„Das Filmbusiness ist ein People’s Business“ – Viviana Vezzani

18. September 2019

Viviana Vezzani ist als Senior Programmerin für die Gala-Sektion verantwortlich und steht als Kadermitglied unter anderem auch dem Guest Management vor. Sie sagt, im Buhlen um grosse Stars wie Javier Bardem spielten die guten Kontakte des ZFF oft das Zünglein an der Waage.

Viviana Vezzani

Welchen Stellenwert hat die Gala Reihe innerhalb des Programms?

Die Gala-Premieren erhalten neben unserem internationalen Wettbewerb am meisten Aufmerksamkeit. Wir wollen mit den Galas die wichtigsten neuen Titel des Herbstes präsentieren, von denen später viele ins Rennen um die Oscars gehen. Aber auch die schönsten Entdeckungen aus dem internationalen Festivalzirkus finden hier ihren Platz. Während in unseren anderen Reihen der Fokus mehr auf aufstrebenden Filmemachern liegt, kommen hier hochkarätige FilmemacherInnen - häufig in Begleitung der DarstellerInnen - ans Festival.

Früher wurde moniert, das ZFF sei vor allem eine Startrampe für die Verleiher. Jetzt laufen auch immer mehr Filme Monate vor ihrem Kinostart. Hat sich das verändert?

Wir pflegen ein sehr gutes Verhältnis mit den Schweizer Verleihern, das ist richtig. Unsere Branche ist im Wandel - die Verleiher nehmen heute grosse Risiken auf sich, um gewisse Filme ins Kino zu bringen und ein Kinorelease ist längst kein Selbstläufer mehr. Da kann ein Festival mit seinen Möglichkeiten einen Release unterstützen. Aber unser Programm besteht noch immer zum grössten Teil aus Filmen ohne Verleiher.

JUDY mit René Zellweger

JUDY mit Renée Zellweger

Das ZFF schaut gerne nach vorne. Welches sind die heissen Oscaranwärter im Programm?

Ganz sicher JOKER von Todd Phillips, Renée Zellweger in JUDY, MARRIAGE STORY von Noah Baumbach, THE FAREWELL von Lulu Wang, THE REPORT von Scott Z. Burns, LE MANS '66 von James Mangold, THE LIGHTHOUSE von Robert Eggers. Wir sind noch früh im Rennen und es kann noch viel passieren bis Ende Februar. 

Wie kommen Sie an Stars wie Kristen Stewart oder Javier Bardem heran?

Fast immer über den Film. Die wichtigste Motivation für Stars, nach Zürich zu kommen, ist die Promotion ihrer Filme. Daher setzen wir alles daran, eine möglichst attraktive Plattform für die Lancierung zu bieten. In den letzten Jahren ist es uns gelungen, uns als relevantes Festival im Herbst zu positionieren, letztes Jahr zum Beispiel zeigten wir GREEN BOOK als Europapremiere, der dann später den Oscar für den besten Film gewann. Das Zünglein an der Waage sind dann zusätzlich häufig unsere guten Kontakte, die wir über die Jahre aufbauen konnten und Freunde, die uns helfen. Es ist - wie so viele andere Branchen auch - ein „People’s Business“. 

Sie zeigen auch Dokumentarfilme wie PAVAROTTI und WHERE’S MY ROY COHN? Können Sie damit die Säle füllen?

Pavarotti wird die Zuschauer berühren. Es ist das Portraits eines grossen Fans (Ron Howard), dem man vorwerfen könnte einen etwas unkritischen Blick auf das Genie Pavarotti zu werfen, aber er tut dies mit so viel Liebe zu seinem Protagonisten, dass man ihm dies sofort verzeiht. Ausserdem erzählt der Film ganz nebenbei auch viel darüber, wie die etablierten Kritiker oft mit populärer Kunst umgehen. WHERE’S MY ROY COHN ist eine Entdeckung - wer Amerika und seine Kultur besser verstehen will, kann hier viel über Politiker wie Trump lernen, die nach dem Motto «I win, you lose» agieren.
 

