Mit kleinen Schritten zum Mond: FIRST MAN

01. Oktober 2018

«First Man» erzählt von Neil Armstrongs beschwerlichem Weg nach oben. Regiewunderkind Damien Chazelle («La La Land») legt nicht nur ein meisterhaft inszeniertes Weltraumabenteuer vor, er beleuchtet auch die irdischen Abgründe eines Astronautenlebens.

Szene aus FIRST MAN

Es hängt alles von einem Schweizer Taschenmesser ab. Der Countdown läuft, noch bleiben Sekunden bis zum Start der Raumfähre. Aber ein Sicherheitsgurt klemmt, die Schnalle geht nicht zu. Zum Glück hat jemand ein Sackmesser zur Hand! Das Problem ist im Nu behoben und der Astronaut wird festgezurrt; der Start glückt. Bis zum Mond sind es aber immer noch 384 400 Kilometer. Klar ist: Die echten Probleme kommen erst.

Es klemmte an allen Enden bei den vielen Mond-Missionen, welche die US-Raumfahrtbehörde NASA in den Sechzigerjahren betrieb. Bevor Neil Armstrong am 21. Juli 1969 als erster Mensch seinen Fuss in den Mondstaub setzen konnte, war es ein weiter Weg. Ein kleiner Schritt für einen Menschen sei es, aber ein «grosser Sprung für die Menschheit», sagte Armstrong, als er die Leiter seines Landemoduls «Eagle» hinabstieg. «First Man» ist vor allem ein Film über die vielen kleinen Schritte, die Neil Armstrong bis zu diesem Moment gehen musste. Damien Chazelle, das Regiewunderkind aus New Jersey, Jahrgang 1985, zeigt Armstrongs Aufstieg vom Piloten, der 1961 in der Mojave-Wüste notlanden musste, zum Kommandanten der Apollo 11 acht Jahre später.

Armstrong ist ein Draufgänger

Es ist aber weniger der Karrieresprung, der Chazelle interessiert: Er versucht vielmehr einen Mann zu verstehen, der hoch und höher hinaus will, während er sich seinen Mitmenschen immer mehr verschliesst. Dem beruflichen Erfolg steht die psychische Verelendung gegenüber. Im Cockpit ist Armstrong (Ryan Gosling) ein Draufgänger, das macht Chazelle von Beginn weg klar: Armstrong, Anfang 30, will sich als Testpilot bei der Nasa beweisen, fliegt eine raketenbetriebene X-15 in über 100 000 Meter Höhe. Plötzlich geht etwas schief, die Maschine lässt sich nicht mehr manövrieren und steigt immer höher. Armstrong zieht an den Steuerknüppeln - nichts passiert. Über Funk warnt das Kommandozentrum, dass er gleich ins All hinausgetragen würde («Neil, you’re bouncing off the atmosphere!»). Aber Armstrong bleibt cool, er drückt die richtigen Knöpfe, findet den Weg zurück zur Erde und bringt die klappernde Blechbüchse in der Wüste zur Landung.

Szene aus FIRST MAN

In der Luft ist der Mann jeder Herausforderung gewachsen, zuhause aber zieht es ihm den Boden unter den Füssen weg: Die Sorge um die kleine Tochter treibt ihn um, das Mädchen ist unheilbar krank – ein Hirntumor. Er, der Ingenieur, der jedes Problem zu lösen weiss, muss hilflos mitansehen, wie sich ihr Zustand verschlechtert. In einer herzzerreissenden Szene sitzt der Vater am Kinderbett, singt das Gutenachtlied «I See the Moon» und streicht dem Kind sanft durchs Haar. Über die nächsten gut zwei Stunden, so viel vorweg, wird man Neil Armstrong nie mehr so sehen: Als die Tochter stirbt, stirbt auch etwas bei Armstrong. Er flüchtet sich in die Arbeit und legt sich einen Raumanzug als emotionalen Panzer zu.

Szene aus FIRST MAN

Armstrong bewirbt sich für das Gemini-Programm, das bemannte Raumfahrtprogramm, mit dem die USA die Sowjetunion beim Wettlauf ins All schlagen wollen. Der NASA-Testpilot, der sich auf Hochgeschwindigkeitsflüge hinauf in den Orbit versteht, wird genommen. Im Training ist er der Härteste von allen. Er kriegt kaum genug vom Flugsimulator, der die angehenden Astronauten so lange durchschüttelt, bis sie das Bewusstsein verlieren. Danach sitzt er im Klassenzimmer, auf dem Overall klebt noch das Erbrochene, und er brütet Raumfahrtphysik.

Das ist nicht ohne Witz, aber mit den ersten Test ügen wird es ernst. «First Man» ist ein Film mit nicht nur einer, sondern gleich zwei grossen Beerdigungsszenen – und einigen weiteren, die man sich dazu denken muss. Mehrere Katastrophen ereignen sich am Boden und in der Luft. Als die NASA schliesslich soweit ist, die Mondlandung zu wagen, wird Neil Armstrong nicht allein wegen seiner Fähigkeiten zum Kommandanten ernannt. Er ist einer der wenigen qualifizierten Piloten, die überhaupt noch leben.

Claire Foy (ZFF 2017)

Claire Foy ist Oscar-verdächtig

Er ist besessen von seiner Mission, Zweifel kennt er keine. «Wir müssen hier unten versagen», meint er, «damit wir da oben nicht versagen.» Dass er gleichzeitig als Ehemann und Familienvater versagt – das erkennt er nicht.

Damien Chazelle vergisst nicht, auch von Neils Frau Janet zu erzählen, der Mutter, die den Kindern erklären muss, dass ihr Vater von der nächsten Mission vielleicht nicht mehr nach Hause kommt. Claire Foy («The Crown») spielt die Verhärmte mit einer stillen Wucht, ihre eindringliche Darstellung des Leids der Zurückgelassenen ist Oscar-verdächtig. Genauso gibt Ryan Gosling den in sich gekehrten Weltalleroberer beeindruckend nuanciert. Es sind die leisen Momente zwischen den beiden, die den Film emotional erden.

Chazelle, der sich mit dem hochgejazzten Schlagzeugerdrama «Whiplash» empfahl, bevor er für das Musical «La La Land» den Regie-Oscar gewann, trifft alle Töne. Laut kann er auch. Die Raumfahrtaction reisst mit, das Weltall wurde noch kaum spektakulärer in Szene gesetzt. Vor Alfonso Cuaróns «Gravity» braucht sich Chazelle ebenso wenig zu verstecken wie vor Christopher Nolan und «Interstellar». «First Man» ist bravouröses Überwältigungskino. Fünf Sterne für diese Reise zum Mond.

Von Andreas Scheiner


FIRST MAN

 


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