Regisseur Julian Schnabel: «Die Schweiz hat eine tolle Kunstszene»

11. April 2019

Der New Yorker Künstler und Filmemacher Julian Schnabel war im letzten Herbst am Festival zu Besuch und gab uns im Rahmen einer ZFF Masters Einblick in sein Schaffen. Zuletzt hat er den Film AT ETERNITY'S GATE über Vincent van Gogh gedreht, der zeigt, wie einsam das verkannte Genie war. Warum Künstler immer von der Gesellschaft entrückt sind und warum es den Regisseur nach Zürich und St. Moritz zieht, verrät Julian Schnabel im Interview mit dem Magazin FRAME.

Julian Schnabel – At Eternity’s Gate

Julian Schnabel

FRAME: Herr Schnabel, trugen Sie sich schon lange mit dem Gedanken, einen Film über van Gogh zu drehen?

«At Eternity’s Gate» ist für mich mehr als nur ein weiterer Film. Ich bin seit Kindheit selber Maler, und lustigerweise fragte mich auch jemand in der Masterclass am Zurich Film Festival, ob das Kino meine Kunst beeinflusst habe. Tatsächlich gab es verschiedene Inspirationsquellen: Als ich acht war, habe ich «The Ten Commandments» gesehen, und war sehr beeindruckt, wie die Israeliten durch das geteilte Rote Meer gingen. Und ich sah das Bild «Aristoteles mit einer Büste von Homer» von Rembrandt im Met Museum, wohin mich meine Mutter mitnahm. Und als ich selber zum Pinsel griff, haben mich Bilder von van Gogh beeinflusst. Aber ich wollte eigentlich keinen Film über ihn machen.

Warum nicht?

Weil es schon viele gibt und jeder denkt, sie würden etwas über den Maler enthüllen. Gestern Abend sprach der Direktor des Kunstmuseums Bern vor einer Vorführung von «At Eternity’s Gate» zu einem Publikum über van Gogh, in dem viele Financiers sassen. Ich bat ihn, damit aufzuhören. Man sollte den Film sehen wie jemand, der nicht weiss, wer van Gogh war. Jeder kann irgendetwas über ihn sagen, deshalb ist es unmöglich, einen Film über ihn zu drehen. Und der Fakt, dass es unmöglich war, war ein guter Grund, ihn zu drehen.

Julian Schnabel bei den ZFF Masters 2018

Aber wie kamen Sie auf die Idee zum Film?

Vor fünf Jahren habe ich zusammen mit meinem Freund, dem Schriftsteller Jean-Claude Carrière, in Paris die Ausstellung «Van Gogh/Artaud: Der Mann, der von der Gesellschaft umgebracht wurde» besucht. Ich erklärte ihm die Bilder, während wir durchs Musée d’Orsay gingen. Später gestand mir Jean-Claude, dass er in den 82 Jahren seines Lebens noch nie eine so intensive Kunsterfahrung gehabt habe, obwohl er ständig Bilder anschaute. Da sagte ich: Wenn wir einen Film machen würden, müssten wir ihn wie eine Ausstellung aufbauen. Man würde quasi 15 seiner Bilder betrachten, jedes verschieden und in einer anderen Zeit entstanden, sodass man am Ende versteht, was sein Schaffen bedeutete. Dann begannen wir am Drehbuch zu schreiben.

Welche Punkte wollten Sie betonen?

Van Gogh interessierte sich sehr für Christus und identifizierte sich mit ihm, das geht aus seinen Briefen hervor. Wie Christus war auch van Gogh zu seinen Lebzeiten völlig unbekannt.

Ist van Gogh bei den Leuten so beliebt, weil er stark gelitten hat?

Am Anfang meines Filmes «Basquiat» heisst es: «Alle wollen auf den Van-Gogh-Zug aufspringen. Keine Reise ist so schrecklich, dass sie keiner machen will. Töricht sich vorzustellen, wie das verkannte Genie vor sich hin schuftet. Wir verdanken es van Gogh, dass mit diesem Mythos Schluss ist. Wie viele Bilder verkaufte er? Eins? Er konnte sie nicht verschenken. Er war der modernste Künstler, aber er wurde gehasst. Darum übt die Kunstszene Rache, weil er verkannt wurde. Niemand will Teil der Generation sein, die den nächsten van Gogh ignoriert. Sei vorsichtig: Vielleicht starrst du das Ohr von van Gogh an.» Das schrieb der Kunstkritiker René Ricard.