 
Das US-Kino ist stark vertreten. Wo sind die Franzosen?

Dieses Jahr ist Frankreich im Gala Line-up besonders gut vertreten. Die beiden Meister Eric Toledano und Olivier Nakache, die mit ihrem Hit INTOUCHABLES weltbekannt wurden, stellen persönlich mit dem grossartigen Hauptdarsteller Reda Kateb HORS NORMES vor. Die Komödie ist ein wichtiger Film zum problematischen Sozialhilfesystem Frankreichs, die gleichzeitig ein für die Filmemacher typischer, sehr humanistischer Blick auf seine Protagonisten wirft. Wunderkind Nicolas Bedos kommt mit seiner Hauptdarstellerin Doria Tillier nach Zürich, um ihre beschwingte Liebeskomödie LA BELLE EPOQUE vorzustellen. Mit Julie Delpy kommt ausserdem eine der grossen französischen Autorenfilmerinnen nach Zürich. Sie wird ihren aussergewöhnlichen und kompromisslosen MY ZOE vorstellen und in einer Masters über ihre Arbeit sprechen. Mit LA VÉRITÉ, Hirokazu Kore-Eda's englischsprachigem Einstand präsentieren sich zwei der grössten Stars des französischen Films auf der Leinwand - Juliette Binoche und Catherine Deneuve. Und last but not least ist ADAM - eine marokkanisch-französische Ko-Produktion - eine schöne Entdeckung - ein bittersüsses Drama mit starken Frauen vor und hinter der Kamera. 

MY ZOE

MY ZOE

Welche Festivals haben Sie für die Auswahl besucht? 

Dieses Jahr war ich in Los Angeles, London, Berlin und Cannes unterwegs.

Auf wen freuen Sie sich am meisten? 

Ich freue mich sehr darauf, Julie Delpy zu treffen. Sie ist eine komplexe und faszinierende Künstlerin, die mit MY ZOE einen eigenwilligen und sehr persönlichen Film realisiert hat. Sie verkörpert darin eine Genetikerin, die ihr eigenes Kind klonen will. Die Story wirkt sehr lebensecht und hat mich sehr berührt. Ausserdem freue ich mich sehr, ein paar alte Freunde wiederzusehen, wie etwa Roger Michell, der sein Drama BLACKBIRD vorstellt oder Donald Sutherland, mit dessen Familie ich seit vielen Jahren befreundet bin. Der „Fan“ in mir freut sich auf den schlicht grossartigen Oscarpreisträger Mark Rylance, der in WAITING FOR THE BARBARIANS eine grossartige Perfomance hinlegt und natürlich auch auf Nikolaj Coster-Waldau, vielen hier auch als Jaime Lannister aus der Serie GAME OF THRONES bekannt.

THE INVISIBLE LIFE OF EURÍDICE GUSMÃO

Ihr Lieblingsfilm in dieser Sektion?

Einen besonderen Platz in meinem Programmer-Herz haben dieses Jahr sicherlich unter anderem THE INVISIBLE LIFE OF EURÍDICE GUSMÃO - ein wunderschönes, bildgewaltiges Melodrama aus Brasilien, JUDY weil man darin Renée Zellweger in einer grossartigen und verletzlichen Performance ganz neu entdecken kann, der wuchtige Banlieue-Thriller LES MISÉRABLES von Frankreichs neuem Wunderkind Ladj Ly und Lulu Wangs THE FAREWELL - eine charmante Familienkomödie, die universelle Themen mit feinem Humor behandelt.

Sie arbeiten als Leiterin des Guest-Managements oft bis tief die Nacht. Wie halten Sie sich trotz wenig Schlaf fit?

Dass wir in diesen Tagen oft erst mitten in der Nacht ins Bett kommen, liegt halt auch daran, dass wir viel mit Leuten in Los Angeles zu tun haben, die dann ins Büro kommen, wenn man bei uns gerade Feierabend hätte. Die Wochen vor dem Festival sind streng da wir fast rund um die Uhr arbeiten, aber das Adrenalin und der grosse Zusammenhalt und Spass im Team halten mich fit.

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