Warum die Leute wieder mehr ins Kino gehen

23. Januar 2020

Totgesagte leben länger: An dieses Motto aus dem Horrorfilm muss man denken, wenn man in den letzten Monaten die Kinocharts analysierte. Woche für Woche liefern die Kinos Spitzenresultate. Vergangenes Wochenende zum Beispiel erreichten in der Deutschschweiz vier Filme – PLATZSPITZBABY, BAD BOYS FOR LIFE, 1917 und KNIVES OUT – mehr als 10’000 Zuschauer. Allein in der Deutschschweiz sorgten sie gegenüber der Vorwoche für ein spektakuläres Plus von 68 Prozent. 

Cast & Crew BRUNO MANSER ZFF 2019

Cast & Crew von BRUNO MANSER - DIE STIMME DES REGENWALDES an der Weltpremiere am ZFF 2019

Das Kino lebt, obwohl es wegen dem Siegeszug der Streamingdienste und dem besuchermässig schlechten Jahr 2018 schon mancherorts totgesagt wurde. In Frankreich verzeichneten die Lichtspieltheater 2019 über 213 Millionen Eintritte – das zweitbeste Resultat der letzten 50 Jahre (ohne den Generalstreik in den letzten Wochen des Jahres wäre es vielleicht das erfolgreichste geworden). Und auch in der Schweiz stiegen die Eintritte gegenüber 2018 um starke 6,3 Prozent.

Was sind die Gründe? In erster Linie natürlich gute Filme, welche die Leute unbedingt sehen wollen wie GREEN BOOK von Peter Farrelly oder JOKER von Todd Phillips. Wie in allen Ländern, in denen das Kino erfolgreich ist, spielt aber auch in der Schweiz das einheimische Filmschaffen eine entscheidende Rolle. Immer mehr helvetische Filme erreichen ein grosses Publikum: WOLKENBRUCH von Michael Steiner, der 2018 am ZFF Weltpremiere feierte, lockte 312 400 Zuschauer an, ZWINGLI von Stefan Haupt 248 300, BRUNO MANSER von Niklaus Hilber, der 2019 das ZFF eröffnete, bisher 170 000 (wobei dank Openair-Kinos noch einige dazu kommen dürften) und PLATZSPITZBABY von Pierre Monnard, der am vergangenen Wochenende mit 41’000 Besuchern sensationell auf Platz 1 der Kinocharts schoss, dürfte der nächste Grosserfolg werden. 

Wolkenbruch

Still aus WOLKENBRUCH

Der Schweizer Film erreichte 2019 inklusive Koproduktionen einen starken Marktanteil von 7,8 Prozent. Er ist also wieder erfolgreich, hat Sex-Appeal und die Kritik dürfte ihr abgelutschtes Narrativ vom Typ «Endlich mal ein Schweizer Film, der nicht…» langsam ad acta legen. Woher rührt der Erfolg? Sicherlich hängt er damit zusammen, dass die erwähnten Filme sich «in die eigenen Angelegenheiten» einmischen, wie das einst der grosse Filmkritiker Martin Schaub vom «Tages-Anzeiger» forderte – sprich sie verhandeln Themen, die das Schweizer Publikum betreffen.

WOLKENBRUCH erzählt eine interkulturelle Geschichte aus Zürich, BRUNO MANSER lässt das Wirken eines Schweizers aufleben, der seiner Zeit voraus war und dessen Einsatz für die Umwelt heute als aktueller betrachtet wird denn je und PLATZSPITZBABY katapultiert uns in die Neunzigerjahre zurück, als die offene Drogenszene von Zürich unübersehbar war – es gibt kaum jemanden, der nicht einen Verwandten oder nahen Bekannten hatte, der damals abstürzte. Hinzu kommt, dass sich die Branche professionalisiert hat. Hinter den Erfolgsfilmen stehen Produktionsgesellschaften mit viel Erfahrung, deren Produzenten zusammen mit Fernsehen und Verleih kluge Lancierungspläne erstellen – früher stemmten Schweizer Firmen jeweils mit Ach und Krach einen Film und merkten dann, dass sie gar kein Geld mehr für den Release und folglich keinen Stich in der Konkurrenz mit Hollywood hatten. Bei drei der vier Erfolgsfilmen ist übrigens Ascot Elite der Verleiher, die von Ralph Dietrich, Karin Dietrich und Stephan Geiger geleitete Firma ist das neue Powerhouse im Schweizer Film. 

Der Läufer

Cast & Crew von DER LÄUFER an der Premiere am ZFF 2018

Eine gewisse Rolle für den Erfolg des Schweizer Films spielt auch das ZFF, das mit seinem Austragungstermin im September und Oktober die ideale Startrampe für die relevanten Herbst- und Wintertitel ist. Grosse Publikumsfilme wie SENNENTUNTSCHI, WOLKENBRUCH oder BRUNO MANSER profitierten genauso von einer Premiere am ZFF wie kleinere Autorenfilme wie DER LÄUFER von Hannes Baumgartner, der 19’000 Zuschauer in die Kinos lockte.

Die guten Zahlen der letzten Wochen lassen auf ein erneut starkes Kinojahr hoffen, zumal ja im April mit dem neuen James-Bond-Abenteuer NO TIME TO DIE eine Grossproduktion anläuft, die alleine über eine Million Eintritte generieren könnte. Feststeht jedenfalls, dass der Stremingdienst nicht des Kinos Tod ist. Im Gegenteil: Untersuchungen zeigen, dass Leute, die viel Content im Heimkino streamen, auch überdurchschnittliche Kinogänger sind. Zudem darf man zuhanden der Kulturpessimisten und jenen Chefredaktoren, die gerne im Kulturressort den Rotstift ansetzen, festhalten, dass in der Schweiz an jedem Wochenende mehr Leute ins Kino gehen als an Fussball- und Eishockeyspiele der obersten Ligen zusammen. Darum für alle zum Mitschreiben: Das Kino lebt!

Text: Christian Jungen


zurück