FRAME Filmtipp: MEN & CHICKEN

02. Juli 2015

Der Schauspieler Mads Mikkelsen und der Regisseur Anders Thomas Jensen sind Aushängeschilder des dänischen Films. Ihre Komödie «Men & Chicken» handelt vom menschlichen Eingreifen in die Schöpfung. Der Film startet am 2. Juli in den Kinos der Deutschschweiz.

Die beiden Brüder Gabriel und Elias erfahren beim Tod ihres Vaters, dass sie adoptiert worden sind, und machen sich auf die Suche nach ihrem Erzeuger. Sie landen auf einer einsamen Insel, in einem verfallenen Sanatorium, wo sie auf drei Halbbrüder treffen. Diese dreschen mit ausgestopftem Federvieh auf Gabriel und Elias ein, derweil merkwürdig mutierte Tiere durch die Gänge ziehen.

Willkommen im Universum des dänischen Regisseurs Anders Thomas Jensen, der wie kein anderer Horror und Slapstick, Gewalt und Zärtlichkeit verbindet. Und der in all seinen Regiearbeiten eine Hauptrolle für seinen Freund Mads Mikkelsen schreibt. Hier spielt der 49-Jährige den triebgesteuerten Elias, der regelmässig hinter einem Busch verschwindet, um zu masturbieren. Und wie immer in Jensens schwarzen Komödien ist er in «Men & Chicken» ganz schön hässlich. Keine einfache Leistung bei einem Mann, dessen Gesicht aussieht, als habe Michelangelo es aus Marmor gehauen. Nicht nur hat Elias wie alle Brüder eine Hasenscharte, er trägt auch Dauerwelle – was Mikkelsens Idee war. «Wenn man eine irritierende Person spielt, sollte sie auch irritierend aussehen», begründet er bei unserer Begegnung in Berlin die Wahl der Frisur, die an die ästhetischen Verbrechen der achtziger Jahre erinnert.

Spätestens seit seiner Verkörperung des Bösewichts Le Chiffre im James-Bond-Film «Casino Royale» 2006 ist Mads Mikkelsen weltweit bekannt. Als gebildeter Kannibale in der NBC-Serie «Hannibal» hat er treue Fans; als der amerikanische Sender Anfang Woche das Aus nach der dritten Staffel verkündete, war der Aufschrei laut.

Doch bei allem internationalen Erfolg dreht Mikkelsen regelmässig in seiner Heimat. Er erklärt die Menge meisterlicher dänischer Filme mit einem glücklichen Zufall. «In den neunziger Jahren kamen viele junge Regisseure, Kameraleute und Schauspieler aus den Schulen. Sie spürten einen grossen Drang, selbst so etwas zu schaffen wie zum Beispiel Martin Scorsese. Gruppen entstanden, Dogma wurde erfunden, und plötzlich blickte die Welt auf uns.»

Einen wichtigen Teil zum Erfolg des Filmlands Dänemarks hat Anders Thomas Jensen beigetragen. Als Autor hat er Dramen und Tragikomödien für Susanne Bier («After the Wedding») und Lone Scherfig («Wilbur Wants to Kill Himself») geschrieben; für seinen Kurzfilm «Valgaften» gewann er den Oscar. Lachend sagt der 43-Jährige, er verfilme selbst diejenigen Stoffe, an die sich sonst niemand wage. «Wenn ich ein Drama schreibe, muss ich mich mit schwarzem Humor zurückhalten. Wie auch manchmal im Leben. Die wirklich düsteren Drehbücher setze ich selbst um. Es gibt so viele Momente, die sehr, sehr traurig sind, aber gleichzeitig auch sehr, sehr lustig», sagt Jensen. «Ich erinnere mich, dass ich als Kind an Beerdigungen immer lachte. Menschen aus meiner Familie sagten immer etwas Witziges. Und ich glaube, mit Humor darf man praktisch alles tun.» So lässt Jensen in seiner Komödie «Dänische Delikatessen» zwei Metzger Menschenfleisch verkaufen. «Wenn man so weit geht, erhält man wieder sehr viele Freiheiten. Denn man kommt an einen Ort, der jenseits dessen liegt, was Menschen mit Realität verbinden.»

Auch in «Men & Chicken» greift Jensen auf die Groteske zurück. Die Brüder leben wie vernachlässigte Kinder im Dreck, obwohl sie über vierzig sind. Sie sprechen mit Fäusten und kämpfen um den schönsten Teller. «Ich bin Vater von vier Kindern, und der Film handelt hauptsächlich davon, wie fragil die Zivilisation ist. Kinder sind wie Tiere; sie müssen alles lernen. Wenn meine Frau und ich nicht da wären, hätten sie einander längst umgebracht. Wenn du am Strand einen Eimer und zwei Kinder siehst, weisst du, dass Blut fliessen wird. Ich finde das zugleich lustig und verstörend», sagt Jensen.

Der Film ist auf eine unerwartete Weise radikal: nicht in seiner Überdrehtheit, nicht im Absurden, sondern im Leisen. Fast unmerklich gleitet «Men & Chicken» ins Ernste und fragt nach unserer Schöpfung und danach, was uns zu Menschen macht. Mads Mikkelsen beschreibt den Film passend als «eine Geschichte über die grossen, epischen Themen, Tod und Leben und Gott und Satan. Aber Jensen will diese Themen in Wahnsinn verpacken, damit er Sachen ausdrücken kann, ohne prätentiös zu wirken.» Als tatsächlich irr wirkender Elias gelingt es Mikkelsen, einer vordergründig so überzeichneten Figur emotionale Tiefe zu verleihen. Am Ende, wenn Elias sich selbst in einen Käfig sperrt, fühlen wir mit diesem Kind im Mann mit. «Mich ziehen immer radikale Rollen an», sagt Mads Mikkelsen. «Wenn man einen Film sowohl mit zehn Jahren wie auch mit neunzig Jahren schauen kann, interessiert mich das nicht. Dann geht es nur darum, viel Geld zu machen. Ich will mit Regisseuren arbeiten, die mit Herzblut eine Geschichte erzählen wollen. Und das ist bei extremen Filmen oft der Fall. Mit Anders Thomas Jensen versuchen wir, jedes Mal noch weiter zu gehen.»

Radikal denkt «Men & Chicken» die Möglichkeiten der Genmanipulation weiter, zu welcher der Regisseur Anders Thomas Jensen eine klare Haltung hat. «Ich denke, wir sollten uns keinen Zwang antun und loslegen, schauen, wie weit wir gehen können», sagt er. «Wenn wir all die dummen Fehler der Natur korrigieren können, sollten wir es tun. Ich weiss, dass es gefährlich ist, denn es braucht einen moralischen Kompass, um diesen Weg einzuschlagen. Ich glaube daran, dass wir diesen haben. Das Problem ist natürlich, dass wir immer davon ausgehen, dass jemand seine Macht missbraucht.» Trotz allen Abgründen, in die Anders Thomas Jensen uns in seinen Filmen blicken lässt, trotz den Schlägereien und Morden, die er auf der Leinwand zeigt, ist er also im Grunde ein Menschenfreund, der an das Gute glaubt. Dazu passt das märchenhafte Ende, das Jensen uns hier wie in all seinen Filmen beschert – das natürlich zugleich verstört. (Text: Flavia Giorgetta)

«Frame» ist das grösste Film-Magazin der Schweiz und berichtet kompetent und ausführlich über Kino, Film und TV-Serien. Das Magazin wird vom Zurich Film Festival und der «NZZ am Sonntag» herausgegeben


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