Und was wollen Sie damit sagen?

Es gibt einen riesigen Graben zwischen der Gesellschaft und dem Künstler. Wenn man die Bilder anschaut, die van Gogh auf dem Land malte, wird einem bewusst, dass er sehr weit weg war von der Zivilisation. Als ich 1978 mein erstes Bild auf zerbrochene Teller malte, «The Patience and the Doctors», erlebte ich diese Einsamkeit ebenfalls. Und gerade weil ich als Maler ähnliche Erfahrungen machte wie van Gogh, dachte ich, ich könnte einen Film realisieren, wie es ein anderer Regisseur nicht kann.

Braucht ein Künstler nicht Einsamkeit?

Einsamkeit – nein. Alleinsein – ja. Es gibt einen Unterschied zwischen den beiden. Wenn van Gogh draussen im Feld sitzt und einen Strohhut trägt, lächelt er. Er ist nicht einsam, er ist am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Auch das wollte ich zeigen: Es ist nicht wichtig, ob du berühmt bist oder nicht oder ob du die Bilder verkaufst oder nicht. So wie es nicht wichtig ist, dass ich einen Academy Award gewinne. Die Anerkennung durch seine Berufsgruppe mag wichtig sein für Willem Dafoe, meinen Schauspieler. Aber für mich ist der Preis, die Arbeit zu erledigen.

Willem Dafoe AT ETERNITY'S GATE

Willem Dafoe in AT ETERNITY'S GATE

Haben Sie die Rolle Willem Dafoe anvertraut, weil er van Gogh ähnlich sieht?

Ich hätte auch einen anderen so herrichten können, dass er van Gogh gleicht. Willem ist ein Schauspieler mit einer starken physischen Präsenz, der den Figuren Tiefe verleiht. Und ich kenne ihn schon seit 30 Jahren, ich habe ihn auch schon gemalt. Wenn Sie sich Martin Scorseses Filme mit Robert De Niro anschauen, merken Sie, dass die beiden einander gut kennen, darum erreichen sie diese Tiefe, und ihr Zeug funktioniert. Auch Willem und ich vertrauen uns, nach «Basquiat» und «Miral», in denen er kleine Rollen innehatte, ist dies unser dritter gemeinsamer Film.

Brachten Sie ihm das Malen bei?

Ja, er schlägt sich ziemlich gut mit dem Pinsel, nicht wahr? Er hat die Bilder im Film selber gemalt und wirkt dabei erst noch glaubwürdig.

Toll sind die Szenen, in denen das Bild verschwimmt. Wie kamen Sie darauf?

Ich habe im Antiquitätengeschäft eines Freundes eine Sonnenbrille mit Zweistärkenglas gekauft, was ich nicht wusste. Als ich sie aufhatte und auf den Boden schaute, sah es aus, als wäre da ein Treppentritt im Rasen. Ich dachte: Wow, das ist eine besondere Sicht. Dann bat ich meinen Kameramann, Benoît Delhomme, meine Brille auf der Linse zu befestigen.

Was sollen Sie mit dem Effekt ausdrücken?

Wenn das Bild verschwimmt, merkt das Publikum, dass dies van Goghs Blickwinkel entspricht. Man ist als Zuschauer quasi in ihm drin. Das ist keine logische Erzählperspektive, aber ich muss immer wieder Neues wagen, um mich selber zu überraschen.

Gilt das auch für die Intermezzi, in denen die Leinwand schwarz wird?

Die haben auch viel mit mir zu tun, ich verbringe viel Zeit mit geschlossenen Augen. Wenn ich nachdenken muss, lege ich mich aufs Bett, schliesse die Augen und lasse meinen Gedanken freien Lauf. Mit solchen Effekten spiele ich: Wenn van Gogh über Gauguin spricht und sagt: «Wir haben uns zuweilen geprügelt», denkt man am Anfang, er sage das nur zu sich selber. Doch später sieht man, dass er in der Praxis eines Psychologen sitzt. Dazu wurde ich von Filmen wie «Persona» inspiriert.

Das Meisterwerk von Ingmar Bergman.

Wenn Bibi Andersson die Geschichte vom Typen erzählt, den sie am Strand traf, sieht man das nicht. Da spricht einfach jemand über seine Erfahrung. Warum sollte man nicht den Erzähler filmen anstatt das Erzählte? Das ist ein Gegenentwurf zu der Art, wie die Leute heute Filme machen wollen. Doch genau weil es ungewöhnlich ist, ist es fesselnd.

