„Es geht vorwärts mit der Gleichberechtigung” - Anja Fröhner

21. September 2019

Programmerin Anja Fröhner hat die Sektion Series” kuratiert. Sie sagt, das ZFF wolle dem Publikum Serien vorstellen, die sonst kaum auf den Radar kämen. Sie freut sich, dass die Häfte der Produktionen von Frauen stammt.

Anja Fröhner

Anja Fröhner

Warum hat sich das ZFF entschieden, TV-Serien zu programmieren? 

Bei den Serien erlebe ich auch als Konsumentin, dass die Auswahl des Angebots schnell überfordernd sein kann. Besonders bei den Streaming-Anbietern stehen die amerikanischen Blockbuster-Produktionen stark im Zentrum, dabei gibt es aber auch unzählige weitere beeindruckende Serien aus der ganzen Welt zu entdecken. Mit der „Series“-Sektion präsentieren wir eine überschaubare Auswahl an Titeln, welche uns in diesem Jahr besonders gefallen haben und welche die Zuschauer sonst nicht auf dem Radar hätten.

Aber die Serien nehmen doch den Kinos die Zuschauer weg. Wird das ZFF jetzt zum Totengräber des Kinos?

Es stimmt natürlich, dass Serien und Streaminganbieter generell in den letzten Jahren unglaublich an Popularität gewonnen haben und diese Entwicklung sicherlich für die Kino Besucherzahlen nicht förderlich ist. Ich kann aber gut nachvollziehen, dass die Form des seriellen Erzählens vielen Filmemachern neue und einzigartige Möglichkeiten bietet. Und diese möchten wir unserem Publikum nicht vorenthalten. Trotzdem bin ich überzeugt, dass es auch weiterhin unzählige Projekte geben wird, bei denen ein serielles Format nie infrage kommen würde und die für die grosse Leinwand prädestiniert sind. Es ist also bestimmt nicht unsere Absicht zum Totengräber des Kinos zu werden, sondern vielmehr auch im Bereich der Serien als Kuratorinnen und Kuratoren zu fungieren. 

Seit letztem Jahr ist das Ganze noch in einen Wettbewerb verpackt. Was bringt das?

Ein Wettbewerb bringt mehr Aufmerksamkeit mit sich und gibt einer Sektion auch ein klareres Profil. Ausserdem hilft uns der Wettbewerb, die Creators der Serien dafür zu begeistern, das Festival zu besuchen und ihre Serie persönlich dem Publikum vorzustellen. Ich sehe es auch als unser Ziel an, einen Austausch zwischen Publikum und den Serienschaffenden zu ermöglichen.

LA JAURÍA

LA JAURÍA

Warum kann man nicht wenigstens ganze Staffeln schauen statt nur einzelne Episoden? 

Wir möchten dem Publikum die Möglichkeit geben, brandneue Serien zu entdecken. Wir zeigen neben einer Weltpremiere (LA JAURÍA aus Chile behandelt einen Missbrauchsfall an einer katholischen Eliteschule) auch eine Europapremiere (ON BECOMING A GOD IN CENTRAL FLORIDA über ein Schneeballsystem mit einer brillianten Kirsten Dunst in der Hauptrolle) im Wettbewerb und alle Serien dieses Jahr wurden noch nie im deutschsprachigen Raum gezeigt. Dies hat auch zur Folge, dass bei vielen Serien noch nicht klar ist, bei welchem Anbieter sie in der Schweiz zu sehen sein werden. Darum dürfen wir manchmal auch keine ganzen Staffeln zeigen. Ein Cliffhanger kann aber auch Lust machen, sich dann die ganze Serie später anzuschauen.

Ist das goldene Zeitalter der grossen TV-Serien nicht schon wieder am abflachen? 

