Tunesien ist Gastland 2021

01. September 2021

Vor zehn Jahren begann der «tunesische Frühling»: Das Kino des Landes hat den Schwung mitgenommen und blüht auf. Die Sektion «Neue Welt Sicht» am 17. Zurich Film Festival feiert eine neue Generation von tunesischen Filmschaffenden, die unerschrocken brennende Themen aufgreifen und dringliche Geschichten erzählen aus einer Gesellschaft zwischen Tradition und Aufbruch.


Die Sektion «Neue Welt Sicht» widmet sich seit 2007 einem Land, in dem ein cineastischer Aufbruch im Gang ist. Dieses Jahr steht mit der Wahl Tunesiens zum ersten Mal ein Land des afrikanischen Kontinents im Fokus. Es sei wichtig, endlich nach Afrika zu schauen, sagt ZFF-Direktor Christian Jungen: «1950 war die Bevölkerung von Afrika halb so gross wie jene Europas, im Jahr 2100 wird sie zehnmal so gross sein. Und das Kino ist ein gesellschaftlicher Spiegel. Zehn Jahre nach Beginn des Arabischen Frühlings in Tunesien zeigen uns die tunesischen Filme ein Land im Umbruch.»

Kuratiert wird die Auswahl von ZFF-Programmleiter Georg Bütler, der die «Neue Welle» Tunesiens schon länger im Blick hat. «Seit einigen Jahren sorgt das junge tunesische Filmschaffen für Aufsehen», sagt er: «Es ist höchste Zeit, dieser genauso innovativen wie unerschrockenen neuen Generation in Zürich eine grosse Plattform zu geben.» Bütler betont die stilistische Vielseitigkeit und die Innovationskraft der Filme, «die inhaltlich die neuen Freiheiten im gesellschaftlichen Diskurs Tunesiens genauso nützen, wie sie auch selbst dazu beitragen». So beschäftige sich dieses Kino mit familiären und patriarchalen Strukturen, Misswirtschaft, Emigration oder religiösen Fanatismus. Bütler hält fest: «Viele gesellschaftlich brennende Themen werden aufgegriffen, manchmal direkt, manchmal in symbolhaften Parabeln versteckt.»

«Tunesien hat seit der Revolution im Jahr 2011 einen tiefgreifenden kulturellen Wandel vollzogen», erklärt der tunesische Botschafter in der Schweiz, Tarek Bettaieb, und zeigt sich sehr erfreut über die Einladung ans ZFF: «Dass Tunesien als erstes arabisches und afrikanisches Land Ehrengast des 17. Zurich Film Festival sein darf, ist eine Auszeichnung für Generationen von Produzenten und Talenten, die keine Mühen gescheut haben, um das Kino als wichtiges Instrument der Kultur und einen Spiegel der Zivilisation zu fördern, indem sie es trotz historischer Beschränkungen, technischer Handicaps und begrenzter Ressourcen mit vielen relevanten Werken bereichert haben.»

Nun, fügt Bettaieb hinzu, habe sich eine neue Generation von Filmschaffenden der «Erweiterung der Form des Kinos» angenommen, um auf sensible Themen - fernab von stereotypen Werten - und neue gesellschaftliche Phänomene aufmerksam zu machen, «mit innovativen Bildern und einer echten künstlerischen Sprache ohne Instrumentalisierung oder Zensur.»

Bestes Beispiel dafür ist Kaouther Ben Hanias satirisches Drama «The Man Who Sold His Skin», das jüngst als erster Kinofilm in der tunesischen Geschichte für den Oscar nominiert wurde und nun am ZFF zu sehen sein wird. Insgesamt umfasst die Programmreihe «Neue Welt Sicht» elf Spielfilme, zwei Dokumentarfilme sowie einen Kurzfilmblock, der im Rahmen einer langjährigen Zusammenarbeit einmal mehr von den Kurzfilmtagen Winterthur beigesteuert wurde.

Offizieller Partner der Reihe «Neue Welt Sicht: Tunesien» ist der Flughafen Zürich.

Das 17. Zurich Film Festival findet dieses Jahr vom 23. September bis 3. Oktober statt.

