FRAME Filmtipp: WHILE WE'RE YOUNG

16. Juli 2015

Mit seiner Komödie über zwei Liebespaare beweist Noah Baumbach, dass er der Nachfolger von Woody Allen ist. Heute startet der Film in den Kinos der Deutschschweiz.

Wenn man die Filme des 1969 in Brooklyn geborenen Noah Baumbach schaut, denkt man immer wieder an Woody Allen in seinen besten Zeiten. Wie dieser damals in ANNIE HALL und MANHATTEN, so begeistert uns Baumbach heute als Chronist der Befindlichkeit der New Yorker Intelligenzia. Er geht in die Nahkampfzonen von Paaren: Viele Szenen spielen im Schlafzimmer. Nachsichtig und mit einem kräftigen Schuss jüdischen Humors verhandelt Noah Baumbach jene Themen, die das Tischgespräch von seinesgleichen bestimmen.

Im Unterschied zu Woody Allen tritt Baumbach aber nicht selber vor die Kamera. Er vertraut seine Alter­Ego­Figuren vielmehr Charakterdarstellern aus seinem Freundeskreis an. In WHILE WE’RE YOUNG verkörpert für ihn zum zweiten Mal nach GREENBERG Ben Stiller einen New Yorker Stadtneurotiker: Josh, 44, ist ein Dokumentarist, der seit zehn Jahren an einem Film über Macht in Amerika arbeitet. Das Projekt ist unterfinanziert. Helfen könnte Joshs Schwiegervater, ein Cineast von Weltrang mit guten Kontakten zu Geldgebern. Aber Josh winkt ab, weil der Übervater ihm stets paternalistisch Ratschläge erteilt. Deshalb hält er sich mit Vorträgen an einer Filmschule über Wasser.

Nach einer Vorlesung kommt Jamie (Adam Driver) auf Josh zu und gibt sich als Fan seiner früheren Filme zu erkennen. Der Mittzwanziger Jamie träumt davon, Regisseur zu werden. Er nennt Josh sein Vorbild. Die Männer treffen sich mit ihren Partnerinnen auf einen Drink.

In der Gegenüberstellung der Paare spitzt Baumbach Joshs Midlife­Crisis zu: da der vor Energie strotzende Jamie mit seiner optimistischen Freundin Darby (Amanda Seyfried), dort der in Beruf und Privatleben an Ort tretende Josh mit seiner desillusionierten Cornelia (Naomi Watts).

Die Mittvierziger gehen überhaupt nur mit den Twens aus, weil alle ihre Altersgenossen sich um den Nachwuchs kümmern. Josh und Cornelia haben nach mehreren Fehlgeburten beschlossen, dass sie keine Kinder wollen. Sie reden sich ein, dass sie damit glücklich sind, schliesslich könnten sie so jederzeit nach Paris fliegen (was sie allerdings nie tun). Doch jedes Mal, wenn sie Kollegen mit Nachwuchs treffen, stürzen sie wieder in eine Krise.

Noah Baumbach betont mittels kluger Parallelmontage die Unter­ schiede zwischen den Generationen. Wir sehen zum Beispiel Josh, wie er mit Kopfhörern auf dem Laufband trainiert, und nach einem Schnitt, wie Jamie mit Kollegen Basketball spielt. Die Jungen leben also vielmehr im Moment und im Austausch mit anderen, während die Generation Golf sich durch den technischen Fortschritt (Netflix, iPad) in die Isolation manövriert hat.

Dass diese von leichter Hand gezeichneten Unterschiede so authentisch erscheinen, liegt wohl auch daran, dass Baumbach sie aus eigener Erfahrung kennt. Seit er sich von seiner Ehefrau Jennifer Jason Leigh getrennt hat, lebt er mit der 14 Jahre jüngeren Schauspielerin Greta Gerwig zusammen, in die er sich bei den Dreharbeiten zu GREENBERG verliebt hatte. Er ist, wie er in Interviews erklärte, von ihrer Unbekümmertheit, ihrer Offenheit und ihrer unideologischen Weltsicht fasziniert, sie ihrerseits – wie Jamie im Film – von seinem Wissen und seiner Erfahrung als Künstler.

Aufgebrochen wird die Dichotomie zwischen den Generationen, als Jamie und Darby das ältere Paar dazu überreden, an einer spirituellen Sitzung teilzunehmen, bei der sie die peruanische Droge Ayahuasca trinken. Diese provoziert Brechreiz, auf dass die Teilnehmer ihre negativen Gefühle herauskotzen. Im Rausch verlieren die Paare ihre Hemmungen. Cornelia küsst plötzlich Jamie. Hier gibt Baumbach auch die dialektische Montage auf, in der er oft plakativ die Pärchen einander gegenüberstellte. Nun sind meist mehrere Personen im Bild, das Geschehen wird lebhafter.

Die Ayahuasca-Sequenz ist von köstlicher Situationskomik. Noch mehr als Woody Allen, dessen Filme stark von den Dialogen leben, vermag Baumbach über Montage und Sinnbilder Bedeutung zu schaffen. Unübersehbar ist dabei der Einfluss seines Lieblingsregisseurs Eric Rohmer. Wie dieser liebt er es, als Regisseur gewissermassen zwei, drei Schritte zurückzustehen und seine Figuren zu beobachten. Sein balladeskes, Soufflé-leichtes New Yorker Kino hat durchaus eine französische Note.

Im letzten Drittel des Films, wenn Josh sein Werk endlich fertigstellt und Jamie ebenfalls zu drehen anfängt, etabliert Baumbach das Filmemachen als Metapher für die Lebensführung. Josh ist ein Cineast mit Prinzipien. Er orientiert sich an den Meistern des Cinéma Vérité, welche die Realität wahrheitsgetreu einfangen wollten. Jamie hingegen ist ein Opportunist, der schamlos Szenen arrangiert, um den Unterhaltungswert zu steigern. Die Dispute um die richtige Art des Filmemachens sind zwar herrlich doppelbödig, doch der Film büsst in diesem «Sag mir, wie du filmst, und ich sag dir, wer du bist»-Finale Schwung ein.

WHILE WE’RE YOUNG zeichnet aber nicht nur das Sittenbild zweier Generationen. Baumbach entwirft beiläufig auch das Porträt seiner Heimat. Während Woody Allen stets an den mythischen Schauplätzen Manhattans wie Central Park und Broadway dreht, fokussiert Baumbach auf Brooklyn, wo die Hipster-Bohème zu Hause ist.

Noah Baumbachs bittersüsse Befindlichkeitskomödie ist anspruchsvoll, aber trotzdem zugänglich. Dies liegt auch am harmonischen Spiel seines kleinen Ensembles: Adam Driver verkörpert den tätowierten Hipster gekonnt als ambivalente Figur, bei der man nie weiss, ob sie intuitiv oder mit Kalkül handelt. Und Naomi Watts hat man noch nie hinreissender gesehen. Allein die Szene, in der sie während einer Hip-Hop-Stunde aus der Haut fährt, lohnt den Eintritt. (Christian Jungen, Frame)


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