„Wir setzen ein Zeichen für den Schweizer Film“ – Karl Spoerri

16. September 2019

Karl Spoerri verantwortet am 15. Zurich Film Festival das Programm. Der künstlerische Direktor sagt, sein Team habe über 2000 Filme geschaut und sich für Filme entschieden, die unter die Haut gehen.

Karl Spoerri

Karl Spoerri

Herr Spoerri, was darf das Publikum dieses Jahr erwarten?

Karl Spoerri: Auch bei unserer letzten Ausgabe verstehen wir uns als Anwälte des Publikums. Das ZFF war nie ein Festival von Insidern für Insider, sondern ein Festival, das stets den Crossover zum breiten Publikum gesucht hat.

Das Kino wird oft als Seismograf unserer Gesellschaft beschrieben. Trifft das auch auf das diesjährige Programm zu?

Ja, absolut. Wenn ich die zwei grossen Themen im Programm benennen müsste, dann wären das der „grüne Film“ und die „Wahrheitssuche“.

Warum ist das so?

Artenschutz und Globale Erwärmung figurieren heute auf jeder politischen Agenda und betreffen uns alle. Ebenso die Pressefreiheit und Fake News. Wir eröffnen dieses Jahr mit der Schweizer Grossproduktion BRUNO MANSER – DIE STIMME DES REGENWALDES. Für mich einer der wichtigsten Schweizer Filme der letzten Jahre. Regisseur Niklaus Hilber, einer der talentiertesten und vielseitigsten Schweizer Filmemacher, und sein Produzent Valentin Greutert haben zehn Jahre in dieses aufwendige Projekt investiert.

Dem Schweizer Filmschaffen fehlt es häufig an der richtigen Betriebstemperatur. Warum ist das so?

Ich weiss es nicht. Aber BRUNO MANSER ist kein Wellness-Kino. Er hat die nötige Dringlichkeit. Mit dem brennenden Amazonas und all den anderen Klima-Hiobsbotschaften kommt der Film zum perfekten Zeitpunkt ins Kino.

BRUNO MANSER – DIE STIMME DES REGENWALDES

BRUNO MANSER – DIE STIMME DES REGENWALDES

Filme haben eine grosse Kraft und können Themen lancieren. Wird BRUNO MANSER die Zuschauer erreichen?

Das hoffe ich. Aber Erfolg im Kino ist leider unberechenbar. Unser Eröffnungsfilm bekommt sehr viel Öffentlichkeit. Insofern setzen wir auch ein Zeichen für den Schweizer Film genauso wie für relevantes Unterhaltungskino.

Mutige Aktivisten und ihre Geschichten finden sich also auch in anderen Reihen?

Ja, mit WATSON von Lesley Chilcott kommt ein actionreicher Dokumentarfilm über den unermüdlichen Kämpfer Paul Watson ans ZFF. Auf eine sehr persönlichen Reise nimmt uns Oscarpreisträger Javier Bardem im Dokumentarfilm SANCTUARY mit, der seinen Kampf für den Schutz der Arktis dokumentiert. Und auch der Fokus-Wettbewerbsbeitrag SEA OF SHADOWS von Richard Ladkani ist eine aufrüttelnde Dokumentation über das „Kokain des Meeres», den Totoaba-Fisch.

Wie entsteht eigentlich das Programm?

Es dauert exakt gleich lang wie eine Schwangerschaft – 9 Monate. Wir beginnen im Januar mit einer umfassenden Recherche von mehreren Monaten. Dann beginnen bereits die Vorbereitung für die Festivals von Sundance und Berlin. Diese Festivals geben eine erste gute Übersicht und in der Regel spielen wir auch einige Titel aus beiden Festivals nach. An der Berlinale finden zudem viele Treffen mit Sales-Agents, Ländervertretungen und Produzenten statt. Und natürlich steht auch immer ein Treffen mit unseren Freunden José Luis und Lucia, den beiden Leitern des Filmfestivals San Sebastian Film Festival an, mit dem wir eine Kooperation haben. Wir tauschen uns aus und sammeln Informationen.

Was für Informationen?

Welche Filme fertig werden könnten, was gut ist, was nicht. Diese Beziehung hat unserem Festival enorm geholfen. Wir haben in den letzten Jahren nicht nur sehr gute Freunde gewonnen, sondern auch viele Filme bekommen und Kosten geteilt.