Das vollständige Programm wird am Donnerstag, dem 9. September, ab 12 Uhr auf der ZFF-Webseite veröffentlicht. Zudem ist es auf der offiziellen Festival-App Tribo einsehbar, wo auch ein persönliches Festivalprogramm zusammengestellt werden kann. Der Ticketverkauf startet am Montag, den 13. September.

THE MAN WHO SOLD HIS SKIN


THE MAN WHO SOLD HIS SKIN

Schweizer Premiere | Drama | Tunesien, Frankreich, Deutschland, Belgien, Schweden, Türkei, Zypern, 2020
Regie: Kaouther Ben Hania
Cast: Yahya Mahayni, Dea Liane, Koen de Bouw, Monica Bellucci, Saad Lostan

Ein Künstler macht dem syrischen Flüchtling Sam ein ungewöhnliches Angebot: Er bietet ihm Reisefreiheit, wenn dieser im Gegenzug seinen Körper für die Kunst hergibt. Sam, der seine grosse Liebe wiedersehen will, lässt sich ein Visum auf den Rücken tätowieren, doch muss nun als Kunstobjekt für Ausstellungen bereitstehen. Ein provokanter Blick auf Kunstelitismus und die Apathie der westlichen Welt gegenüber der Flüchtlingskrise.

 

UN FILS / A SON


UN FILS / A SON

Drama | Tunesien, Frankreich, 2019
Regie: Mehdi M. Barsaoui
Cast: Sami Boujila, Najla Ben Abdallah

Im tunesischen Süden geniessen Fares und Meriem ein Ferienwochenende mit ihrem elfjährigen Sohn Aziz. Als sie unerwartet in eine Schiesserei geraten, landet der verwundete Aziz auf der Intensivstation und benötigt eine Transplantation. Beide Eltern lassen sich testen, wobei ein lang gehütetes Geheimnis ans Licht kommt. Ein fesselndes Drama, das geschickt die privaten Konflikte der Figuren und die politischen Konflikte Tunesiens verflicht.

 

STREAMS


STREAMS


Drama | Tunesien, Frankreich, Luxemburg, 2021
Regie: Mehdi Hmili
Cast: Afef Ben Mahmoud, Iheb Bouyahya, Zaza, Sarah Hannachi, Slim Baccar

Amel und ihr Teenager-Sohn Moumen träumen von seiner Zukunft als Torhüter einer berühmten Fussballmannschaft. Doch es kommt alles anders. Nach einem angeblichen Ehebruch muss Amel sechs Monate ins Gefängnis. Als sie entlassen wird, ist Moumen verschwunden. Seine Spuren führen Amel in die nächtliche Unterwelt der tunesischen Hauptstadt und die dunkelsten Nischen einer Gesellschaft ausser Rand und Band.

 

 

NOURA RÊVE / NOURA'S DREAM


NOURA RÊVE / NOURA'S DREAM

Schweizer Premiere | Drama | Tunesien, Belgien, Frankreich, 2019
Regie: Hinde Boujemaa
Cast: Hend Sabri, Lotfi Abdelli, Hakim Boumsaoudi, Imen Cherif, Saif Dhrif, Jamel Sassi

Während ihr unberechenbarer Ehemann Jamel im Gefängnis sitzt, träumt Noura von einer Zukunft mit ihrem Liebhaber Lassad. Die Scheidung ist bereits eingereicht, doch der eifersüchtige Jamal wird unerwartet entlassen und aussereheliche Beziehungen sind in Tunesien gesetzlich verboten… Ein wunderschönes Drama um eine sympathisch-eigensinnige Frau aus dem Arbeitermilieu, die um ihre Selbstbestimmung kämpft.

 

TLAMESS


TLAMESS


Mystery | Tunesien, Frankreich, 2019
Regie: Ala Eddine Slim
Cast: Abdullah Miniawy, Souhir Ben Amara, Khaled Ben Aissa

Der junge Soldat S hat genug von der Brutalität der tunesischen Armee. Er desertiert und flieht in die Einsamkeit des Waldes. Dort trifft er auf die schwangere F, die vor ihrem Leben als Ehefrau eines reichen Geschäftsmannes geflohen ist und sich schon bald von dem rätselhaften Einzelgänger S in den Bann gezogen fühlt. Ein atmosphärischer, surrealer Traumfilm und international ausgezeichnetes Kinoerlebnis.

