«Die Realität hat die Fiktion eingeholt» – Nicola Bellucci

04. April 2019

Mit der Weltpremiere von IL MANGIATORE DI PIETRE brachte der Filmemacher Nicola Bellucci einen Film ans ZFF, der mit verschiedenen Genre-Elementen spielt. Die politische Brisanz seiner Flüchtlingsthematik stellte sich erst im Nachhinein heraus, wie Bellucci im Interview am ZFF erklärt. Der Krimi startet heute in den Kinos der Deutschschweiz.

Darsteller Luigi Lo Cascio, Regisseur Nicola Bellucci und Darsteller Leonardo Nigro am ZFF 2018

Darsteller Luigi Lo Cascio, Regisseur Nicola Bellucci und Darsteller Leonardo Nigro am ZFF 2018 (v.l.n.r)

Nicola Bellucci hält es mit Jean Luc-Godard: «Man muss keine politischen Filme machen, sondern Filme politisch machen», so zitiert der schweizerisch-italienische Regisseur den Mitbegründer der Nouvelle Vague. Was Bellucci damit meint: Als er beschloss, Davide Longos Roman «Der Steingänger» («Il Mangiatore di Pietre») über einen Grenzschlepper im Piemont zu verfilmen, hatte er nicht die Absicht, auf der Welle der Flüchtlingsthematik zu reiten. «Ich wollte Genrekino machen», sagt er über den Film: «Krimi, Film Noir, Western ... Ich habe ganz verschiedene Elemente hineingepackt.» Natürlich sei ihm auch der politische Subtext wichtig gewesen, sagt Nicola Bellucci. Aber die politische Dringlichkeit, die habe der Film erst im Nachhinein entwickelt. Die Realität habe die Fiktion eingeholt.

Als er seinen Film drehte, sei die Flüchtlingsthematik in den Bergtälern im Piemont kein Thema gewesen, betont Bellucci: «Bis 2017 kamen kaum Migranten über diese Route.» Aber heute hätten sich die piemontesischen Berge zu «einer Art zweitem Lampedusa» entwickelt. Bellucci, der zuvor mit den Dokumentarfilmen IM GARTEN DER KLÄNGE und GROZNY BLUES von sich reden machte, spricht von den Flüchtlingen, die hier, auf dem Weg nach Nordeuropa ums Leben kamen, aber auch von den Schleusern, die bereits vor Jahrzehnten aktiv waren und ihre Tätigkeit jetzt wieder aufgenommen haben.

IL MANGIATORE DI PIETRE Filmszene

Szene aus IL MANGIATORE DI PIETRE

IL MANGIATORE DI PIETRE erzählt vom ehemaligen Grenzschlepper Cesare (Luigi Lo Cascio), der jahrelang zusammen mit seinem Patensohn Fausto Flüchtlinge von Italien über die Berge nach Frankreich brachte. Bis Fausto anfing, mit Drogen zu dealen. Jetzt ist er tot. Es war Mord, und Cesare gilt als der Hauptverdächtige. Während die Kommissarin aus Mailand (Ursina Lardi) ermittelt, stösst ein Junge (Vincenzo Crea) auf eine Gruppe von Flüchtlingen, die Fausto zurückgelassen hat. Der Junge ersucht Cesare, die Flüchtlinge über die Grenze zu bringen.

Er kenne die Auswanderungsproblematik aus eigener Hand, sagt Bellucci, der 1963 im italienischen Arezzo zur Welt kam, und Mitte der Neunzigerjahre nach Basel, zog. 2012, als er den Dokumentarfilm GROZNY BLUES über den Alltag im kriegsversehrten Tschetschenien drehte, drückte ihm ein italienischer Produzent das Buch von Davide Longo in die Hand. «Es hat mich sofort angesprochen», sagt Bellucci: «In Tschetschenien habe ich gesehen, wieso Menschen ihre Heimat verlassen. Inzwischen spricht man von Syrien, von Staaten in Afrika ... Wir können uns den Entwicklungen nicht verschliessen.»

Für ihn sei IL MANGIATORE DI PIETRE ein politischer Film, weil er davon handelt, dass in Zeiten wie diesen jeder eine ethische Haltung einnehmen müsse. «Für mich», sagt Nicola Bellucci, «ist IL MANGIATORE DI PIETRE eine Fortsetzung von ‹Grozny Blues› auf einer anderen Ebene.»


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