Marco Zucchi (1970 - 2020) – zum Tod des grossen Tessiner Filmkritikers

16. Januar 2020

Letzten Sonntag ist im Alter von 49 Jahren der Tessiner Marco Zucchi gestorben, der seit 1993 als Filmredaktor für die Radio Televisione della Svizzera Italiana (RSI) übers Kino berichtete. Es gibt kaum jemanden in der Schweizer Filmszene (und auch in der italienischen), der ihn nicht kannte: Zucchi war an allen Festivals präsent, der siebten Kunst und den Filmschaffenden zugewandt.

Marco Zucchi

Marco Zucchi (1970 - 2020)

Marco Zucchi war einer der engagiertesten und neugierigsten Filmjournalisten der Schweiz. Zu dieser Neugierde gehörte auch, dass er früh ans ZFF kam. Ab der dritten Ausgabe 2008, zu einer Zeit als viele Tessiner das ZFF noch belächelten oder als Konkurrenz verteufelten, berichtete er aus Zürich – über die Stars wie Sylvester Stallone und Arnold Schwarzenegger (der ihn besonders beeindruckte und dessen Flop LAST ACTION HERO Zucchi anlässlich der Golden-Icon-Verleihung an Schwarzy verteidigte) genauso wie über die Wettbewerbsfilme von jungen Filmemachern, die am Anfang ihrer Karriere standen. Mit besonderem Wohlwollen begleitete Zucchi in all den Jahren den Schweizer Film. 

Der Tessiner aus Chiasso war ein leidenschaftlicher Kritiker, der für die siebte Kunst brannte und die Emotionen des Kinos seinen Hörern vermittelte. Er war kein Schreibtischtäter, sondern einer, der gerne rausging und Menschen an seinem Mikrofon zu Worte kommen liess: Regisseure, Produzenten, Drehbuchautoren, Filmförderer, Festivaldirektorinnen – und auch Berufskollegen. Als Filmredaktor der „NZZ am Sonntag“ war ich unzählige Male zu Gast in seiner halbstündigen Kinosendung „Ciak“, die er jeweils minutiös durchnummerierte und mit den Worten begann „Benvenuti, alla 204. puntata“. Ganz im Sinne des SRG-Mottos von der „Idée suisse“ interessierte sich Zucchi für das Geschehen in den anderen Sprachregionen. 

Am ZFF zeichnete Zucchi unsere Gespräche am liebsten auf dem Sechseläutenplatz oder vor dem Kino Piccadilly auf. Er liebte es, wenn man im Hintergrund den Festivalbetrieb, zum Beispiel die Stimmen vom grünen Teppich, hörte. Er wollte Ambiance vermitteln, das Festival seinen Hörern erzählen. Zu den Highlights, die er in Zürich erlebte, gehörten die Filme THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI sowie das Erstlingswerk PIKADERO von Ben Sharrock über ein junges spanisches Paar, das von der Wirtschaftskrise gebeutelt wird. Diesen Film zeichnete 2015 die Kritikerjury am ZFF, welcher Zucchi angehörte, aus.

Marco Zucchi und Christian Jungen

Die Kritikerjury des ZFF 2015:(v.ln.r.) Marco Zucchi, Flavia Giorgetta, Peter Holdener

Zucchi war ein kompetenter Kritiker, der die Literatur- und Filmgeschichte kannte, dem aber Schwurbeln fernlag. Er machte Sendungen für den Hörer, für die ganz normalen Leute, denen er mit freundlicher Stimme und in verständlicher Sprache die Filme vermittelte. Zucchi war auch ein profilierter Kritiker, der sich getraute gegen den Strom zu schwimmen. Er wagte es, Godards LE LIVRE D’IMAGE zu kritisieren, als alle in Cannes delirierten und verteidigte Woody Allen, einen seiner Lieblingsregisseure, gegen Vorverurteilungen. Am liebsten hatte er philosophisch grundiertes Erzählkino, unterhaltsam, aber bedeutungsvoll. Kein Wunder, war Terrence Malicks TREE OF LIFE einer seiner Lieblingsfilme. Von Beginn weg figurierte Zucchi im Kritikerspiegel von „Frame“, dessen Titelgeschichten er immer wieder zum Anlass nahm für längere Beiträge in den Kultursendungen von RSI. Zucchi nahm die Sache ernst, Leerstellen im Tableau, also Filme, die er nicht bewerten konnte, weil er sie nicht gesehen hatte, ärgerten ihn. Einmal war er auf der Berlinale und schaute nach vier Filmen, die er tagsüber im Kino gesehen hatte, nachts noch zwei weitere via Screeningslinks, um Bewertungen abgeben zu können. Als „Frame“ die Liste mit den 100 besten Schweizer Filmen aller Zeiten veröffentlichte, schrieb Zucchi, der immer ein Faible für Animationsfilme hatte, eine Laudatio auf MA VIE DE COURGETTE, der am ZFF in der Kinderreihe lief: „Dieser Film ist ein kleines Wunder, das von Talent und Sinn für Schönheit zeugt. Claude Barras erzählt auf berührende Weise von einem Knaben, der eine schwierige Kindheit hat, aber nie aufgibt.“ 

 

Marco Zucchi am ZFF 2015

Marco Zucchi (r.) mit Christian Jungen 2018 in Cannes

Nie Aufgeben war auch sein Motto, als ihn just zu jener Zeit, als sein Familientraum in Erfüllung ging und er Vater einer Tochter wurde, jene heimtückische Krankheit wieder einholte, die er schon vor 25 Jahren hatte. Zucchi liess sich nicht viel anmerken, behielt die Moral. Sein grosses Vorbild in dieser Beziehung war Lance Armstrong, der den Krebs besiegte und den er durch alle Böden verteidigte. Marco kämpfte gegen die „bestia“, wie er die Krankheit nannte und behielt die Leitung der Sektion „Semaine de la critique“ in Locarno. Doch letzten Spätsommer verschlechterte sich sein Zustand. In der Hildebrand-Klinik in Brissago hoffte Zucchi, der traurig war, dass er nicht nach Venedig fahren konnte, dass er bis zum ZFF wieder gesund sein würde. Besonders freute er sich auf den Film JOKER von Todd Phillips. 

Zucchi war dann letzten Oktober tatsächlich in Zürich, aber – „Ironie des Schicksals“, wie er es selber nannte - nicht am Filmfestival, sondern im Unispital, wo er auf medizinische Hilfe hoffte. Vergeblich. Ich habe ihn dort besucht, kurz vor der ZFF Masters mit Oliver Stone, die ich moderieren sollte. Ich war nervös, der todkranke Zucchi redete mir gut zu und stellte mich auf. So war er – positiv eingestellt und immer am Kino interessiert. Letzten Sonntag wurde der schwer geprüfte Marco Zucchi von seinem Leiden erlöst. 

Die Schweiz hat einen ihrer kompetentesten, fleissigsten und leidenschaftlichsten Filmkritiker verloren.

Text: Christian Jungen


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