«Meine Kamera ist wie ein Röntgenapparat» – Luca Guadagnino über CALL ME BY YOUR NAME

01. März 2018

Eigentlich hatte sich der italienische Filmemacher Luca Guadagnino überlegt, sich zur Ruhe zu setzen. Mit seiner Romanverfilmung CALL ME BY YOUR NAME räumt er nun zahlreiche Preise ab und ist mit vier Nominerungen – darunter "Bester Film" – im Rennen für die Oscars 2018. Am 13. ZFF sprach der Regisseur über sein Verständnis von Schauspielerei und wie Alfred Hitchcock das Queer Cinema geprägt hat.

Luca Guadagnino (Foto: Anoush Abrar)

Sig. Guadagnino, einfacher Einstieg: Warum drehen Sie Filme?

Luca Guadagnino: Also, ein einfacher Einstieg ist das ganz bestimmt nicht, im Gegenteil, das ist eine wirklich schwierige Frage, eine Frage, vor der es mir richtig graut ...

Sie scherzen.

Überhaupt nicht. Ich könnte die Frage ins Lustige ziehen und zum Beispiel sagen, dass ich Filme drehe, um reich zu werden. Oder ich antworte sehr korrekt: «Ich drehe Filme, weil ich das Kino liebe, weil ich die Arbeit so gerne mag ...» Aber wenn ich ganz ehrlich bin: Es ist eine absolut existentielle Frage, die es verdient, dass ich etwas tiefer bohre.

Bitte.

Sie erwischen mich in einem Moment in meiner Karriere, in dem ich erwäge, mich zurückzuziehen.

... ?

Ich ziehe es in Betracht, in den Ruhestand zu treten.

Jetzt machen Sie aber doch Witze!

Nein. Das Filmemachen fällt mir nicht leicht, glauben Sie mir. Die Arbeit zehrt an mir. Immer öfter ertappe ich mich dabei, wie ich mich einfach nur nach Ruhe sehne. Guadagnino hält inne und starrt auf sein Vitello tonnato. Vermutlich mache ich aber trotzdem weiter.

Szene aus CALL ME BY YOUR NAME

Das wollen wir doch schwer hoffen.

Was mich reizt, ist die Herausforderung, neue Formen zu finden fürs Kino, neue Gestaltungsmöglichkeiten. Ja, das ist es, was mich antreibt und darüber hinwegtröstet, dass ich nicht mehr meinen früheren Enthusiasmus habe für den eigentlichen Prozess des Filmemachens.

Aber wieso kommen Ihnen diese negativen Gedanken gerade jetzt? CALL ME BY YOUR NAME wird gefeiert, Sie sind auf dem Höhepunkt Ihres Schaffens!

(Lacht auf.) Schauen Sie sich die Geschichte des Kinos an. Im Rückblick sieht man oft, wie ein Künstler an einem Tag in seiner vollen Blüte stand und der nächste Morgen markierte dann den Anfang einer Katastrophe ... Nein, auf die öffentliche Meinung sollte man sich nichts einbilden. Ich rüste mich immer dafür, dass die Dinge vergänglich sind. Man darf bloss nie den Fehler begehen, zu glauben, etwas habe Bestand.

Sie haben jedenfalls zwei vielversprechende Projekte in der Pipeline, eines ist ein Remake von Dario Argentos SUSPIRIA, für das andere konnten Sie die Superstars Benedict Cumberbatch und Jake Gyllenhaal gewinnen. Noch einmal: Die Aussichten sind gut!

Ich will ja gar nicht so negativ wirken und unser Gespräch in ein trübes Licht rücken. Ich sage nur: Die Dinge sind immer in Bewegung ... Aber sagen Sie, würden Sie vielleicht ein Dessert mit mir essen? Guadagnino liest die Dessertkarte vor, es gibt Tiramisu, Crème brûlée ... Alles ein bisschen schwer, oder? Wir bestellen zwei Portionen Mango, es geht leichter weiter.

Luca Guadagnino am 13. ZFF 2017

Letztes Jahr machte das Drama MOONLIGHT von sich reden, davor CAROL, jetzt CALL ME BY YOUR NAME: Ist das Queer Cinema im Hoch?

Der beste «queere» Film ist immer noch VERTIGO von Alfred Hitchcock!

