Aus der ‹Generation No Future› zur Filmemacherin: Laura Mora und ihr Debutfilm MATAR A JESÚS

15. März 2018

Ihr Vater wurde auf offener Strasse erschossen. Die junge kolumbianische Regisseurin Laura Mora verarbeitete das traumatische Erlebnis im aufwühlenden Drama MATAR A JESÚS (KILLING JESUS). Nach der Vorführung am ZFF vergangenes Jahr erzählte sie uns von dem Traum, den sie eines Nachts hatte und der sie nicht mehr losliess.

Laura Mora am ZFF 2017

Sie verlernte nie das Träumen. Laura Mora kam Anfang der Achtzigerjahre in Medellín, Kolumbien zur Welt, der damals wohl gefährlichsten, gewalttätigsten Stadt überhaupt. Das Kartell von Pablo Escobar regierte den Alltag mit unvorstellbarer Brutalität. «Man nannte uns die ‹Generation No Future›», sagt Mora: «Viele meiner Freunde planten nie über den Tag hinaus. Man wusste nicht, ob es überhaupt ein Morgen gäbe.» Aber Moras Familie war anders: «Uns Kindern wurden eingeimpft, wie wichtig es ist, Ziele zu haben, zu träumen. Und für diese Träume zu kämpfen.»

Laura Moras Traum war es, Filmemacherin zu werden. Schon als 15-jähriger Teenager, erinnert sie sich, habe sie in der Schule Theaterstücke inszeniert, sich für Musik interessiert, für Literatur, Malerei, und sich irgendwann gefragt: «Wie bringe ich meine Interessen alle unter einen Hut? Die Antwort: beim Film!» Am Anfang habe man sie schief angeschaut: «Eine junge Frau in Medellín, die Filme machen will?» Mora lacht: «Die Leute dachten: Sie wird darüber hinwegkommen.»

Nach der Schule bewarb sich Laura Mora für die einzige Film-Uni in Kolumbien. Sie bewarb sich nicht ein Mal, nicht zwei Mal, sondern drei Mal. Ohne Erfolg. Da ging sie nach Barcelona, besuchte dort ein Jahr lang eine Filmschule, zog dann zurück nach Kolumbien – und war kaum wieder in der Stadt, als ihr Vater, ein liberaler Anwalt und Lehrer, ermordet wurde, im Auto auf offener Strasse erschossen.

Regisseurin Laura Mora, Hauptdarstellerin Natasha Jaramillo und Produzentin Maja Zimmermann

Regisseurin Laura Mora, Hauptdarstellerin Natasha Jaramillo und Produzentin Maja Zimmermann (v.l.n.r.)

Laura Mora, Anfang zwanzig, machte sich nach Australien davon, versuchte dort, mit dem Schicksalsschlag fertig zu werden. In Melbourne beendete sie ihre Ausbildung zur Regisseurin, doch mit der Vergangenheit wurde sie nicht fertig. Sie wollte über das Geschehene schreiben, aber sie war blockiert. «Früher fiel mir das Schreiben nie schwer», sagt sie, «aber jetzt war ich an einem Punkt, da ging gar nichts mehr. Ich war total frustriert.» Zwei Jahre lang brachte sie kaum etwas zu Papier. Dann, eines Nachts, hatte Laura Mora einen Traum:

«Ich sitze auf einem Hügel über Medellín und schaue hinunter auf die Stadt. Neben mir sitzt ein junger Mann, wir rauchen. Plötzlich sagt der junge Mann zu mir: ‹Mein Name ist Jesus.› Ich frage ihn, wie alt er sei. Er sagt: ‹Ich bin 23 Jahre alt und ich bin derjenige, der deinen Vater umgebracht hat.›»

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Szene aus MATAR A JESÚS

Am nächsten Morgen wachte Mora auf und fing sofort an zu schreiben. Wie der Teufel, sagt sie, habe sie geschrieben. «Es entstand eine endlose Konversation zwischen mir und diesem imaginären Mörder meines Vaters.» «Conversations with Jesus» nannte sie die Aufzeichnungen. Aber noch zweifelte Mora, ob daraus ein Film entstehen «durfte», sie fragte sich: «Ist es okay, auf diese Art und Weise mit der Tragödie umzugehen? Ist das nicht unverantwortlich? Und möchte ich mich und meine Familie wirklich derart exponieren?» Erst der Drehbuchautor Alonso Torres (TODOS TUS MUERTOS) half ihr, die Zweifel zu bezwingen, indem er sich Moras als Co-Autor annahm und der Geschichte einen fiktionalen Dreh gab, der Mora half, den nötigen Abstand zu gewinnen.

In MATAR A JESÚS ist es nun die 22-jährige Paula (Natasha Jaramillo), die hautnah dabei ist, als ihr Vater von zwei vorbeifahrenden Motorradfahrern erschossen wird. Sie kann einen der «Sicarios» erkennen, trotzdem verlaufen sich die Ermittlungen der Polizei bald. Dann, eines Tages, trifft Paula in der Disco den jungen Jesús (Giovanny Rodríguez) und erkennt in ihm den Mörder ihres Vaters wieder. Sie will sich an Jesús rächen, nähert sich ihm aber unweigerlich an.
 


MATAR A JESÚS wurde im Internationalen Spielfilmwettbewerb am 13. ZFF gezeigt und läuft ab heute im Kino.
 


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