bedeutung ist. Gegen Ende sehen wir, wie Andris Grossmutter Hulda ihre Erinnerungen an die Gletscher mit seiner Tochter, die ebenfalls Hulda heisst, teilt. Die Vorstellung, dass seine Tochter eines Tages die Geschichten ihrer Urgrossmutter an ihre eigene Urenkelin weitergeben könnte, verdeutlicht, wie die Zukunft weniger abstrakt wird, wenn wir sie als Teil eines ununterbrochenen menschlichen Kontinuums verstehen, in dem wir sowohl Erben als auch Vorfahren sind.
4. Sehen Sie Ihren Film als einen Akt des Gedenkens, als Aufruf zum Handeln, oder als etwas ganz anderes?
Ich sehe ihn als beides. Mich bewegen Geschichten, die Akte der Vorstellungskraft sind und alternative Denkweisen über die Zukunft aufzeigen – und genau das wollte unser Team mit TIME AND WATER erreichen. Mich hat die Idee sehr inspiriert, dass Archive – also die Art und Weise, wie die Vergangenheit dargestellt wird – oft als Grundlage für die Vorstellung der Zukunft dienen. Doch Archive sind subjektiv. Sie sind eingebettet in die politischen, historischen, kulturellen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ihrer jeweiligen Epochen. Gerade jetzt, wo es so viele vorherrschende Erzählungen gibt, die die Natur als auszubeutende Ressource oder die Klimakrise als künstlich geschürte Panikmache darstellen, halte ich es für umso wichtiger, Archive sichtbar zu machen, die jenseits dieser Denkweisen träumen können.
Ich betrachte unseren Film als eine Zusammenstellung von Archivmaterial, aber auch als eine Art Zukunftsarchiv an sich. Er bewahrt Erinnerungen an die Gletscher, an die Menschen, die sie liebten, und an die Welten, die sie ermöglichten. Gleichzeitig bietet er eine fantasievolle Grundlage für eine Zukunft, in der die Gletscher noch lebendig sind und in der wir uns dafür entschieden haben, unser Leben, unsere Wirtschaft und unsere Beziehungen zur Natur so zu gestalten, dass dies möglich wird.
5. Wenn überhaupt – was hoffen Sie, dass das Publikum nach dem Ende des Films mitnehmen?
Ich hoffe, dass das Publikum die Vitalität und Lebenskraft der Gletscher tief im Innersten spürt, emotional mit ihnen mitfühlt und versteht, wie eng die Menschen mit dem gesamten Wasser auf der Erde verbunden sind. Ich hoffe auch, dass die Zuschauer verstehen, wie sehr unsere menschlichen Geschichten und Erinnerungen in all den Landschaften verwurzelt sind, die wir unser Zuhause nennen, und dass sie dabei sowohl die Liebe und das Leben als auch den möglichen Verlust spüren. Auf diese Weise hoffe ich, dass die Zuschauer das Gefühl haben, selbst ihre Arme ausgestreckt zu haben, als Teil eines generationen-übergreifenden Händedrucks, in dem Wissen, dass sie die Vergangenheit mit sich tragen und die Zukunft über ihr eigenes individuelles Leben hinaus berühren und beeinflussen können.
6. Gab es einen bestimmten Moment während der Dreharbeiten, der Ihr Verständnis der Geschichte verändert hat oder der Ihnen nach Abschluss der Produktion im Gedächtnis geblieben ist?
Als ich zum ersten Mal eine Gletscher-Eishöhle betrat, veränderte sich mein Verständnis der Geschichte. Ich fühlte mich gleichzeitig in den Kosmos und in eine Art Mutterleib versetzt. Die Art und Weise, wie das Eis gefriert, ist auf verblüffende Weise mehrdimensional: Es schliesst Erde, Asche, Blätter, Partikel und andere Dinge ein und hält sie gefroren in der Schwebe. Von innen betrachtet sieht das Eis in einem Gletscher tatsächlich aus wie Bilder von Nebeln und astronomischen Phänomenen. Diese kosmischen Bilder haben mir wirklich das Gefühl gegeben, mit der Weite der Zeit verbunden zu sein.
Doch trotz dieses Gefühls von epischer Grösse hat das Eis gleichzeitig auch etwas sehr Intimes an sich. Das Rauschen des Wassers oder das herzschlagähnliche Ächzen und Knarren zu hören, gab uns das Gefühl, dass wir uns in einer Art Körper befinden; es liess mich und unser Team das Leben dieser abiotischen Landschaft spüren. Diese Dualität aus kosmischer Grösse und intimer Kleinheit hat mich meine eigene menschliche Vergänglichkeit spüren lassen. Die Erkenntnis, dass wir – diese winzigen Menschen mit unseren flüchtigen Existenzen – diese einst gewaltigen Gletscher für kurzfristige politische und wirtschaftliche Vorteile zerstören, war jedoch niederschmetternd. Und sie liess die Arbeit an diesem Film umso dringlicher und motivierender erscheinen.
TIME AND WATER wird als Teil der Sektion Now/Future am 22. Zurich Film Festival gezeigt. Das vollständige Programm wird am Mittwoch, den 9. September, ab 12:00 Uhr auf der Website veröffentlicht. Der Ticketverkauf startet am Montag, dem 14. September 2026.
Über die Regisseurin Sara Dosa
Die Amerikanerin ist eine preisgekrönte Dokumentarfilmschaffende, deren Werke sich mit der Beziehung zwischen Mensch und Natur beschäftigen. Ihre Filme wurden unter anderem für einen Oscar, BAFTA und Independent Spirit Award nominiert sowie mit einem Peabody Award und einem Directors Guild of America Award ausgezeichnet. Zu ihren Regiearbeiten zählen FIRE OF LOVE, der 2023 für einen Oscar nominiert wurde, sowie THE LAST SEASON und THE SEER & THE UNSEEN. Als Produzentin war sie unter anderem an AUDRIE & DAISY, SURIVIVORS, THE EDGE OF DEMOCRACY und AN INCONVENIENT SEQUEL: TRUTH TO POWER beteiligt. Dosa studierte an der Wesleyan University und erwarb einen Master in Kulturanthropologie und International Development Studies an der London School of Economics.