 

UN DIVAN À TUNIS / ARAB BLUES


UN DIVAN À TUNIS / ARAB BLUES


Komödie | Frankreich, 2019
Regie: Manele Labidi
Cast: Golshifteh Farahani, Majd Mastoura, Aïcha Ben Miled, Feriel Chamari, Hichem Yacoubi

Nach der tunesischen Revolution kehrt die Psychotherapeutin Selma aus Frankreich nach Tunis zurück, um ihre eigene Praxis zu eröffnen. Doch ihre Familie wie auch die Behörden machen ihr das Leben schwer. Selma beschliesst kurzerhand, Patienten in ihrer Wohnung zu empfangen, denn das Redebedürfnis ist gross. Mit hintersinniger Leichtigkeit thematisiert der Film die Traumata, die Ben Alis Diktatur hinterlassen hat, und fängt so ein Land im Umbruch ein.

 

UNE HISTOIRE D'AMOUR ET DE DÉSIR / A TALE OF LOVE AND DESIRE


UNE HISTOIRE D'AMOUR ET DE DÉSIR / A TALE OF LOVE AND DESIRE


Schweizer Premiere | Drama | Frankreich, 2021
Regie: Leyla Bouzid
Cast: Sami Outalbali, Zbeida Belhajamor, Diong-Kéba Tacu, Aurélia Petit, Mahia Zrouki

Als sich Farah und Ahmed begegnen, knistert es sofort. Ein Literaturkurs in Paris über erotische arabische Poesie bringt die Tunesierin und den algerisch-französischen Secondo näher. Doch schnell zeigt sich, dass Farahs Freisinn an Ahmeds konservativen Vorstellungen abprallt. In sinnlichen Bildern erkundet das Drama verschiedene „arabische“ Vorstellungen von Sexualität sowie die komplexen Zwischenräume von Liebe und Sex.

 

LA BELLE ET LA MEUTE / BEAUTY AND THE DOGS


LA BELLE ET LA MEUTE / BEAUTY AND THE DOGS


Drama | Tunesien, Frankreich, Schweden, Libanon, Norwegen, 2017
Regie: Kaouther Ben Hania
Cast: Mariam Al Ferjani, Ghanem Zrelli, Noomane Hamda, Mohamed Akkari, Chedly Arfaoui

Nach einer Party in Tunis irrt die junge Studentin Mariam völlig aufgelöst durch die Strassen – sie wurde Opfer eines Verbrechens, verübt von Polizeibeamten. Mariam will die Täter anzeigen, aber wie vorgehen, wenn die Polizei keine Hilfe ist und alle dazu raten, einfach zu schweigen? Basierend auf wahren Ereignissen um eine mutige Frau, die sich einem korrupten männlichen System entgegenstellt.

 

LA VOIE NORMALE / RAILWAY MEN


LA VOIE NORMALE / RAILWAY MEN


Dok: Gesellschaft und Mensch | Tunesien, Schweiz, Frankreich, Katar, 2018
Regie: Erige Sehiri
Protagonisten: Nabi Houji, Ahmed Mourad Khanfir, Afef Mokbli, Issameddine Fitati

Ausgebrannte Waggons, lose Schienen: Die tunesische Eisenbahn befindet sich nach jahrelanger Misswirtschaft in desolatem Zustand. RAILWAY MEN begleitet fünf Lokführer, Schaffner und Ingenieure im Kampf gegen die veraltete Infrastruktur. Ein spannender Transformationsprozess, der – übertragbar auf die postrevolutionäre tunesische Gesellschaft – von Inkompetenz und Korruption, aber auch Würde, Resilienz und neuer Hoffnung erzählt.

