«Ich dachte nur: ‹Hoffentlich hat niemand dieselbe Idee!›» – Gustav Möller über THE GUILTY

17. Oktober 2018

Hat Hollywood schon angerufen? Gustav Möllers Debütfilm «The Guilty», ein Thriller, der fast nur am Telefon spielt, war die Überraschung des Jahres. Jetzt ist der 30-jährige Skandinavier auch in den USA ein gefragter Mann. Für die Premiere am Zurich Film Festival ist Möller geradewegs aus Los Angeles eingeflogen. Ab dem 18. Oktober ist sein Film in den Deutschschweizer Kinos zu sehen.

Gustav Möller (Foto © Philipp Jeker)

Was hat er drüben gemacht? Ködern sie ihn schon mit Angeboten, oder wollen die Amerikaner ein englischsprachiges Remake des Films drehen? Möller hält sich bedeckt, der introvertierte, gross gewachsene Schwede, der in Dänemark lebt, lächelt und sagt nur: «Es könnte sein, dass es ein Remake gibt.»

Selber würde er den Stoff aber nicht noch einmal inszenieren wollen, das käme ihm nicht in den Sinn, sagt er. Möller ist ein Mann, der Neues ausprobieren will, ein Regisseur, den es reizt, gegen die Erwartungen des Publikums zu arbeiten. So, wie er das in «The Guilty» gemacht hat.

Möller sagt: «Kennen Sie das Gefühl, wenn Sie eine Idee haben und nichts anderes mehr denken können als: ‹Hoffentlich hat nicht gerade jemand dieselbe Idee!›? Wenn ich an diesem Punkt bin, das treibt mich an.»

Genau an dem Punkt war er, als er vor einiger Zeit auf einen YouTube-Clip stiess, in dem die Aufnahme eines Polizeinotrufs zu hören war: Eine Frau war entführt worden und hatte während des Kidnappings den Notruf gewählt. Möller war «verblüfft, wie nervenaufreibend ein Telefonanruf sein kann.» Vor allem aber fand der Jung-Regisseur den Gedanken interessant, dass jeder, der die Aufnahme hört, sich andere Bilder dazu vorstellt.

Das wäre doch mal was, dachte er: «Ein Film, den jeder Zuschauer mit anderen Augen sieht.» Damit war die Idee geboren, einen Thriller zu drehen, der sich über ein Notruf-Telefonat abspielt. Möller machte sich an die Recherche, besuchte eine Notrufzentrale und so nahm die Hauptfigur Gestalt an. Der Filmemacher erinnert sich: «Der Job dieser Leute faszinierte mich. Man muss sehr professionell sein und Distanz wahren, während man gleichzeitig mit den schlimmsten Situationen konfrontiert ist.»

Hauptdarsteller Jakob Cedergren («Submarino»), der mit Möller nach Zürich gereist ist, nickt: «Nonstop rufen Leute an, die ‹on the edge›, verzweifelt und hilflos sind, und am anderen Ende der Leitung sitzen solche, die seelenruhig bleiben müssen.»

Jakob Cedergren und Gustav Möller am 14. ZFF

Als Cedergren die Rolle angeboten bekam, zögerte er nicht. Den Ermittler mit dem Headset wollte er unbedingt spielen. Auch die Förderkommission fand sofort Gefallen an dem kompromisslosen Stoff, der sich ausschliesslich in der Einsatzzentrale abspielt.

New Danish Screen, eine Sparte des dänischen Filminstituts, die sich explizit den jungen, experimentierfreudigen Filmemachern annimmt, sei von der «radikalen Natur des Films» begeistert gewesen, erinnert sich Möller: «Sie haben uns unterstützt und ermutigt.» Hat er gar nicht kämpfen müssen für sein unkonventionelles Kammerspiel? Der freundliche Skandinavier schüttelt fast schon entschuldigend den Kopf: «Es war überhaupt kein Problem, den Film finanziert zu bekommen.»

In nur 13 Tagen war «The Guilty» abgedreht. Das hohe Tempo, das der Thriller anschlägt, gab der Regisseur auf dem Set vor. Gefilmt wurde in chronologischer Reihenfolge, mit drei Kameras. «Wir wollten ein Gefühl von Echtzeit erzeugen», erklärt Möller, deshalb habe er auch in sehr langen Einstellungen gedreht. Manchmal lief die Kamera nicht weniger als 35 Minuten (!) am Stück. Darsteller Cedergren hat’s Spass gemacht: «So lange Takes durfte ich überhaupt noch nie spielen», sagt er: «Es war wie Theater.»

Die Methode Möller hat sich bewährt, mit «The Guilty» gelang dem jungen Filmemacher ein fast schon irritierend perfekter Thriller, der inzwischen in rund 90 Länder verkauft wurde und für Dänemark ins Oscarrennen geht. Gibt es dennoch etwas, das er rückblickend anders gemacht hätte? Gustav Möller muss kurz überlegen. Dann schüttelt er wieder entschuldigend den Kopf. «Nein.» Sagt’s und lacht.

THE GUILTY

Kinostart D-CH: 18. Oktober 2018


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