FRAME Filmtipp: THE AGE OF ADALINE

11. Juni 2015

Ewige Jugend – davon träumen viele. Das Romantik-Drama THE AGE OF ADALINE verfolgt die Idee weiter: Nach einem Unfall hört Adalines Körper auf zu altern. Mit über 100 Jahren sieht sie aus wie dreissig. Der Film startet heute in den Kinos der Deutschschweiz.

FRAME Filmtipp:

"1937, im Alter von 29 Jahren, verunfallt Adaline in einem Schneesturm mit ihrem Auto: Sie fährt in einen See, verliert das Bewusstsein und ertrinkt fast. Doch als ein Blitz ihr Auto trifft, reanimiert der Stromschlag sie. Ein Erzähler kommentiert das Geschehen und erklärt, wieso die Kombination aus Unterkühlung und Elektrizität ihren Alterungsvorgang stoppt. Die nötige wissenschaftliche Erkenntnis, sagt die sonore Stimme, stamme aus dem Jahr 2035. Ein cleverer Schachzug von Autor J.Mills Goodloe: Indem die Erklärung aus der Zukunft kommt, folgen wir problemlos Adalines Zeitsprung. Jetzt befinden wir uns im Jahr 2014, und sie sieht immer noch aus wie 30 - obwohl sie mittlerweile 106 Jahre alt ist. Sie lebt einsam in San Francisco; Hunde sind ihr Männerersatz. Praktisch niemand kennt ihr Geheimnis. Schon früh hat Adaline begonnen, regelmässig dank gefälschten Ausweisen ihre Identität zu wechseln, um Fragen nach ihrem Alter auszuweichen. Verehrer wimmelt die schöne Frau konsequent ab. Eine Szene zeigt, wie traurig ihre Lage ist: Adaline trifft sich mit ihrer Tochter, und diese sieht aus wie ihre Grossmutter (als die sie sich später auch einmal vorstellt).

Es ist ein schönes Paradox, dass Adaline sich in einer so jugendbesessenen Kultur wie der unsrigen nichts mehr wünscht als Falten und graue Haare. Dabei wirkt sie stets distinguiert, nie larmoyant. Durch ihren oft selbstironischen Witz wächst sie uns Zuschauern ans Herz. Die Dame ist trotz ihrem biblischen Alter auch innerlich nicht vergreist; ihre glatte Oberfläche scheint Adalines Charakter mitgeformt zu haben.

Doch der Preis, den sie zahlt, ist hoch: Sie scheut enge Beziehungen; Rückblenden in die späten sechziger Jahre zeigen, dass sie einst eine grosse Liebe sitzen liess.Als Adaline sich nun in der Silvesternacht im jungen Jahr 2015 auf den ersten Blick verliebt, steht sie vor einem Dilemma: Soll sie wie geplant von San Francisco aufs Land ziehen und sich einmal mehr ein neues Ich aufbauen? Oder soll sie endlich Klartext reden, damit sie ihre Gefühle zum 70 Jahre jüngeren, schwerreichen Philanthropen Ellis ausleben kann?

J.Mills Goodloe und der 32-jährige Regisseur Lee Toland Krieger haben grosses Kino geschaffen. Ihre als Fantasy-Drama verpackte Romanze verführt die Zuschauer zu einem suspension of disbelief, also dazu, ihre Skepsis gegenüber der Fiktion über Bord zu werfen. Dass wir Adaline abnehmen, eine Greisin mit dem Aussehen einer jungen Frau zu sein, liegt auch an Blake Lively. Die 28-jährige Schauspielerin verkörpert in ihrer ersten Kinohauptrolle nach der Serie «Gossip Girl» Adaline mit grosser äusserer und innerer Haltung. Nicht nur vom Aussehen her gleicht sie dabei Cate Blanchett. In Michiel Huisman als Ellis findet Lively einen ebenbürtigen Partner; beide strahlen eine mysteriöse Schönheit aus. Zwischen ihnen sprühen die Funken, was Adalines Leiden greifbarer macht: Weil sie nicht mit diesem Mann altern kann, will sie sich nicht auf eine ernste Liebschaft einlassen. Die hervorragende Besetzung komplettieren die 82-jährige Ellen Burstyn, voller Würde und botoxlos gealtert, als Adalines Tochter und Harrison Ford als Ellis' Vater. Das Spiel, der Rhythmus, die Bilder und die Kostüme wie Adalines Roben aus vergangenen Zeiten fügen sich zu einem stimmigen Ganzen, das uns einen Kinoabend lang verzaubert. Und wenn wir auftauchen aus Adalines Welt, sind wir beim Anblick unserer Falten milder gestimmt" (Flavia Giorgetta, Frame).


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