Das müssen Sie erklären.

Mein Verständnis von queer ist, dass es um Identitätsfindung geht. Um ein Gefühl des totalen Fremdseins bei gleichzeitiger uneingeschränkter Offenheit dem Fremden gegenüber. Für mich beschränkt sich das Queer Cinema damit nicht nur auf Filme mit gleichgeschlechtlicher Liebe. Hitchcock hat den Kanon des Queer Cinema mit seinen Filmen wie kaum ein zweiter geprägt. Denken sie nur an THE BIRDS. Ich könnte Stunden damit zubringen, THE BIRDS durch die queere Brille zu analysieren. Slavoj Žižek hat über Gendertheorie und THE BIRDS einen herausragenden Essay geschrieben, den müssen Sie lesen. Hitchcock war ja sowas von queer!

Er hat aber nie etwas gesagt zu solchen Lesarten ...

Natürlich nicht. Ein Filmemacher sollte nie über die eigenen Filme sprechen. Ich schäme mich, dass ich mich manchmal dazu verleiten lasse. Es gibt nichts Langweiligeres, als einem Regisseur dabei zuzuhören, wie er über die eigene Arbeit spricht. Kubrick hat das auch nie gemacht. Gute Filme entstehen aus dem Unterbewusstsein, sie sind nicht Ausdruck des Regisseur-Egos. Die grössten Meisterwerke sind «Acte manqués», eine Art Freudsche Versprecher. Die Intention des Filmemachers tritt in ihnen nur unwillkürlich zutage.

Szene aus CALL ME BY YOUR NAME

Und was erwarten Sie von einem Schauspieler?

Das er sich ergibt.

Wem, dem Regisseur?

Dem Film. Und dem Regisseur, ja.

Der Schauspieler soll gefügig sein?

Nein, das meine ich damit nicht. Ich spreche davon, dass sich der Schauspieler emotional ergeben soll. Die Kamera soll durch ihn hindurchschauen können auf die Figur. Meine Kamera ist wie ein Röntgenapparat. Mich interessiert nicht, wie gut ein Schauspieler spielt, gute Schauspieler langweilen mich entsetzlich. Auf der Leinwand will ich nicht einen Schauspieler sehen, sondern einen Menschen. Wonach ich suche, sind Darsteller, die ihre Masken und Egos ablegen und den Blick auf die Figuren freigeben.

Wie wissen Sie, ob ein Schauspieler dazu in der Lage ist?

Indem ich seine Arbeit studiere. Da bin ich unermüdlich.

Aber wie kommen Sie, zum Beispiel, auf einen Armie Hammer, der sich bis jetzt nicht unbedingt als Charakterschauspieler hervorgetan hat?

Er war immer ein ausgezeichneter Schauspieler. In J. EDGAR fand ich ihn ausgezeichnet, auch in THE SOCIAL NETWORK, in THE LONE RANGER ... Immer ausgezeichnet.

Es heisst, CALL ME BY YOUR NAME sei Ihr persönlichster Film.

Jeder Film ist persönlich.

Wäre es unangebracht, vom Film auf Ihr Leben zu schliessen?

Ich bin ganz anders aufgewachsen als die Hauptfigur. Aber der Film ist insofern persönlich, als er mir erlaubte, filmisch eine Landschaft zu erkunden, deren Bilder es in meinem Kopf schon gab, evoziert durch Filmemacher wie Éric Rohmer, Maurice Pialat, Jacques Rivette, Bernardo Bertolucci und, über allen, Jean Renoir.

CALL ME BY YOUR NAME ist kein Problemfilm. Es wird eine Liebesgeschichte zwischen zwei Männern erzählt, ohne dass daraus ein grosses gesellschaftliches Drama wird. Das ist erfrischend!

Von der Band Prefab Sprout gibt es einen tollen Song, «All the world loves lovers». Alle Welt liebt die Liebenden. Das ist mein Film.

Wer inspiriert Sie?

Mein Partner, seit neun Jahren. Er ist selber ein toller Regisseur und ich sage immer, dass ich gerne in den Ruhestand treten würde und er doch bitte die Brötchen nach Hause bringen solle.
 

Interview: Andreas Scheiner für ZFF


CALL ME BY YOUR NAME läuft ab dem 1. März in den Kinos der Deutschschweiz.

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