#spotlight: MENASHE – Blick in eine geschlossene Gesellschaft

19. Oktober 2017

Wie dreht man einen Film in der verschlossenen Gemeinschaft ultraorthodoxer Juden? Alex Lipschultz, Produzent und Drehbuchautor von MENASHE, verriet es uns bei seinem Besuch am ZFF, wo sein Film im Internationalen Spielfilmwettbewerb lief. Und er sagt: Es war ein bisschen meschugge.

Kinostart: 19. Oktober.

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MENASHE (© Yoni Brook)

MENASHE ist nicht nur ein Publikumshit, auch die Kritiker zeigten sich begeistert von dem Drama über einen chassidischen Juden, der in Brooklyn um das Sorgerecht für seinen Sohn kämpft. 96 Prozent der Rezensionen fielen positiv aus, rechnet die Website «Rotten Tomatoes» vor. Und ein Mann, der die Kritiken vermutlich ganz genau studierte, ist Alex Lipschultz. Nicht nur, weil er den Film produzierte und am Drehbuch mitschrieb. Sondern auch, weil er einst selber Filmkritiker werden wollte. Lipschultz, Mitte dreissig, kommt aus Chicago und las in jungen Jahren fleissig die Kinotipps von Roger Ebert in der «Chicago Sun-Times».

Ebert, der damals wahrscheinlich bedeutendste Filmkritiker der USA, sei ihm eine grosse Inspiration gewesen, erzählt Lipschultz, als wir ihn nach der MENASHE-Premiere auf dem ZFF zum Interview treffen. Dank des Kritikers war Lipschultz früh auf den Filmgeschmack gekommen. Als sie im Französischunterricht etwas von Truffaut schauten, war der junge Alex hin und weg von dem Film. Später, an der Boston University, studierte er Regie, belegte aber auch Schreibkurse und wollte nach dem Abschluss als Kritiker loslegen. Doch kaum machte er sich daran, die ersten Texte zu schreiben, überfiel ihn eine totale Schreibblockade: «Ich brachte kein Wort auf Papier», erinnert sich Lipschultz. In seiner Verzweiflung begann er, Filmsets zu besuchen. Er spürte, dass er «mehr über das Filmemachen lernen musste.»

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Alex Lipschultz am ZFF 2017

Bald reiste Lipschultz mit Filmcrews kreuz und quer durch die USA, es verschlug ihn auch nach Europa, wo er auf kleinen Indie-Projekten Mädchen für alles war: «Ich habe in Kamera-Departments gearbeitet, in Sound-Crews, in der Produktion ...» Lipschultz fuchste sich in jeden Job hinein. Der junge Regisseur Andrew Bujalski war es schliesslich, der ihn überzeugte, sich aufs Produzieren zu konzentrieren. Zusammen stemmten sie die irrwitzige Experimentalkomödie «Computer Chess», die prompt Premierenslots in Sundance und Berlin bekam. «Der Film war ein game changer für mich», sagt Lipschultz. Plötzlich rief Richard Linklater («Before Sunrise») an, um ihn für die TV-Serie «Up to Speed» zu engagieren. Und mit der brillanten, verstörenden Komödie «Entertainment» von Rick Alverson, bei der er auch als als erster Regieassistent fungierte, empfahl sich Lipschultz endgültig als Mann fürs Indie-Kino der etwas anderen Art.

Und das drang bis zu einem alten Studienfreund durch: Joshua Z Weinstein. Dieser hatte sich einiges aufgebürdet mit seinem ersten Spielfilmprojekt. Joshua Weinstein wohnte in Crown Heights, Brooklyn, zwischen Jamaikanern und ultraorthodoxen chassidischen Juden, und auf der Suche nach einem Filmstoff entschied sich der jüdisch-säkulare Filmemacher, der vorher Dokumentationen über ferne Völker auf den Philippinen gedreht hatte, nicht für die Jamaikaner, aber für die Chassiden. Weinstein war einem jungen Orthodoxen begegnet, der eine ergreifende Geschichte zu erzählen hatte: Menashe Lustig. Menashe hatte erst seine Frau und in der Konsequenz auch das Sorgerecht für seinen Sohn verloren. Denn die Ultraorthodoxen verlangen, dass ein Kind von einem Mann und einer Frau grossgezogen wird. Aber Menashe weigerte sich, wieder zu heiraten.

