Dramatischer hat noch kaum eine Regiekarriere begonnen: Cihan Inan

31. Oktober 2018

Als Cihan Inan das erste Mal einen Film drehte, endete das in einer mittleren Katastrophe. 25 Jahre später legt der heutige Schauspielchef des Konzert Theater Bern mit «Zone Rouge» einen Spielfilm vor, der sich fragt, was das Vergehen der Zeit mit einem macht. Auf dem ZFF feierte das Kammerspiel seine Weltpremiere, jetzt kommt es in die Kinos.

Cihan Inan (Mitte) mit Cast und Crew bei der Premiere von ZONE ROUGE am ZFF 2018

Was war vor 25 Jahren? Das ist die Frage, die sich in «Zone Rouge» stellt: Fünf Freunde sitzen nach einem Klassentreffen zusammen und schauen zurück. Dabei tun sich Abgründe auf.

Die Idee zum Film hatte Cihan Inan, 49, als er zu seinem ersten Klassentreffen fuhr. «Das ist mir ziemlich eingefahren», sagt er. «Da kamen Sachen ans Licht, von denen ich als Gymnasiast keine Ahnung hatte.» Etwa habe ihm ein ehemaliger Mitschüler, der immer die schönsten Freundinnen hatte, gestanden, in ihn verliebt gewesen zu sein. «Der Film spielt mit der Frage der Wahrnehmung», erklärt Inan: «Es geht um das Vergehen der Zeit und darum, wie man Dinge unterschiedlich in Erinnerung hat.»

Was vor 25 Jahren war, ist auch eine Frage, um die man bei Cihan Inan nicht herumkommt. Inan war damals Mitte zwanzig und entdeckte seine Liebe zum Kino. Ein paar Jahre später hatte er seinen ersten Film gedreht – und war völlig am Ende. «Ich habe nur noch gedacht: ‹Wo ist die nächste Brücke?›», erinnert er sich. Was war passiert?

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Filmstill ZONE ROUGE

Der Berner mit türkischen Wurzeln studierte Philosophie und arbeitete als Operateur in einem Studiokino in Bern. Es kam vor, dass er sich einen Film vier mal am Tag anschaute: «Mich hat fasziniert, wie der Regisseur James L. Brooks es schafft, dass ich bei seinem Film ‹Terms of Endearment› jedes Mal losheule», sagt Inan. Dann winkte die Chance, Regieassistenz bei der Dürrenmatt-Verfilmung «Justiz» mit Maximilian Schell zu machen. Aber Inan konnte nicht Autofahren und bekam eine Absage. Also ging er zum Theater, «wo man nicht rumfahren muss, weil alles im Haus ist.»

Aber er kam vom Kino nicht los und verbiss sich in die Idee, Nick Caves Roman «And the Ass Saw the Angel» zu verfilmen. Er liess sich seine Pensionskasse ausbezahlen und kratzte private Gelder zusammen. «Ich hatte keine Ahnung, dass es so etwas wie eine Filmförderung gibt», sagt er.

Mit einer 50-Mann-Crew drehte er in der Türkei. Fünf Wochen war er im Latmosgebirge unterwegs, «ein Riesenaufwand». Endlich war der Film abgedreht, noch in der Türkei schnitt Cihan Inan den Trailer.

Der Trailer sollte das einzige sein, das von dem Film übrigblieb.

Es war Mitte November 2003, als Inan aus der Türkei abreiste. Von Istanbul aus wollte er zurück in die Schweiz fliegen. Dann explodierte eine Bombe, 500 Meter von Inans Hotel entfernt. Das erste Attentat im europäischen Raum nach dem 11. September. Flüge wurden gestrichen, Chaos. Schliesslich schaffte es Inan nach Freiburg, wo er wegen eines Theaterstücks, das er inszenieren sollte, dringend zu Gesprächen erwartet wurde. Als er am Bahnhof Freiburg auf den letzten Zug nach Zürich wartete, hatte er 36 Stunden lang nicht geschlafen. Am Gleis legte er sich auf eine Bank – und wie er Stunden später aufwachte, war nicht nur der Zug weg. Man hatte ihm das Gepäck gestohlen. Der Koffer, in dem auch das Filmmaterial gewesen war: geklaut. Kopie gab es keine. Das war der Moment, als Cihan Inan von der Brücke springen wollte.

Cihan Inan ZFF 2018

(Cihan Inan bei der Premiere von ZONE ROUGE am ZFF 2018)

Aber vielleicht taucht der Film ja wieder auf, dachte er. Was folgte, war der reinste Slapstick: «Hellseher aus Holland haben sich gemeldet», erinnert sich der Filmemacher. «Es gab ein Seminar zwischen holländischen und deutschen Wahrsagern, die sich dann zerstritten, weil jeder etwas anderes ‹gesehen› hatte.» Auch ein Mann, der mit seinem siebten Sinn Leichen bei Mordfällen gefunden haben wollte, meldete sich. Der Film jedoch blieb verschollen und nach drei Monaten machte Inan dem Spuk ein Ende. Er fing ein neues Drehbuch an.

«Habt ihr im Leben alles bekommen, was ihr wolltet?», fragen sich die ehemaligen Schulfreunde in «Zone Rouge», als sie nach dem Klassentreffen Bilanz ziehen. Bei den fünf Freunden kommen Versäumnisse ans Licht, alte Wunden werden aufgerissen, Inan dagegen wirkt im Reinen mit sich selbst. Mit der Vergangenheit und dem verlorenen Films hat er abgeschlossen. «Der Film wäre nicht gut geworden», sagt er nur und lächelt. Dann muss er los, zur Premiere seines neuen Films.

ZONE ROUGE läuft ab dem 1. November im Kino.


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