Der starke Blick der Frauen

29. September 2018

Man hat lange nichts Ergreifenderes gesehen als «Capernaum» der Libanesin Nadine Labaki und «Lazzaro Felice» von Alice Rohrwacher, eine italienisch-schweizerische Koproduktion. Nicht nur die beiden Regisseurinnen ragen heraus.

Alice Rohrwacher

Wie verzweifelt muss man sein? «Capernaum» ist die Geschichte des
 jungen Zain (Zain Alrafeea), der sich 
wünscht, nie geboren worden zu sein.
 Zain ist zwölf, zumindest schätzt ihn
 ein Arzt auf dieses Alter. Geburtsurkunde gibt es keine. Der papierlose 
Junge, der noch kaum ein Teenager 
ist, wird dem Richter vorgeführt. Er
 sitzt in Jugendhaft, verurteilt zu fünf
 Jahren, weil er mit dem Messer auf jemanden losgegangen ist, «einen Hurensohn», wie Zain vor Gericht präzisiert.

Aber das war früher, jetzt steht Zain nicht als Angeklagter, sondern als Kläger vor dem Kadi: «Weshalb bist du hier?», fragt ihn der Richter. «Ich möchte meine Eltern verklagen», antwortet Zain. «Und weshalb möchtest du deine Eltern verklagen?» Unbewegt schaut Zain dem Vorsitzenden ins Gesicht und sagt: «Weil ich geboren wurde.»

Filmstill aus CAPERNAUM

In ein Elend wurde Zain hineingeboren. Dahin blendet der Film der Libanesin Nadine Labaki («Caramel») über die kommenden zwei Stunden zurück. Zain lebt mit seinen Eltern und zahlreichen kleinen Geschwistern in einer vergammelten, viel zu kleinen Wohnung in Beirut. Aber nicht einmal dieses Loch können sich die Eltern leisten. Deshalb verheiraten sie Zains elfjährige Schwester mit dem Sohn des Vermieters. Zain ist ausser sich und macht sich davon. Er klaut ein paar Packungen Fertignudeln, setzt sich in einen Bus und landet in einem abgewrackten Vergnügungspark. Dort trifft er auf eine junge Geflüchtete aus Äthiopien (Yordanos Shiferaw), die als Klofrau arbeitet, während sie ihr Baby vor dem Arbeitgeber versteckt. Die zwei vom Leben gezeichneten tun sich zusammen, Zain übernimmt das Babysitten. Aber dann wird die Äthiopierin verhaftet, und er bleibt allein mit dem Kind zurück. Aufopfernd kümmert sich der Junge um das Baby. In einer Welt, wie sie grausamer gar nicht sein könnte, hat sich Zain seine Menschlichkeit bewahrt. Er verkörpert das Gute.

Filmstill aus LAZZARO FELICE 

Genauso wie Lazzaro: Der Titelheld aus dem Film von Alice Rohrwacher («Le meraviglie») ist ein junger, treuherziger Bauer mit nachtschwarzen Locken (Adriano Tardiolo), der immer zur Stelle ist, wenn es etwas zu tragen gibt. Unermüdlich packt Lazzaro mit an und folgt den Befehlen der anderen Landarbeiter. Sie stehen im Dienste einer selbsternannten Zigarettenkönigin (Nicoletta Braschi), die über eine abgeschiedene Tabakplantage herrscht und ihren Untergebenen auch noch die paar Masthähne, die der Wolf geholt hat, in Rechnung stellt. Dann trifft Lazzaro auf Tancredi (Luca Chikovani), den rebellischen Sohn der Zigarettenkönigin. Zwischen dem Adelsspross und dem stillen Arbeiter, der zuunterst in der Ausbeutungskette steht, erwächst eine Freundschaft.

Filmstill aus TELL IT TO THE BEES 

Von Frauen, über Frauen

Der Film aus der Reihe "Neue Welt Sicht", die dieses Jahr das aufstrebende italienische Filmschaffen feiert, entwickelt sich zum zauberhaften, poetisch-realistischen Märchen. In körnig-leuchtenden Bildern im Super-16-Format entwirft Rohrwacher gleichsam ein eindringliches politisches Manifest, das an die Menschenwürde appelliert. Da treffen sich die junge Italienerin und Libanons Nadine Labaki: In seiner Darstellung des sozialen Elends ist «Capernaum», der für Libanon ins Oscar-Rennen geht, unerbittlich, doch fängt die Kamera auch hier Szenen magischer Schönheit ein, um ein Sozialdrama zu erzählen, das für mehr Mitgefühl in einer kalten Welt plädiert.

Filmstill aus THE TALE

Rohrwacher und Labaki sind nicht die einzigen Filmemacherinnen, die sich hervortun. Das ZFF zeigt ausnehmend viele Arbeiten von Regisseurinnen, wobei in den Geschichten häufig auch die Schicksale starker Frauen verhandelt werden. Stellvertretend dafür stehen die Filme von Jennifer Fox und Annabel Jankel. Jankel erzählt in «Tell It to the Bees» von zwei Frauen, die im konservativen Schottland der Fünfzigerjahre für ihre Liebe kämpften. Und Jennifer Fox arbeitet in ihrem hochgelobten Spielfilmdebüt «The Tale» die eigene Missbrauchserfahrung auf, die sie als Teenager als Affäre mit einem erwachsenen Mann wahrnahm.

Von Andreas Scheiner


zurück