FRAME Filmtipp: ENTOURAGE

09. Juli 2015

Die HBO-Serie Entourage hat das alltägliche Leben eines Stars in der Traumfabrik gezeigt. Nun wird sie als Kinofilm weiter geführt, der heute in den Deutschschweizer Kinos anläuft.

Entourage ist nichts weniger, als die beste Serie, die unsereiner bisher gesehen hat. Sie schildert den Alltag des Schauspielstars Vince (Adrian Grenier) in Los Angeles: die Händel und Machtspiele mit seinem Agenten Ari Gold (Jeremy Piven), die Langeweile in der zu grossen Villa und den Branchen-Smalltalk mit den Jugendfreunden seiner Entourage sowie die Partys und die Post-One-Night-Stand-Diskussionen mit Verehrerinnen. Die Serie, welche von 2004 bis 2011 in acht Staffeln auf HBO lief, hebt sich von anderen sehr guten Serien wie Mad Men ab, weil die Spannung nie nachlässt. Die Karrieren der Figuren nehmen ihren unsteten Lauf, ohne dass die im Zuge des Erfolgs im Akkord schreibenden Drehbuchautoren ihnen Dramen um Geheimnisse aus der Vergangenheit anhängen mussten.

Die Serie befriedigt das Interesse am Lebensstil der Schauspieler, das die Traumfabrik ab 1910 selber weckte. Damals baute sie Darsteller zu Stars auf, über deren Privatleben die Publicity-Abteilung en den Medien Informationen zuspielten. Früher waren Schauspieler Angestellte des Studios, deren Namen niemand kannte. Spätestens mit dem Internet ist den Studios die Kontrolle über ihre Aushängeschilder entglitten. Reisserische Onlinemedien füttern nun das Publikum mit unscharfen Paparazzi-Bildern und Gerüchten. Die sensationslüsterne Celebrity-Kultur wurde im Kino mehrmals beleuchtet, etwa von Sofia Coppola in "Somewhere" über die Einsamkeit eines Stars und in "The Bling Ring" über Fans, die in die Villen ihrer Idole einbrechen. Wie die meisten Regisseure hob Coppola moralisch den Zeigfinger. Entsprechend humorlos sind ihre Filme.

Entourage hingegen leugnet die Blendkraft des Lebens in Saus und Braus nicht, im Gegenteil. Sie wird sogar verstärkt. Dabei erreicht die Serie eine bestechende Authentizität. Einerseits, weil sie lose auf den Erfahrungen von Mark Wahlberg basiert, der es vom Knastbruder zum Hollywoodstar schaffte. Andererseits, weil sie keine Rücksicht auf politische Korrektheit nimmt. So mokiert sich Entourage etwa mit dem egomanischen und homophoben Agenten Ari Gold über die starke Stellung der Juden im Geschäft. Gold ist dem windigen Ariel Zev Emmanuel nachempfunden, der einer der schillerndsten Agenten in Hollywood ist. Die Macher drehten überdies an Originalschauplätzen, etwa bei den Paramount-Studios oder an den Festivals von Cannes und Sundance. Sie trafen den Nerv einer Industrie, die ihr Kapital aus dem Verkauf von Träumen schlägt. Viele Stars identifizieren sich mit der Serie. Dutzende von ihnen traten in Gastauftritten auf, etwa Martin Scorsese, Scarlett Johansson, Peter Jackson, Matt Damon und Eminem.?Klar, dass Hollywood mit der beliebten Serie, die mit sechs Emmys ausgezeichnet wurde, auch im Kino Kasse machen wollte. Ein heikles Unterfangen, denn bei der Verfilmung von Serien gehen viele Produzenten nach dem Motto grösser ist besser ans Werk und verfälschen so zum Leidwesen der Fans den Charakter der Vorlage. Doug Ellin, Erfinder und Produzent von Entourage , sicherte sich erst einmal die Zusage aller Hauptdarsteller, schrieb dann das Drehbuch und führte auch gleich selber Regie.

Er fährt einfach dort weiter, wo die Serie aufhörte, wobei er für alle, die mit der Vorgeschichte nicht vertraut sind, die Figuren über einen TV-Beitrag einführt. Filmstar Vince hat sich neun Tage nach seiner Hochzeit wieder von seiner Frau getrennt. Er feiert vor Ibiza eine feuchtfröhliche Party auf einer Jacht. Sein ehemaliger Agent Ari Gold, der eigentliche Star der Serie, ist zum Boss eines Studios aufgestiegen und lässt seinen Schützling Vince bei einem 100 Millionen Dollar teuren Film Regie führen. Doch der Anfänger überzieht das Budget bald um 15 Millionen, weshalb Gold bei seinem Investor, einem texanischen Milliardär (Billy Bob Thornton), zu Kreuze kriechen muss.

Obwohl der Film mit 105 Minuten Dauer dreimal so lange ist wie eine Episode der Serie, hat er wie eine solche ein bestimmtes Thema: Es geht um die erpresserische Macht, welche ein Star gegenüber einem Studio hat, sowie um die Einmischung der Geldgeber in künstlerische Belange. Zwischen Hammer und Amboss windet sich Gold, den das Jewish Journal zum bestaussehenden beschnittenen Studioboss erkürt hat. Als er an einer Strassenkreuzung Liam Neeson trifft, zeigt dieser ihm den Stinkefinger, worauf Gold ruft: Hey, Schindler, du solltest nie einen Juden hängen lassen.

Der Film lebt von der hohen Dichte an solch fast beiläufig fallengelassenen Witzen. Vom Rhythmus her entspricht der Kinofilm ganz der Serie. Es gibt keine Höhe- oder Wendepunkte wie in einem klassischen Dreiakter. Entourage -Schauen ist wie Bücher von Peter Biskind ("Easy Riders, Raging Bulls") lesen: ein guilty pleasure voller pikanter Anekdoten aus Hollywood. Ob man den Film mag, steht und fällt weniger mit den Figuren als vielmehr mit der Frage, ob man sich für die Mythen der Traumfabrik interessiert. Obwohl Ellin von Warner Bros. für den Kinofilm ein stolzes Budget von 30 Millionen Dollar erhielt, verpulverte er es nicht in Actionszenen. Vielmehr investierte er mit Liebe in Details. So erscheinen die Namen der Mitwirkenden im Vorspann mit Original-Schriftzügen an wichtigen Fassaden, etwa am legendären Beverly Hills Hotel oder am Beaux- Arts- Kinopalast Orpheum. Einziger Schwachpunkt des Films ist der Schluss, der in keiner Weise abschliessend ist. Man würde gerne weitere Entourage -Kinofilme schauen, aber dazu wird es wohl nicht kommen. In den USA hat der Film nur knapp seine Produktionskosten eingespielt. (Christian Jungen, Frame)

 

 


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