Oliver Stones Entdeckungen im ZFF-Wettbewerb

23. Oktober 2019

Oliver Stone amtete am 15. Zurich Film Festival als Jurypräsident – und war begeistert von den Werken im internationalen Spielfilmwettbewerb. Fünf der 14 Titel seien Meisterwerke, schrieb er auf Facebook.

Oliver Stone

Oliver Stone bei der Preisverleihung am 15. ZFF

Oliver Stone kehrte zum fünften Mal ans Zurich Film Festival zurück, dem er seit seinem ersten Besuch 2007 freundschaftlich verbunden ist. Diesmal hatte sein Besuch besonderes Gewicht. Denn Stone ist mit seinen 73 Jahren beschäftigter denn je. Er schreibt gerade an den Memoiren seiner ersten 40 Lebensjahre und er bereitet seinen neuen Dokumentarfilm JFK: DESTINY BETRAYED vor, der im nächsten Frühjahr erscheinen soll.

Als ihn der künstlerische Direktor Karl Spoerri im August bei einem Mittagessen in Los Angeles fragte, ob er Jurypräsident werden möchte, antwortete Stone, er tue es, wenn ihm Spoerri verspreche, dass die Filme nicht langweilig seien. Stone traf in Zürich ein und war vom Niveau der gesehenen Filmkunst begeistert. Fünf Meisterwerke habe die 14 Titel umfassende Konkurrenz enthalten.

Das Goldene Auge verlieh die Jury schliesslich an den Erstling SOUND OF METAL des Amerikaners Darius Marder (*1974). Er erzählt die Geschichte eines Heavy-Metal-Schlagzeugers, der sein Gehör verliert – und zwischenzeitlich auch seine Freundin, weil er den Verlust nicht akzeptieren kann. Stone lobte in seiner Laudatio im Opernhaus Zürich neben der Geschichte und dem herausragenden Hauptdarsteller Riz Ahmed auch die Tonspur, die dem Zuschauer „ein Wechselspiel zwischen Stille und Ton“ biete, wie man es noch nie erlebt habe. Später doppelte Stone auf Facebook nach: Der Film sei geradezu „hypnotisierend“ und er sei zuversichtlich, dass er auch in den amerikanischen Kinos gezeigt werde.

SOUND OF METAL

Riz Ahmed in SOUND OF METAL

Auf Facebook würdigte Stone gleich zwei Mal das ZFF-Programm: „Ich habe einige einzigartige Filme aus Europa und dem Nahen Osten von jungen Filmemachern gesehen, die provokativ und frisch sind.“ Nebst SOUND OF METAL bezeichnete er vier weitere Wettbewerbsfilme als „starke Meisterwerke“, denen er ebenfalls gerne den Hauptpreis verliehen hätte:

JUST 6.5 ist der iranische FRENCH CONNECTION, angesiedelt im heutigen Teheran. Er war ein riesiger Kassenerfolg im Iran – ich verstehe warum: Schneller Erzählrhythmus, authentisch, gänzlich unsentimental, ein faszinierendes Stück Iran, wie man es noch nie gesehen hat. Regisseur und Drehbuchautor ist Saeed Roustaee.

MANO DE OBRA (WORKFORCE) erzählt die in Mexiko City spielende Geschichte von einer Gruppe von Bauarbeitern, die keiner Gewerkschaft angehören. Sie sollte nordamerikanische Augen schockieren, weil sie zeigt, wie hart es ist, zu überleben ohne den Schutz von Gesetzen, Gewerkschaften oder der Regierung. Er enthält einige echte Twists. Ich fand den Film so gut, wenn nicht sogar besser als ROMA, weil er mir die Augen für die Realitäten dort unten öffnete. Drehbuchautor und Regisseur ist David Zonana.

Filmstill aus MANO DE OBRA

Filmstill aus MANO DE OBRA

BABYTEETH aus Australien ist eigentlich nicht meine Art von Film. Er dreht sich um vier Leute – Ehemann, Frau, die an Krebs sterbende Tochter und ihr drogenabhängiger Freund. Der Film wird stärker und stärker und man kann diese vier Leute mit ihren intimen Problemen verstehen. Shannon Murphy ist die Regisseurin.

Auch QUEEN OF HEARTS stammt von einer Regisseurin, nämlich von May el-Toukhy aus Dänemark und Schweden. Der Film lebt von unglaublichen Schauspielleistungen. Da ist vor allem diese über 40-jährige Frau, gespielt von Trine Dyrholm, die so viel durchmacht und ihre Sexualität neu entdeckt. Schliesslich lässt sie sich auf eine Affäre mit ihrem problembehafteten Stiefsohn ein, der von Gustav Lindh gespielt wird – ein Gesicht, das man nicht vergessen wird. Die Schauspieler erreichen eine Intensität und Emotionalität, wie man sie aus den besten Bergman-Filmen kennt.