Es stimmt, dass viele Firmen während des sogenannten goldenen Zeitalters auf den Serienzug aufgesprungen sind und besonders bei den Streaminganbietern der Druck enorm gestiegen ist, möglichst viel Eigenproduktionen zu realisieren. Dies hat zur Folge, dass nicht jede neue Serie inhaltlich und formal zu überzeugen vermag oder gleich zum globalen Hit wird. Trotzdem entscheiden sich auch weiterhin viele hochkarätige Filmemacher und Schauspieler für Serienprojekte und wir werden auch in den kommenden Jahren mit vielen Serienperlen verwöhnt werden.

ON BECOMING A GOD IN CENTRAL FLORIDA

ON BECOMING A GOD IN CENTRAL FLORIDA

Müssen Sie für die Auswahl der Serien auch an Festivals reisen?

Ich habe dieses Jahr die Series Mania in Lille besucht, das grösste Serienfestival in Europa,  um so neue Kontakte zu knüpfen und spannende Projekte zu finden. Heutzutage haben aber auch viele der Firmen, mit denen wir bezüglich den Filmen in Kontakt stehen, eine eigene Serienabteilung. Somit können wir oft schon von einem bestehenden Netzwerk profitieren.

Wie steht es um Schweizer Serien? 

Tendenziell ist der Serienmarkt in der Schweiz noch relativ klein, aber besonders aus der Romandie kamen in den letzten Jahren einige beeindruckende Serien. Projekte auf die man sich freuen kann, sind sicher die Serie HELVETICA, welche ab dem 7. November auf RTS zu sehen sein wird, wie auch die zweite Staffel von WILDER. Die SRG möchte aber auch die Mittel für Serienproduktionen in den nächsten Jahren erhöhen und SRG Generaldirektor Gilles Marchand und Natalie Wappler, die Direktorin von Schweizer Radio und Fernsehen, werden zu diesem Thema an der diesjährigen Zurich Summit Konferenz sprechen.

Kommen auch Darsteller nach Zürich? 

Wie auch bei den Filmen liegt unser Fokus generell bei den Regisseuren und Creators und bei fast allen Serien haben wir einen Creator oder Regisseur vor Ort. Bei einigen Serien wie LA JAURÍATHE FEED oder PREIS DER FREIHEIT werden auch Darsteller anwesend sein. 

PREIS DER FREIHEIT

PREIS DER FREIHEIT

Sind die Screenings wirklich gratis? 

Ja, die Screenings sind gratis! Wichtig anzumerken ist jedoch, dass man sich trotzdem ein Ticket holen muss. Und es freut mich zu sagen, dass bei vielen der Screenings nur noch wenige Tickets verfügbar sind.

Welchen Steamingservice muss man heute als Serienfan haben? 

Wie viele andere, hoffe ich natürlich auch auf Veränderungen bei den Streaminganbietern, da man momentan als Serienfan für jeden Streamingservice ein eigenes Abonnement benötigt. In der Schweiz ist das Angebot noch relativ klein – sicher spannend wird zu beobachten sein, wie sich Sky Show, den es noch nicht so lange bei uns gibt, weiterentwickeln wird. 

Wie hoch ist der Frauenanteil in der Sektion „Series“? 

Grundsätzlich zeigt sich auch bei den Serien, dass es langsam vorwärts geht mit der Gleichstellung. Die Hälfte der von uns gezeigten Serien stammen von einer weiblichen Creatorin, Co-Creatorin oder Writerin.

Auf welchen Titel sind sie besonders stolz? Was darf man auf keinen Fall verpassen? 

Besonders freue Ich mich, dass wir RAMY von A24, einer sehr renommierten amerikanischen Filmproduktionsgesellschaft, bei uns zeigen. RAMY ist eine unglaublich feinfühlige, humorvolle und thematisch hochaktuelle Serie über einen Millennial in New Jersey, der als Sohn ägyptischer Einwanderer und als praktizierender Muslim versucht seinen Platz in der amerikanischen Gesellschaft zu finden. Für mich ein absolutes Highlight mit einem tollen Soundtrack!

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