„Perlen aufzuspüren verursacht Glücksgefühle“ – Iria Gutscher und Reta Guetg

20. September 2019

Iria Gutscher und Reta Guetg verantworten den Fokus-Wettbewerb, in dem Filme aus Deutschland, Österreich und der Schweiz gezeigt werden. Im Interview erklären sie ihren persönlichen Film-Fokus und welchen Schweizer Beitrag wir dieses Jahr nicht verpassen dürfen.

Reta Guetg und Iria Gutscher

Reta Guetg (l.) und Iria Gutscher (r.) in einer Programmbesprechung

Warum braucht es für den deutschsprachigen Raum eine eigene Konkurrenz?

Wir setzen mit dieser Sektion für Filme aus der Schweiz, Deutschland und Österreich ein Spotlight auf unsere Region und bieten damit jenem Filmschaffen eine besondere Plattform. Ausserdem ist der Hunger und die Neugier des Publikums auf neue „Heimatfilme“ besonders gross.

Ist der Fokus das Auffangbecken für alle, die es nicht in die Galas oder in den Internationalen Wettbewerb schaffen?

Im Gegenteil. Hier haben wir den Platz die ganze Vielfalt aus diesen drei Ländern zu präsentieren. Jedes Jahr laufen hier mehrere Weltpremieren, es ist der Ort für Entdeckungen.

Warum ist das Goldene Auge mit Geld dotiert?

Ruhm und Ehre sind für die Künstlerseelen wichtig aber auch sie müssen ihre Rechnungen bezahlen. Ein Geldpreis unterstreicht zudem die Relevanz des Preises.

Gibt es Beispiele von Regisseuren, denen ein Preis in diesem WB schon geholfen hat?

Das beste Beispiel ist wohl Lisa Brühlmann mit BLUE MY MIND: sie hat mit ihrem Debüt das Goldene Auge am ZFF gewonnen und darf jetzt gerade auf einen Emmy hoffen.

Es ist aber nicht nur das Goldene Auge das eine Karriere ankurbeln kann. Auch die Präsenz am ZFF hilft und wir freuen uns, wenn wir die aufstrebenden Talente mit gestandenen Industry Playern persönlich verknüpfen können. Unsere 12 Filme im Fokus Wettbewerb nehmen wir als persönliche Herzensprojekte wahr, denen wir sehr gerne mit Kontakten und all unseren Möglichkeiten Unterstützung bieten.

LILLIAN

LILLIAN

Es laufen sowohl Dok- und Spielfilme im Fokus. Wäre es nicht besser, einen reinen Spielfilmwettbewerb zu haben?

Die Grenzen zwischen Dokumentarfilm und Spielfilm verschwimmen immer mehr. Dieses Jahr haben wir neben fünf Spielfilmen und fünf Dokumentarfilmen zwei hybride Werke, die man weder zur einen noch zur anderen Gattung zählen kann.

Das klingt nach einer vielversprechenden Auswahl. Was gibt es sonst noch zu entdecken?

Wir sind stolz über die Bandbreite auch in diesem Jahr. Von SYSTEMSPRENGER, der uns von der ersten Sekunde an mit seiner unglaublichen Energie gefesselt hat, über LILLIAN der einiges von seinem Publikum abverlangt, man dann aber umso mehr belohnt wird, zu unglaublich reifen Debüts wie dem Abschlussfilm 1986 von Lothar Herzog.

Wie kommen sie zu den Filmen?

Es gibt Projekte, die wir jahrelang verfolgen und die wir lange auf unserem Radar haben, bevor wir etwas zu sehen bekommen.

SYSTEMSPRENGER

SYSTEMSPRENGER

Können Sie ein Beispiel machen?

Zum Beispiel NEULAND von Anna Thommen (Gewinner Goldenes Auge 2013) – da haben wir lange gewartet bis wir den Rohschnitt von VOLUNTEER zu sehen bekamen. Bereits nach zehn Minuten war uns klar: Den Film wollen wir unbedingt haben. Dann gibt es Filme, die plötzlich auf unserem Sichtungsstapel landen, und sich dann als wahre Entdeckungen entpuppen. Das war zum Beispiel bei I’LL BE YOU MIRROR der Fall. Solche Perlen aufzuspüren verursacht Glücksgefühle.

Gibt es bestimmte Trends im Fokus-Wettbewerb?

Es ist auffallend, dass die Schweizer immer mutiger und frecher werden. Generell hat sich das handwerkliche Niveau in allen drei Ländern markant gesteigert.

Welchen Frauenanteil hat die Sektion?

Sieben von zwölf Filmen kommen dieses Jahr von Frauen. Die höchste Regisseurinnen-Dichte aller Sektionen. Zudem fallen die vielen spannenden Frauenfiguren auf. Beispiel Nina Hoss in PELIKANBLUT, Corinna Harfouch in LARA, Julia Jentsch in WAREN EINMAL REVOLUZZER. Aber auch das dokumentarische Beispiel UNA PRIMAVERA in welchem die Tochter die Mutter mit der Kamera bei deren Emanzipation begleitet.

Wird das ZFF in Deutschland wahrgenommen?

Auf jeden Fall! Für deutsche Filme ist das ZFF mittlerweile ein fixer Termin für den Release im Herbst. Und auch deutsche Filmfestivals schauen mehr und mehr auf unseren Fokus-Wettbewerb, um Filme zu entdecken.

PELIKANBLUT

PELIKANBLUT

Welche Reisen waren nötig, um dieses Programm zusammenzustellen?

Für unsere Programmarbeit auch in den anderen Sektionen reisen wir zum Beispiel nach Göteborg, Berlin, Austin, Cannes, Wien. Bei der Arbeit für den Fokus Wettbewerb sind nicht nur die Festivalreisen wichtig, sondern auch unsere direkte Kontaktpflege zu Produzenten und Regisseuren, Verleihern und Sales Agents.

Wer ist in der Jury?

Natascha Beller, Aline Schmid, Marie Kreutzer, Benjamin Herrmann und Thomas Kufus. Uns ist es immer ein Anliegen, dass die Jury vor allem mit Kreativen aus allen drei Ländern besetzt wird. Die Mischung muss stimmen.

Wenn Sie jemandem, der noch nie einen Fokus-Titel gesehen hat, einen Film zum Einstieg empfehlen müssten, welcher wäre das?

Zum Beispiel die Tragikomödie WAREN EINMAL REVOLUZZER. Johanna Moder schafft es, ein ernstes Thema mit viel Witz und österreichischem Charme zu erzählen. Oder für den hippen Städter ist sicherlich EASY LOVE die richtige Wahl.

> Alle Filme aus dem Wettbewerb "Fokus Schweiz, Deutschland, Österreich"


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