Das Drama mit dem Funkloch – THE GUILTY und LEAVE NO TRACE

23. Oktober 2018

Telefonterror der anderen Art: «The Guilty», der vielleicht beklemmendste Thriller des Jahres, spielt in einer Notrufzentrale. Im ergreifenden Drama «Leave No Trace» sind dagegen zwei auf der Flucht. Die zwei Wettbewerbsbeiträge des 14. ZFF sind aktuell im Kino zu sehen.

THE GUILTY

Die Vorgesetzte schimpft: «Keine Telefongespräche, das habe ich dir schon mal gesagt!» Asger (Jakob Cedergren) legt das Handy weg. «Ich dachte, es wäre ein Notfall.» Der Witz ist: Um Asger herum klingelt es unablässig, sein Job ist Telefonieren. Der Mann sitzt in der Notrufzentrale der dänischen Polizei. Es ist eine Strafaufgabe. Eigentlich sollte er auf Verbrecherjagd sein, doch beim letzten Einsatz traf er einen fatalen Fehlentscheid, und ist bis zur Anhörung Asger zum Telefondienst verdonnert. Der Schreibtischjob, stellt sich heraus, kann auch richtig nervenaufreibend sein.

Asger hat schon fast Feierabend, da ruft eine Frau (Stimme: Jessica Dinnage) in der Zentrale an. Sie redet wirr, die Verbindung bricht ab. Aber der Ermittler schaltet schnell: Die Frau wurde offensichtlich entführt. Aus den Bruchstücken, die er an Informationen hat, versucht Asger, ihren Aufenthaltsort ausfindig zu machen. Bald erkennt er, dass er einem noch viel grösseren Verbrechen auf der Spur ist.

Nervenkrieg in der Notrufzentrale

Der Däne Gustav Möller, Jahrgang 1988, legt mit «The Guilty» ein fulminantes Debüt vor. Sein Kniff: Der Thriller spielt nur am Telefon, die Kamera verlässt die Einsatzzentrale kein 
einziges Mal. Allein über die Sprechgarnitur seines Schreibtischhelden 
baut Möller die Spannung auf, das ist 
verblüffend effektiv, die telefonische
 Ermittlungsarbeit reisst mit. Trotzdem
 bleibt «The Guilty» kein Hörspiel: Herausragend ist, wie Möller auf engstem
 Raum das Bild gestaltet. Die Kamera
 kringelt sich wie ein Telefonkabel um 
den Schauspieler Jakob Cedergren
 («Submarino»), der anderthalb Stunden lang ununterbrochen in Nah- und 
Grossaufnahme zu sehen ist. Es ist 
auch seine beeindruckende One-Man-Show, die «The Guilty» zum vielleicht
 beklemmendsten Film des Jahres – und dänischen Oscar-Beitrag – macht.

LEAVE NO TRACE

Zwei Konsumverweigerer auf der Flucht

Nach dem Telefonterror das Funkloch: Will (Ben Foster) besitzt kein Handy, wahrscheinlich hätte er auch gar keinen Empfang. Er lebt im Wald. Es ist ein Nationalpark nahe Portland, Oregon, wo Will für sich und seine 13-jährige Tochter Tom (stark: Thomasin McKenzie) ein Zelt aufgeschlagen hat. Hier, inmitten von 2000 Hektar Forst, versuchen die zwei, der Zivilisation zu entkommen. Gegessen wird, was aus dem Boden wächst, nur selten machen Vater und Tochter Besorgungen
in der Stadt. Sie verweigern sich dem
Konsum. Dahinter steckt nicht nur
Ideologie: Wills Weltflucht sitzt tiefer.
Der Mann ist ein psychisches Wrack, nachts schreckt er aus Alpräumen hoch. Offensichtlich verfolgt ihn ein Kriegstrauma.

Hinterhof des amerikanischen Traums

Debra Granik gehört zu den profiliertesten Regisseurinnen des US-amerikanischen Gegenwartskinos. Auf sich aufmerksam gemacht hat sie mit «Winter’s Bone» (2010), jener Film, der die Karriere Jennifer Lawrences lancierte. Schon da bewies Graniks aussergewöhnliches Gespür für das Amerika jenseits der Städte, für Geschichten aus dem Hinterhof des amerikanischen Traums.

Thomasin McKenzie in LEAVE NO TRACE

«Leave No Trace», ihr neuer Film, ist ein ergreifendes Aussteigerdrama, das keinen ausgetretenen Pfaden folgt: Will und Tom haben sich aus der Gesellschaft ausgeklinkt, an das uramerikanische Erfolgsversprechen glauben diese Leute nicht, nein, es interessiert sie nicht einmal. Abseits der Zivilisation haben sie sich ihre eigene Wirklichkeit geschaffen. Aber man lässt ihnen ihr Glück nicht. Die Polizei spürt die beiden im Wald auf, Sozialarbeiter bemühen sich, sie wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Zwischen vier Wänden fühlen sich die Backpacker aber in die Enge getrieben. Gleichzeitig wird die Beziehung zwischen Vater und Tochter auf die Probe gestellt. Tom entdeckt langsam die Errungenschaften der Zivilisation: Als das Mädchen eines Abends wegbleibt, macht sich Will Sorgen. Sie habe ihm ja nicht Bescheid geben können, verteidigt sich Tom später. «Dad», sagt sie: «Wir brauchen ein Telefon.»

Von Andreas Scheiner


THE GUILTY

Kinostart D-CH: 18. Oktober 2018

LEAVE NO TRACE

Kinostart D-CH: 11. Oktober 2018


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