Von Cannes nach Zürich: 5 Filme, die man gesehen haben muss

13. Mai 2020

In dieser Woche wären die ZFF-Programmer eigentlich nach Süd­frankreich zum Festival de Cannes gependelt, um die neusten filmischen Werke für Zürich aufzuspüren. Jedes Jahr zeigt das ZFF ausgewählte Titel, die zuvor in Cannes ihre Weltpremiere feierten oder sogar mit der Goldenen Palme ausge­zeichnet wurden. Nun, da das wichtigste Festival nicht statt­finden kann, müssen auch wir andere Wege finden, unser Programm zusammen­zustellen. Bis dahin möchten wir euch fünf beeindruckende Werke zeigen, die wir in den letzten Jahren in Cannes entdeckt und ans ZFF gebracht haben. Fünf Filme, die man gesehen haben muss!
      

LES MISÉRABLES von Ladj Ly (Frankreich, 2019)

Regisseur Ladj Ly führt uns ins pulsierende Leben des Pariser Vororts Montfermeil, wo er auf­gewachsen ist und 2005 mit seiner Video­kamera die schlimmsten Ausschreitungen fest­gehalten hat, die Frankreich je erschütterten: 8000 Autos gingen in Flammen auf, 3000 Kids wurden verhaftet. Die Ereignisse haben ihn zu einem Hochspannungs-Thriller inspiriert: Durch die Augen des Polizisten Stéphane werden wir Zeuge der Spannungen zwischen Drogenfahndern und Einwanderern aus Mali. Als Polizisten mit Schlagstöcken auf einen schwarzen Jugendlichen losgehen, explodiert das Pulverfass. LES MISÉRABLES ist der stärkste Banlieue-Film seit LA HAINE. Ein Mix aus doku­mentarischer Sozial­kritik und stilisiertem Genrekino, das vor Dring­lichkeit vibriert. Man spürt, dass da nicht einer mit sozio­logischem Blick aus der Vogel­perspektive auf die Misere blickt, sondern von innen heraus erzählt. Der Schock von Cannes – gekürt mit dem Jurypreis.

Verfügbar: filmingo.ch | myfilm.ch | cinefile.ch | kino-on-demand.ch

  

 
CAPHARNAÜM von Nadine Labaki
(Libanon, 2018)

„Ich will meine Eltern verklagen. Weil sie mich auf die Welt gebracht haben." Der zwölf­jährige Zain ist nicht auf den Mund gefallen. Statt wie andere Kinder zur Schule zu gehen, muss Zain – als Sohn einer kinder­reichen Familie aus ärmsten Verhält­nissen in Beirut – bereits täglich Geld nach Hause bringen. Als seine Eltern die jüngere Schwester Sahar an ihren Vermieter verkaufen, hat Zain endgültig genug: Er rennt von zu Hause fort. In einem Freizeit­park trifft er auf die Äthiopierin Rahil, die dort illegal als Putzkraft arbeitet. Zain bietet sich als Baby­sitter für ihren einjährigen Sohn an. Einige Wochen und viele genauso dramatische wie unvergessliche Erlebnisse später beschliesst Zain, seine Eltern vor Gericht zu verklagen … Der Filmtitel CAPHARNAÜM steht im Französischen für einen Ort voller Chaos und Wahnsinn. Und genau diesen Ort findet die libanesische Meister­regisseurin Nadine Labaki in ihrer unvergesslichen, hoch­emotionalen Fabel über das Leben in Armut. Das Sozialdrama wurde in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet und war 2019 als Bester fremd­sprachiger Film für einen Oscar nominiert.

Verfügbar: myfilm.ch | filmingo.ch

   

 
THE SQUARE von Ruben Östlund
(SE, DE, FR, DK, 2017)

Klein­geld für Bettler hat er meistens nicht dabei, aber eigentlich ist Christian ein guter Mensch – seine Arbeit als Kurator eines Kunst­museums leistet immerhin einen wichtigen Beitrag für die Gesell­schaft. Sein aktuelles Projekt „The Square“ soll die Besucher zu altruistischem Handeln und gegen­seitigem Vertrauen einladen. Welche Ironie, dass Christian selbst kurz vor der Eröffnung beklaut wird. Um sein Smartphone zurückzugewinnen, wagt er sich mit Ortungs-Funktion und Unbehagen in ein zwielichtiges Wohn­viertel. Kaum hat er seine Komfortzone einmal verlassen, gerät er jedoch von einem Schlamassel ins nächste: Unbequeme Konfrontationen, haarsträubende Begegnungen und eine aus dem Ruder gelaufene PR-Kampagne treiben den Idealisten langsam, aber sicher in die Verzweiflung. Ruben Östlunds hochverdienter Palme d’Or-Gewinnerfilm ist eine genauso einfallsreiche wie bitterböse Gesellschafts­satire, die zum Lachen, Grübeln und Fremdschämen einlädt.

Verfügbar: iTunes | cinefile.ch

 

 
THE SALESMAN von Asghar Farhadi
(Iran, Frankreich, 2016)

Mitten in der Nacht werden Emad und Rana durch ein Rütteln aus dem Schlaf gerissen. Ihr baufälliges Hochhaus gilt als einsturz­gefährdet – und es findet eine nervöse Evakuierung statt. Das junge Schau­spieler­paar findet bald eine neue Bleibe. Alles scheint gut. Merkwürdig nur, dass die Vormieterin ihre Habseligkeiten trotz mehr­facher Aufforderung nicht abgeholt hat. Und auch die Nachbarn wissen über die einstige Bewohnerin nur wenig Nettes zu berichten. Eines Tages öffnet Rana in Erwartung ihres heimkehrenden Ehe­mannes die Tür, ohne vorher zu kontrollieren, wer geklingelt hat – und erlebt eine böse Überraschung. Der Zwischen­fall löst eine unheilvolle Ent­wicklung aus, die Emad und Ranas Beziehung für immer verändert. Oscar­preisträger Asghar Farhadi beweist sich einmal mehr als Meister der aufwühlenden Dramaturgie. Schritt für Schritt schüttelt er seine Figuren aus ihrem Gefühl der Sicherheit und bringt ihre dunklen Seiten ans Licht.

Verfügbar: exlibris.ch | iTunes

 

 
LOUDER THAN BOMBS von Joachim Trier
(Norwegen, Frankreich, USA, 2015)

Drei Jahre nach dem plötzlichen Tod der Kriegs­fotografin Isabelle Reed stehen Vor­bereitungen für eine Aus­stellung zu ihrem Lebens­werk an. Der Anlass führt dazu, dass ihr Sohn Jonah ins Eltern­haus zu seinem Vater Gene und seinem jüngeren Bruder Conrad zurückkehrt. Doch in diesem Haus ist der Tod Isabelles offensichtlich noch nicht überwunden: Während sich Conrad pausenlos hinter Monitor und Kopfhörern versteckt und jeglichen Zugang verweigert, versucht sich Gene mit einer neuen, vor seinem Sohn geheim gehaltenen Liebes­affäre zu trösten. Er tut sich schwer damit, seinem Jüngsten die mögliche Todes­ursache Isabelles anzuvertrauen. Joachim Trier gehört zu den aufregendsten neuen europäischen Filme­machern. In diesem mit Isabelle Huppert, Gabriel Byrne und Jesse Eisenberg hervorragend besetzten Familien­drama spielt er gekonnt mit nicht­linearer Narration und unter­schiedlichen Erzählperspektiven.

Verfügbar: iTunes


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