«Manche finden den Film wahnsinnig lustig, anderen geht er an die Nieren» – Hafsteinn Gunnar Sigurðsson

14. Juni 2018

Nein, Stress mit seinen Nachbarn habe er eigentlich nie, sagt Hafsteinn Gunnar Sigurðsson und lacht: «Ich denke, ich bin ein ziemlich guter Nachbar.» Von den Protagonisten seines Films UNDER THE TREE kann man das nicht behaupten. In der schwarzen Komödie lässt der isländische Regisseur wildgewordene Anrainer aufeinander los. Zankapfel ist ein Baum, der seinen Schatten aufs Nachbargrundstück wirft. Der Film läuft ab heute im Kino.

Hafsteinn Gunnar Sigurðsson (Foto: Getty)

Der Film, sagt Sigurðsson nach der Premiere am ZFF, sei natürlich Fiktion – «aber er ist von wahren Begebenheiten inspiriert.» In Island gebe es viele berühmte Fälle von Nachbarschaftsquerelen, die eskalierten, und auffällig oft sei der Streitgrund ein Baum. «Bäume sind rar bei uns», erklärt der Regisseur: «Es gibt schlichtweg nicht so viele in Island, und wer einen guten Baum besitzt, entwickelt deshalb oft eine emotionale Bindung zu ihm.» Und weil gleichzeitig die Sommer sehr kurz sind und sich die Sonne nicht allzu oft zeigt, berge jeder Schattenwurf grosses Konfliktpotential. Sigurðsson schüttelt amüsiert den Kopf: «Die Leute drehen durch, und am Schluss sieht man sich vor Gericht wieder.»

Szene aus UNDER THE TREE

Im Film schraubt Sigurðsson die Eskalationsspirale immer weiter hoch, und was als Slapstick beginnt, entwickelt sich zum blutigen Vorstadthorror. Mit der Mischung aus absurdem Humor und eruptiver Gewalt geht Sigurðsson ziemlich weit – zu weit? Bei einer Vorführung auf dem Filmfestival in Venedig, erinnert sich Sigurðsson, beschimpfte jemand im Publikum die anderen Zuschauer, weil sich diese so gut unterhielten. Der Regisseur zuckt mit den Schultern: «Es ist interessant zu sehen, wie die Leute reagieren. Manche finden den Film wahnsinnig lustig, anderen geht er an die Nieren.»

Szene aus UNDER THE TREE

Der Erfolg gibt Sigurðsson recht: Der Film machte die Runde auf den grossen Festivals. Und in den isländischen Kinos war er ein Hit. Sigurðsson staunt: «Die Ticketverkäufe waren sensationell, zehn Prozent der Bevölkerung hat den Film schon gesehen! Und das in nicht einmal einem Monat.»

Fehlt nur noch, dass Hollywood ein Remake in Auftrag gibt: Das ist Sigurðsson schon einmal passiert, mit seinem Debut, «Either Way», das der Amerikaner David Gordon Green als «Prince Avalanche» mit Paul Rudd in der Hauptrolle neu verfilmte. Sigurðsson, der in New York Regie studiert hat, könnte sich aber auch vorstellen, selber in die USA zu gehen und da Filme zu machen. Vielleicht kann man sich in Hollywood also bald auf einen neuen, guten Nachbarn freuen.

  
> Info & Trailer UNDER THE TREE


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