QUEEN OF HEARTS

Filmstill aus QUEEN OF HEARTS

Oliver Stone stellte am ZFF auch seine PUTIN INTERVIEWS vor und schaute diese vierstündige Doku-Serie im Filmpodium zusammen mit 250 Zuschauern. Er habe Putin kennengelernt, als er den Film SNOWDEN in Russland drehte, erzählte er. Schliesslich habe er den russischen Präsidenten interviewt, um ihn zu entdiabolisieren. „Wann immer in den USA ein Gespräch mit ihm ausgestrahlt wird, synchronisieren die Sender ihn mit düsteren Stimmen und unterlegen seine Aussagen mit unheimlicher Musik, die wie aus dem Kalten Krieg wirkt. Ich wollte ihn einmal ausführlich zu Worte kommen lassen – und zwar in seiner Muttersprache.“

Stone erhielt von Putin Zugang wie noch nie ein Journalist oder ein Kamerateam aus dem Westen zuvor. Er durfte den Politiker in sein Büro, in seine Wohnung, in die Kommandozentrale begleiten – und zum Eishockey-Training, wo er mit Putin über Homosexualität und christliche Werte sprach. Putin betonte, er sei nicht gegen Homosexualität, jeder könne in Russland seine Neigungen ausleben, er wolle aber, dass in erster Linie das traditionelle Familienbild gefördert werde.

Hier hätten sich manche ein kritisches Nachhaken gewünscht. Auf die Frage, warum er Putin nicht stärker auf den Zahn gefühlt habe, meinte Stone, man bringe mehr aus seinem Gegenüber raus, wenn man ihm freundlich begegne und ihn aussprechen lasse. Für grosse Heiterkeit im Saal sorgte die Szene, in der Stone Putin bei einem Wiedersehen fragte, ob er ihn vermisst habe. Man spürte, dass die beiden sich mögen. THE PUTIN INTERVIEWS sind nun via Showtime und Amazon Prime zu sehen.

 
In der ZFF Masters meinte Oliver Stone, er würde sich wünschen, das Schweizer Radio und Fernsehen strahle die Serie aus. Der Kultregisseur sprach über seine Jugend in New York. Sein Vater sei ein konservativer Wall-Street-Banker gewesen, der für Dwight D. Eisenhower schwärmte und John F. Kennedy verteufelte. Stone selber meldete sich 1967 freiwillig zum Kriegsdienst in Vietnam, wo er bei Kampfeinsätzen zweimal verwundet wurde. „Nach dem Krieg habe ich in New York Film studiert, und da ich ein Veteran war, übernahm die Armee die Studiengebühren.“

Der Krieg hat Stone geprägt – seine Erfahrungen inspirierten ihn zur Vietnam-Trilogie PLATOON (1986), BORN ON THE FOURTH OF JUY (1989) und HEAVEN & EARTH (1993).  Für die beiden ersten gewann er je einen Oscar als bester Regisseur, schon 1979 hatte er einen als Drehbuchautor von Alan Parkers MIDNIGHT EXPRESS gewonnen, in dem es um einen Amerikaner geht, der in der Türkei wegen Haschischschmuggel zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.

Oliver Stone und Christian Jungen im Gespräch bei den ZFF Masters

Oliver Stone und Christian Jungen im Gespräch bei den ZFF Masters

Stone musste zehn Jahre lang warten, ehe er seine eigenen Szenarien verfilmen konnte. „Damals waren Filme wie RAMBO oder solche mit Chuck Norris in Mode. Oder Kriegsfilme wie THE DEER HUNTER und APOCALYPSE NOW, tolle Filme, die aber die Beweggründe für den Krieg nicht hinterfragten und darum genehm waren. Meine Filme hingegen stellten den Krieg infrage“, meinte Stone und bekannte freimütig, dass er in Vietnam angefangen habe, Drogen zu nehmen. Er sei dann auch Teil der Kokain-Kultur in Hollywood gewesen und habe unter Drogeneinfluss SCARFACE und CONAN, THE BARBARIAN geschrieben. Die Filme trugen ihm den Ruf ein, er sei ein Rechter. „Hollywood steht rechts“, meinte Stone und lachte. „Regisseur John Milius war ein Rechter ebenso Michael Cimino.“

Oliver Stone ist ein Regisseur, der nie ein Blatt vor den Mund nimmt und die Kraft hat, mit seinen Filmen Debatten zu provozieren – so wie ihm das 1991 mit JFK gelang, der die These vertrat, dass der US-Präsident 1963 nicht von einem Einzeltäter erschossen wurde, sondern letztlich das Opfer eines Komplotts innerhalb des Weissen Hauses war. „Der Film basiert weitgehend auf Recherchen, natürlich musste ich einige Dinge dramatisieren, aber ich bin überzeugt, dass meine Sicht der Dinge stimmt.“ Nun widmet Oliver Stone sich erneut der Ermordung Kennedys mit seinem nächsten Dokumentarfilm, der nächstes Jahr ins Kino kommen soll. „Es ist für mich schmerzhaft, diese Geschichte noch einmal aufzurollen, aber ich tue es für die junge Generation“. Stone hat sich in Zürich viel Zeit genommen, um seine Filme vorzustellen und Fragen des Publikums zu beantworten. Als er das Filmpodium durch den Hintereingang verliess, hat er sogar jedes Foto, Poster oder T-Shirt der Autogrammjäger unterschrieben.

Text: Christian Jungen


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