 

DACHRA


DACHRA


Horror | Tunesien, 2018
Regie: Abdelhamid Bouchnak
Cast: Yassmine Dimassi, Aziz Jbali, Bilel Slatnia, Hela Ayed, Bahri Rahali, Hedi Majri

Für ein Uni-Projekt forschen Yasmine und zwei Mitstudenten der Legende der Hexe Mongia nach. Ihre Recherche führt sie zu einer isolierten Gemeinde tief im Wald. Von den Männern herzlich begrüsst, doch von den Frauen gemieden, ahnt Yasmine nichts Gutes und rennt schon bald um ihr Leben. Der „erste Horrorfilm Tunesiens“ avancierte mit geschickt umgesetzter Low-Budget-Ästhetik zum grössten tunesischen Kassenschlager in 20 Jahren.

 

SHE HAD A DREAM


SHE HAD A DREAM


Dok: Gesellschaft und Politik | Frankreich, Tunesien, 2020
Regie: Raja Amari

Die 25-jährige Gofrahne Binous hat einen Traum: Sie möchte Politikerin werden und Einfluss auf die Zukunft ihres Landes nehmen. Der Weg dorthin ist für die tunesische Jurastudentin nicht einfach, hat sie doch als schwarze Frau nicht zuletzt mit rassistischer und sexistischer Diskriminierung zu kämpfen. SHE HAD A DREAM ist das reichhaltige Porträt einer inspirierenden Persönlichkeit mit immensem Durchhaltevermögen und einer Gesellschaft voller Gegensätze.

 

HEDI / INHEBBEK HEDI


HEDI
 / INHEBBEK HEDI

Drama | Tunesien, Belgien, Frankreich, Katar, Vereinigte Arabische Emirate, 2016
Regie: Mohamed Ben Attia
Cast: Majd Mastoura, Rym Ben Messaoud, Sabah Bouzouita, Hakim Boumessoudi, Omnia Ben Ghali

Das Leben des Autoverkäufers Hedi ist stets so verlaufen, wie andere – allen voran seine Mutter – es für ihn geplant haben, bis hin zur arrangierten Ehe. Doch kurz vor seiner Hochzeit wird Hedis beschauliches Leben komplett aus den Angeln gehoben, als er sich auf einer Dienstreise in die freigeistige Tänzerin Rim verliebt. Ein nuancierter Film über das Glück und den Schmerz der Freiheit – ein Meilenstein des neuen tunesischen Kinos.

 

REGARDE-MOI / LOOK AT ME


REGARDE-MOI
 / LOOK AT ME

Drama | Tunesien, Frankreich, Katar, 2018
Regie: Nejib Belkadhi
Cast: Nidhal Saadi, Saoussen Maalej, Aziz Jebali, Idryss Kharroubi, Ann Parry

Der Tunesier Lotfi, erfolgreicher Geschäftsführer in Marseille, erwartet ein Kind mit seiner Freundin Sophie. Sie ahnt allerdings nicht, dass Lotfi vor Jahren seine Ehefrau Sarrah und seinen autistischen Sohn Youssef in der Heimat zurückliess. Als Sarrah ins Koma fällt, kehrt der 40-Jährige nach Tunesien zurück, um sich seiner Vergangenheit anzunehmen. Bloss, wie wird Youssef nach all der Zeit reagieren?

 

KURZES AUS TUNESIEN


KURZES AUS TUNESIEN


NOUR: Rim Nakhli, 2020
LE BAIN: Anissa Daoud, 2020
THIS DAY WON’T LAST: Mouaad el Salem, 2020
BROTHERHOOD: Meryam Joobeur, 2018

Die Vielfalt des tunesischen Filmschaffens in einem Kurzfilmblock: NOUR zeigt uns ein Geschwisterpaar auf dem Weg, ihren lang verschollenen Vater zu treffen. Um Familiäres geht es auch in LE BAIN: Ein junger Mann ist zum ersten Mal längere Zeit allein mit seinem Sohn und sieht sich plötzlich mit seinen grössten Ängsten konfrontiert. THIS DAY WON’T LAST reflektiert lyrisch das queere Leben einer jungen tunesischen Generation. Und der oscarnominierte Spielfilm BROTHERHOOD gibt uns einen hochspannenden Einblick in das Verhältnis der lokalen Bevölkerung zum islamistischen Fundamentalismus. (Kuratiert von den Internationalen Kurzfilmtagen Winterthur.)


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