Schweizer rocken Sundance

30. Januar 2020

Am legendären Filmfestival in Park City sind wir auf der Suche nach Perlen des amerikanischen Indie-Kinos, die wir dann auch am ZFF präsentieren können. Erstaunlicherweise laufen auch immer mehr Schweizer Filme am Festival.

Sundance Film Festival

Das berühmte Egyptian Theatre in Park City

Das Sundance Filmfestival findet in einer einmaligen Kulisse statt: Wenn man aus einem der Kinos kommt, blickt man auf die Skipisten des Wintersportortes Park City, wo 2002 die Olympischen Spiele stattfanden. Für uns vom ZFF kommt Skifahren aber nicht infrage – nicht nur, weil eine Tageskarte 200 Dollar kostet. Wir sind hier, um Filme zu finden, die wir am 16. ZFF zeigen können. Sundance gilt als eines der drei wichtigsten Filmfestival der Welt. Hier feiern viele der aufregendsten Titel des Jahres Weltpremiere. Und weil man diese später viel schwieriger zu sehen bekommt, lohnt es sich, die Filme vor Ort zu sehen. Ob Cannes, Locarno oder ZFF – die meisten Festivals sind mit mehreren Programmern vor Ort.

Ich war bereits als Filmkritiker mehrmals am Festival – und merke nun, wie privilegiert man als Schreiberling war. Die Akkreditierung war gratis, man bekam kostenlos Tickets für die grossen Premieren und wenn es bei den P&I-Screenings (Press & Industry) lange Schlangen hatte, durften die Journalisten zuerst rein. Nun als ZFF-Direktor musste ich für die Akkreditierung 950 Dollar bezahlen, bin gezwungen Premierentickets extra zu kaufen und habe im Zweifelsfall das Nachsehen. 

Susanne Regina Meures (l.) beim Screening ihres Films SAUDI RUNAWAY

Die Arbeit als Programmer unterscheidet sich ebenfalls stark von der früheren. Als Filmkritiker reist man ohne grosse Vorbereitung an, sucht sich die Filme nach Interesse aus oder lässt sich vom Buzz leiten, wie der Hype um einen mit Spannung erwarteten Titel im Branchenslang heisst. Als Programmer kommt man minutiös vorbereitet ans Festival. Stefanie Rusterholz und ich sind schon in Zürich das Programm durchgegangen und haben die Titel mit A, B oder C bezeichnet. A sind für uns die wichtigsten, C die eher weniger wichtigen. Da wir in den ZFF-Wettbewerben ums Goldene Auge nur erste, zweite und dritte Regiearbeiten zeigen, konzentrieren wir uns bei der Suche vor allem auf Nachwuchsfilme. Bei der Premieres-Sektion, die in etwa der Gala-Sektion am ZFF entspricht, kommen für uns manche Titel gar nicht infrage, entweder weil sie einen Kinostart vor dem ZFF haben oder weil es sich um Netflix-Produktionen handelt, die kurz nach Weltpremiere auf dem Streamingservice veröffentlicht werden.

Um möglichst alle Filme abzudecken, teilen wir uns auf, wobei wir uns jeweils früh am morgen via E-Mail verständigen, wer welchen Film schauen geht. Ob man dann die lukrativen Titel auch bekommt, entscheidet sich oft erst nach dem im Mai stattfindenden Festival von Cannes, wenn die Produzenten ihre Auswertungsstrategien finalisieren.

Der tägliche Filmmarathon bietet zwei besondere Herausforderungen: Erstens hat man kaum Zeit zum Essen, wobei erschwerend hinzu kommt, dass gute Restaurants in Park City dünn gesät sind. Meistens gibt es darum bloss ein Sandwich aus dem Fresh Market. Zweitens kämpft man zu Beginn des Festivals oft noch mit dem Jetlag, vor allem abends besteht die Gefahr, dass man im schäbigen Sessel des Holiday Village Cinema immer wieder mal einnickt. 

Benedikt Wechsler, Susanne Regina Meures und Christian Frei am Empfang von Swiss Films

Benedikt Wechsler, Susanne Regina Meures und Christian Frei bei der After Party der Filmcrew von SAUDI RUNAWAY

Erstaunlicherweise trifft man in Sundance viele Schweizer an: Journalistinnen wie Marlène von Arx oder Teresa Vena, Schauspieler wie Carlos Leal oder Produzenten wie Matthias Erny (ALS HITLER DAS ROSA KANNINCHEN STAHL). In der Sektion „New Frontier“, für welche die Westschweizerin Sophie Sallin arbeitet, konnten gleich drei Schweizer Firmen ihre Projekte an der Schnittstelle von Technologie und Film vorstellen. Und die Zürcherin Susanne Regina Meures (RAVING IRAN) feierte mit ihrem zweiten Dokumentarfilm SAUDI RUNAWAY Weltpremiere im internationalen Dokumentarfilm-Wettbewerb. Ihr Film besteht aus Handyaufnahmen einer jungen saudischen Frau, die ihre Flucht aus dem islamischen Wüstenstaat filmte. 

Der von Christian Frei produzierte und montierte Film erhielt eine Standing Ovation und eine sehr positive Review im „Hollywood Reporter“, der bilanzierte, der Dokumentarfilm sei „spannender als viele Hollywood-Thriller“. Nun buhlen Sender und grosse Streamingdienste um die Auswertungsrechte und der Film, der bereits eine Einladung zur Berlinale hat, wird als heisser Anwärter auf einen Preis gehandelt.

Christina Kerber und Alexander Nanau am Empfang von Swiss Films

Christina Kerber und Alexander Nanau am Empfang von Swiss Films

Zu Ehren von SAUDI RUNAWAY organisierten die Promotionsagentur Swiss Films und das Schweizer Konsulat einen Empfang im Saloon der alten Whiskey-Destillerie High West. Generalkonsul Benedikt Wechsler lobte die starke Schweizer Präsenz und machte in Anwesenheit internationaler Gäste Werbung fürs Filmland Schweiz. Und Swiss Films-Direktorin Catherine Ann Berger wertete es als positives Zeichen, dass mit Locarno und dem ZFF „zwei grossartige Schweizer Festivals“ am Empfang vertreten waren. Unter den Gästen war auch der rumänische Dokumentarfilmer Alexander Nanau, der 2019 mit COLLECTIVE zum zweiten Mal nach TOTO AND HIS SISTERS (2014) das Goldene Auge gewann. Sein Film läuft, wie fünf weitere ZFF-Titel von 2019, auch am Sundance-Festival. Im Gespräch mit Christian Frei meinte Nanau, das ZFF sei sein Lieblingsfestival, er liebe die Ambiance in Zürich.

Im Anschluss an die Swiss Reception stieg im Haus, das die Filmcrew von SAUDI RUNAWAY unweit der Main Street mietete, eine feucht-fröhliche After-Party, an der auch Simone Baumann, die neue Direktorin von German Films, mitfeierte. Empfänge und Partys bieten beim Sundance-Festival Gelegenheit zum Networken. Denn das Festival-Business ist ein People’s Business und oft kriegt man Filme nur dank guter Kontakte. Am Samstag werden in Park City die Preise verliehen. 

Wir hoffen, dass wir Ihnen die eine oder andere Perle des diesjährigen Programms dann auch in Zürich präsentieren werden können.

 

Text: Christian Jungen


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