Gibt es noch Leute, die Sie kritisieren?

Ja, aber mir sind sie egal. Ein Verleiher meinte, es sei ein Fehler, dass die Leinwand schwarz wird. Ein anderer fand, dass es ein Schärfenproblem am unteren Bildrand gebe, dabei ist das meine Absicht. Wenn man als Künstler anfängt, alles auszunivellieren, kommuniziert man zwar, aber nicht mehr das, was man ursprünglich sagen wollte. Ich bin jedenfalls kein Typ, der Kompromisse eingeht. Alle grossen Künstler haben eines gemeinsam: Sie sind unnachgiebig.

Oscar Isaac und Willem Dafoe in AT ETERNITY'S GATE

Oscar Isaac und Willem Dafoe in AT ETERNITY'S GATE

Halten Sie sich beim Dreh eng an das Skript, oder sind Sie offen für Spontanes?

Ich entwerfe nie Storyboards, und ich probe die Szenen nicht mit den Schauspielern. Ich gehe an einen Ort, zücke das Drehbuch und überlege mir, wie wir es drehen können. Ich bin vorbereitet, aber der Dreh lebt von Spontaneität.

Wunderschön sind die Szenen, wenn van Gogh aufs Feld geht, da harmonieren Musik und Bild perfekt.

Die Komponistin Tatjana Lisovkaia, eine Ukrainerin, hat die Musik extra für den Film komponiert. Man hört die Musik nie, wenn die Figuren sprechen, man vernimmt sie nur, wenn van Gogh alleine ist. Es ist keine Orchestermusik, sondern eine rohe Musik, die wie eine Stimme in seinem Kopf wirkt. Auch mit diesem Kniff betone ich, dass dies eine Erzählung in der ersten Person ist.

Wir führen dieses Gespräch am Zurich Film Festival. Sind Sie oft in der Schweiz?

Ja, ich traf 1979 den Appenzeller Galeristen Bruno Bischofberger. Er kaufte eines meiner ersten Bilder, und ich kaufte es dann einige Jahre später wieder zurück. Mit Bruno ging ich 1979 nach St.Moritz und begann dort auch zu malen. Bruno ist der Götti meines Sohnes Vito, und darum hat Vito Brunos Galerie in St.Moritz übernommen. Er wuchs teilweise dort auf. Und ich habe viel Zeit in S-chanf in der Nähe von St.Moritz verbracht und viele Bilder dort gemalt.

Gibt es eine besondere Anekdote über Ihre Zeit in der Schweiz?

1982 sass ich in der «Kronenhalle», als ich von einer Ausstellung im Städel-Museum zurückkam. Dort sah ich einen alten Mann mit seiner Familie, der zu mir rüberschaute. Ich dachte: Das ist Joan Miró. Also nahm ich einen Katalog, schrieb eine Widmung rein und bat den Kellner, ihn Miró zu bringen. . Doch dann sagte mir der Stadtpräsident, es sei nicht Miró, sondern Doktor Friedrich Wälti, der der Universität einen neuen Trakt stiftete. Also nahm ich den Katalog zurück und schrieb eine Widmung «für Doktor Friedrich Wälti, den ich für Joan Miró hielt» rein. In meiner Imagination war die Nähe von Miró so schön, dass ich sogar Schweizerdeutsch mit Spanisch verwechselte.

Und wie lernten Sie «Frame»-Kolumnist This Brunner kennen?

Über seinen Partner Thomas Ammann, der für Bruno Bischofberger arbeitete, bevor er seine eigene Galerie eröffnete. Ich kenne This schon sehr lange, wir sehen uns zwar nicht mehr so oft, aber ich vertraue seinem Urteil, er hat einen hervorragenden Geschmack. Die Schweiz hat ohnehin eine tolle Kunstszene, Harald Szeemann war ein grossartiger Museumsdirektor. Als ich 1982 zum ersten Mal an der Biennale in Venedig ausstellte, war er der Direktor. Das war eine Zeit, als sich Kunst und Kino nahestanden. Ich hoffe, sie nähern sich wieder mehr an.

Interview: Christian Jungen (FRAME)


Der Film AT ETERNITY'S GATE startet am 18. April in den Deutschschweizer Kinos.


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