Wie viele Filme wurden gesichtet?

Unser Programmteam hat mehr als 2000 Filme gesichtet. Also mehr als 4000 Stunden Film!

Wie viele Reisen haben Sie dafür gemacht?

Neben Sundance und Berlin haben wir dieses Jahr noch die Festivals in Austin (South by South West), Cannes und Karlovy Vary besucht. Hinzu kamen Auswahl-Reisen nach München, Berlin, Wien, Paris, London, Los Angeles und New York.

Wie läuft eine Diskussion im Team ab?

Jeder Programmer trägt seine Favoriten auf einer Shortlist ein. Diese werden dann vom ganzen Team geschaut und dann wird über die Titel debattiert. Film ist ein sehr subjektives Erlebnis und es bedarf einer speziellen Gesprächskultur, um zu einem Ergebnis zu kommen. Am Ende gibt es eine „ZFF-DNA" und diese wollen wir treffen. Das ist kein einfacher Prozess.

THE REPORT

THE REPORT

Worauf achten Sie bei den Filmen – aufs Thema oder auf Handschrift?

Wir sind nicht die Macher der Filme, aber wir sind gute Zuhörer. Aus den vielen Filmen und unseren Diskussionen hat sich auch der zweite grosse Themenblock „Wahrheitssuche“ herauskristallisiert. Unsere Themenreihe #SpeakingTheTruth umfasst acht Filme, welche „Wahrheitssuche“ genauer beleuchten. Aber auch in der Gala-Reihe und im Wettbewerb gibt es Filme dazu wie zum Beispiel die Whistleblower-Thriller THE REPORT mit Adam Driver und Annette Benning oder OFFICIAL SECRETS mit Keira Knightley oder THE LAUNDROMAT von Steven Soderbergh. Und natürlich der Dokumentarfilm WHERE’S MY ROY COHN? von Matt Tyrnauer. Wenn man Trump verstehen will und auch die Geschichte von Fake News, dann muss man diesen Film sehen!

Welches sind aus Ihrer Sicht die Highlights?

Im Dokumentarfilmwettbewerb sind das zum Beispiel COLLECTIVE von Alexander Nanau oder SILENCE RADIO von Juliana Fanjul. Beide Filme verlangen vom Zuschauer einiges ab, aber man wird belohnt dafür. Im Spielfilmwettbewerb gibt es das bewegende Drama STITCHES von Miroslav Terzic aus Serbien. Eine Frau gegen den Staat. Ohnmacht, Korruption und die Absenz der vierten Gewalt sind Teil dieser Filme.

Was sind die grossen Entdeckungen im Spielfilmwettbewerb?

ROCKS von Sarah Gavron und SOUND OF METAL von Darius Marder hatten vor einigen Tagen ihre Weltpremieren in Toronto. Sie tauchen auf den Top-10-Listen der grossen Branchenpublikationen wie Variety, Screen oder Indiewire als die Entdeckungen der Herbstsaison auf. Der bekannte Kritiker Peter Bradshaw von Guardian schreibt sogar, dass ROCKS der beste Film am Toronto Film Festival überhaupt war! Es ist ein Werk voller Energie, Kreativität und roher Leidenschaft. Dann haben wir zwei sehr unterschiedliche iranische Filme im Wettbewerb. Ein knallharter Copthriller JUST 6.5, der im Iran zum grössten Box-Office-Hit avancierte, und das klassische Drama SON-MOTHER von Pesar-Modar, welche bereits mit Asghar Farhadi verglichen wird.

Wie wichtig sind Ihnen Weltpremieren?

Wir haben den Fokus nie auf den Premierenstatus gelegt. Vielmehr wollen wir relevantes Kino zeigen. Unser Publikum interessiert es nicht, ob ein Film schon mal an einem anderen Festival auf einem anderen Kontinent gezeigt wurde. Aber es will Kino sehen, welches unter die Haut geht.

Wenn man jetzt eher der Mainstream-Typ ist und sich mal in den Wettbewerb vorwagen möchte: Welche Titel empfehlen Sie zum Einstieg?

Da würde ich ihnen QUEEN OF HEARTS von May El-Tourkhy aus Dänemark empfehlen. Ein #metoo-Film der anderen Art. Hervorragend gespielt, sehr unterhaltsam und spannend.

 
Interview: Zoe Barnes


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