THE SQUARE-Regisseur Ruben Östlund über das Affentheater in der Kunstwelt

24. Oktober 2017

Mit seiner Kunstsatire THE SQUARE gewann Ruben Östlund die Goldene Palme in Cannes. Als er den Film am ZFF präsentierte, haben wir den Schweden zum Interview getroffen. Ein Gespräch über das Affentheater in der Kunstwelt – und über einen Affen auf dem Filmset.

Ruben Östlund (Foto: Lukas Maeder)

Herr Östlund, was ist das Lustigste an der Kunstwelt?

Ruben Östlund: (Lacht.) Lassen Sie mich überlegen ... Ich kann Ihnen sagen, was ich das Verstörendste finde: Viele Kunstschaffende können mit Kritik nicht umgehen, und reagieren reflexartig mit dem Schlagwort «Rechtspopulismus!» Ein Künstler in Schweden warf meinem Film vor, sich einer Trump-Rhetorik zu bedienen. Da denke ich dann: «Schaut euch doch mal im Spiegel an! Findet ihr nicht, dass ihr manchmal ein bisschen dämlich und bequem seid?» Die ganze Zeit beruft man sich auf Duchamp...

...der vor hundert Jahren ein hanebüchenes Pissoir in einer Ausstellung präsentierte...

Damals war das provokativ, aber mir scheint, die Kunstwelt ist mittlerweile gefangen in dieser Masche. Man geht in ein Museum und sieht gestapelte Autoreifen, oder was auch immer, es provoziert jedenfalls keinen sinnvollen Gedanken beim Betrachter. Denn ausserhalb der Museumsräumlichkeiten machen diese Gegenstände über ihre Funktion hinaus nichts her, dementsprechend trivial ist ihr Effekt im Museum. Die Kunstwelt, finde ich, ist repetitiv geworden und hat ein Stück weit den Kontakt zur Aussenwelt verloren.

Szene aus THE SQUARE

THE SQUARE ist aber auch ein Kunstwerk, richtig?

Es gibt den «Square», das stimmt. Die Idee dazu hatte ich, als ich an meinem Spielfilm «Play» arbeitete, der von einer wahren Begebenheit inspiriert war. Es ging um Jugendliche, die andere Jugendliche ausraubten. Die Überfälle fanden in einem grossen Einkaufszentrum statt und nur ganz selten griff jemand ein, um sich den Tätern entgegenzustellen. Da zeigte sich der sogenannte «Bystander-Effekt»...

...die Augenzeugen kümmern sich je weniger, desto mehr Leute vor Ort sind.

Genau, und die jugendlichen Opfer riefen überdies auch kaum um Hilfe. Es war, als wären die Erwachsenenwelt und die Welt der Jugendlichen komplett voneinander getrennt. Mein Vater erzählte mir, dass seine Eltern ihm als Sechsjährigen einen Adressanhänger um den Hals gebunden hatten und zum Spielen auf die Strasse schickten. Damals dachte man: Wenn etwas passiert, werden andere Erwachsene dem Kind helfen. Heute nimmt man andere Erwachsene eher als Gefahr für die eigenen Kinder wahr. Jedenfalls, mein Freund und ich kamen auf die Idee, einen symbolischen Ort namens «The Square» zu kreieren. Der Grundgedanke: Wenn sich jemand in den «Square» stellt, ist es unsere Verpflichtung, dieser Person zu helfen.

Szene aus THE SQUARE

Es ist also nicht eine Kunstinstallation im eigentlichen Sinne, sondern...

...eher so etwas wie ein Fussgängerstreifen, nur, dass es nicht darum geht, dass sich Autofahrer verpflichten, auf die Fussgänger zu achten. Vielmehr ist der «Square» eine Art Verkehrszeichen, das uns an unsere gegenseitige Verantwortung erinnert.

Hat es funktioniert?

Wir haben den «Square» in vier Städten umgesetzt, zwei in Schweden, zwei in Norwegen. In Schweden, in Värnamo, wo wir den ersten «Square» erstellt haben, entstand daraus eine eigentliche Bewegung. Im April war ich bei der Feier zum zweiten Geburtstag des «Square», es gab Live-Musik und Seminare. Aber es funktioniert auch ganz konkret: Als der Staat einer Gruppe von behinderten Menschen die Sozialleistungen strich, versammelten sich diese Menschen im «Square» und demonstrierten. Zeitungen kamen und berichteten. Auch Manifestationen gegen Gewalt gab es im «Square». Aber es braucht natürlich Zeit. Auch damit der Fussgängerstreifen funktioniert, brauchte es zunächst viel Überzeugungsarbeit. Es ist nicht so leicht, eine Gesellschaft auf eine Regel einzuschwören.

Wieso machen Sie eigentlich Filme?

Aus Liebe zum bewegten Bild. Ich bin kein Cineast, kein Filmverrückter, Kinogeschichte hat mich früher fast gar nicht interessiert. Es war ganz einfach die Videokamera, die mich zum Film gebracht hat. Ich habe mit Ski-Filmen angefangen, war ein Ski-Fanatiker. Irgendwann verlor ich das Interesse am Skifahren und schrieb mich auf einer Filmschule ein. Ich machte mich daran, mein Thema zu suchen und ich fand es im menschlichen Verhalten.

Kommen Sie aus einem kunstaffinen Elternhaus?

Meine Eltern waren beide Lehrer, jedoch malte meine Mutter gerne und mein Vater versuchte sich als Fotograf. Eine Grossmutter war ausserdem Opernsängerin. Ich komme also aus einem akademischen Haus mit künstlerischer Ader.

Ruben Östlund und Schimpansin 'Tippy'

Drehbuchautor und Regisseur Aaron Sorkin, der auch zu Gast am ZFF war, erzählte uns, wie er mit David Fincher an «The Social Network» arbeitete. Anscheinend dreht Fincher gerne bis zu hundert Wiederholungen von einzelnen Szenen. Herr Östlund, sind Sie Schwedens Antwort auf David Fincher?

(Lacht.) Es stimmt, ich drehe auch immer sehr viele Takes. Vermutlich gibt es aber einen Unterschied: Ich habe gehört, Fincher dreht sogar hundert Wiederholungen, wie jemand einen Schlüssel auf eine Ablage legt ... Bei mir ist es so, dass meine Bildausschnitte in der Regel recht gross sind, die Kamera wird fix positioniert, und alles spielt sich dann organisch vor der Kamera ab, ohne dass ich dazwischengrätsche. Deshalb macht es Sinn, viele Einstellungen zu drehen, es entsteht so auch eine besondere Energie auf dem Set.

Und wie war es, mit einem Affen zu arbeiten?

Toll! Aber es gab viele Einschränkungen. Wir durften zum Beispiel nicht lachen. Auch durften wir ihr – sie hiess Tippy – nicht in die Augen schauen. Sie befolgte jedoch immer sehr genau meine Anweisungen.

Wie oft haben Sie Tippy ihre Szenen wiederholen lassen?

Nicht soo oft, vielleicht fünfzehn mal pro Einstellung. Man durfte Tippy nicht langweilen, sonst hätte sie sich verabschiedet.


THE SQUARE läuft ab dem 26. Oktober im Kino.


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