MENASHE (© Federica Valabrega)

Die Geschichte liess Weinstein nicht los. Aber sie war kaum mehr dokumentarisch aufzuarbeiten, die Vorkommnisse lagen zu lange zurück und die Leute, die involviert waren, wären wohl nie vor die Kamera getreten. Also rief Weinstein seinen alten Studienfreund Lipschultz an und sagte: «Alex, ich möchte einen Spielfilm drehen. Leider habe ich keine Ahnung, wie das geht.» Lipschultz, der wie Weinstein in einer säkularen jüdischen Familie aufwuchs, nahm die Herausforderung sofort an. «Jedes Filmprojekt klingt zunächst unmöglich, und dieses Projekt», sagt Lipschultz lächelnd, «klang ganz besonders unmöglich ...» Die grosse Schwierigkeit sei es gewesen, einen Weg zu finden in die verschlossene Gemeinschaft der Chassiden: «Die Chassiden sind skeptische Leute, und sie sind erst recht skeptisch, wenn man mit einer Kamera bei ihnen auftaucht.» Doch dank Menashe, der sich breitschlagen liess, die Titelrolle selber zu spielen, bekam das Filmteam Zugang zur Community. MENASHE, meint Lipschultz, «erkannte, dass er uns trauen kann und wir nicht darauf aus sind, ihn blosszustellen.»

Trotzdem brauchte es Chuzpe, den Film zu drehen: «In New York City darf man alles filmen, solange man den Verkehr nicht aufhält», erklärt Lipschultz: «Man hängt einfach Zettel auf: ‹Wer hier entlangläuft, geht das Risiko ein, in einem Film vorzukommen.› Wir sind also in die orthodoxen Nachbarschaften gefahren, haben die Kamera aufgestellt – und sahen uns sofort umringt von 30 Männern mit langen Bärten, schwarzen Hüten und schwarzen Mänteln.» Aber die Leute seien nicht feindselig gewesen, betont er. «Sie waren nur neugierig.»

Menashe Lustig, Joshua Z Weinstein, Ruben Niborski bei den Dreharbeiten (copyright)

Menashe Lustig, Joshua Z Weinstein, Ruben Niborski bei den Dreharbeiten (© Federica Valabrega)

Was den Dreh wirklich meschugge machte: Um das Leben der Orthodoxen so authentisch wie möglich darzustellen, drehte man auf Jiddisch, aber weder Weinstein noch Lipschultz verstehen die Sprache. Das Drehbuch hatten sie auf English geschrieben, jetzt war es an Menashe und den anderen Laienschauspielern, die Dialoge auf Jiddisch vorzutragen. Lipschultz lacht: «Es war verrückt, wir haben einen Film gedreht, ohne wirklich zu wissen, was unsere Schauspieler sagen ...»

Die Lingua franca des Films ist seine universelle, zutiefst menschliche Geschichte: «Wir haben den Film in China gezeigt und er hat Leute berührt, die nicht im Entferntesten Bescheid wussten von der Kultur und dem Leben der Chassiden.» Die Erwartungen hat MENASHE längst übertroffen. In den USA sicherte sich die äusserst erfolgreiche Produktions- und Verleihfirma «A24» die Vertriebsrechte, wobei MENASHE der erste fremdsprachige Film in deren Portfolio ist. An die zwei Millionen US-Dollar hat man im Heimmarkt schon eingespielt. Das einzige, was Alex Lipschultz jetzt noch Bauchschmerzen bereitet: Demnächst soll der Film in der orthodoxen Gemeinschaft in Brooklyn vorgeführt werden. Alex Lipschultz ist gespannt auf die chassidischen Kritiken.

MENASHE läuft ab dem 19. Oktober im Kino.


Alex Lipschultz im Interview


Weiterführende Links:

MENASHE Infos & Trailer


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