Frame: Manifest für das Kino von morgen

03. August 2017

Wenn der Schweizer Film wieder erfolgreich werden will, braucht es einen Systemwechsel in der Förderung sowie eine internationalere Ausrichtung der Branche. Von Denise Bucher und Christian Jungen

1. Film muss neu definiert werden

Die Digitalisierung hat längst auch das Kino erfasst und ver­ändert alles, von der Produk­tion über die Distribution bis zum Konsum. Deshalb muss die Bedeutung des Begriffs «Film» ausgeweitet werden. Dieser muss alle audiovisuel­len Erzählformen umfassen, unabhängig von Form und Vertriebskanal. Dazu gehören Games, Augmented­ und Virtual­-Reality-­Projekte eben­ so wie Serien und Filme für Video­ on ­Demand.

2. Nationales Filminstitut

Die Schweiz braucht eine nationale Ausbildungsstätte, wo angehende Cineasten aus allen Landesteilen einen Austausch pflegen und auch von ausländischen Vorbildern wie Michael Haneke unterrichtet werden. So erhalten sie schon im eigenen Land ein internationales Bewusstsein. Heute ist zum Beispiel das Lehrpersonal an der ZHdK viel zu lokal und zu stark auf den Binnenmarkt konzentriert.

3. Mehr Drehbücher

Es ist eine Katastrophe: Der Bund spricht mehr Beiträge für die Herstellung von Filmen als für Drehbücher. Das muss sich ändern. Es sollen massiv mehr Szenarien gefördert und dann die besten verfilmt werden. Die anderen landen im Papierkorb, wie das in Hollywood auch der Fall ist. Drehbuchautor muss ein anerkannter Beruf werden. Ohne gute Geschichten keine guten Filme.

4. Ein Intendant muss her

Bei der Zürcher Filmstiftung und beim Bund entschei­den Fünfergremien darüber, welche Projekte geför­dert werden. Das führt zu Konsenskino. Intendanten sollen die Kommissionen ab­lösen. Das Modell hat sich in Dänemark und Schweden be­währt, es begünstigt mutigere Entscheide und klärt die Verantwortlichkeiten. Zudem sollte eine Dossiergebühr von 1500 Franken eingeführt werden, damit nur Leute ein­ reichen, die es ernst meinen.

5. Schluss mit der Giesskanne

Heute unterstützen Förderer möglichst viele Filme. Ivo Kummer hat die Filmland­schaft stets mit einem Biotop verglichen. Man wisse nie, wo etwas spriesse. Diese Politik ist gescheitert. Es müssen wie in Skandinavien weniger Filme unterstützt werden, dafür mit grösseren Beträgen. Die Grenze von 1 Million als Höchstbeitrag ist aufzuheben.

6. Mehr Erstlinge

In der Schweiz entstehen verhältnismässig wenig Erst­lingswerke. Israel zum Beispiel gibt über einen Drittel des Fördergeldes für Erstlinge aus. Entsprechend trumpft das Land auf Festivals immer wieder mit neuen Talenten auf. In der Schweiz müssen jungen Talenten ohne grosse Auflagen mit Beiträgen von 300 000 Franken erste Spiel­filme ermöglicht werden.

7. Swiss Films Ade

Die staatliche Promotions­-Agentur kann man streichen. Sie ist zu ineffizient und verbraucht zu viel Geld für Personal und Reisen. Aus dem heutigen Budget von 2,8 Millionen Franken könnte man jenen Produzenten Zuschüsse geben, die Erfolg haben, zum Beispiel in Form einer Oscar­-Nomination. Oft wissen Produzenten selber am besten, wie sie ihre Werke bewerben müssen.

8. Höhere Messlatte für succès cinéma

Die erfolgsabhängige Filmförderung des Bundes ist ein Witz. Bereits für Spielfilme mit 10 000 Eintritten gibt es Entwicklungsbeiträge für ein neues Projekt. Die Marke muss auf mindestens das Fünffache erhöht werden. Zudem sollen Produzenten, die in den letzten drei Jahren Filme mit über 500 000 Eintritten stemmten, vom Bund Zusagen in Millionenhöhe erhalten.

9. Generationenwechsel

In der Förderung braucht es frischen Wind und höhere Ziele punkto Heimmarktanteil und Festivalerfolge. Die Chefs sollten nicht nur Dienstleister der Branche sein, sondern auch ans Publikum denken. Eine Verjüngung schadet auch nicht: Als der neue Schweizer Film in den 1970ern international gefeiert wurde, hatte der Bund mit Alex Bänninger einen Filmchef, der sein Amt mit 29 Jahren antrat.

10. Steuerrabatte für Private

Der Schweizer Film lebt viel zu stark von Subventionen. Es gibt zu wenig privates Kapital im Kreislauf. Bund und Kantone sollten Investoren Steuerrabatte gewähren. Länder wie Spanien (15% auf lokale Ausgaben) und Tschechien (20%) haben dank der Einführung von Steuerrabatten internationale Produktionen angelockt und neue Arbeitsplätze im Filmbereich geschaffen.
 

 
> Weiterlesen: Frame Cover-Story: «Macht den Schweizer Film wieder gross!»


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